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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Fünfzehnte Homilie.

3.

Lasset uns also Alles sorgfältig erforschen! Oft ist die Frau, oft sind die Kinder, oft die Freunde, oft die Nachbarn den Unachtsamen zu einer Schlinge geworden. Und warum gibt es denn so zahlreiche Schlingen? Damit wir unsern Flug nicht nach unten nehmen, sondern nach dem, was oben ist, trachten. Denn so lange die Vögel die hohe Luftschichte durchschneiden, werden sie nicht so leicht gefangen; so wirst auch du, so lange du den Blick nach oben richtest, weder von einer Schlinge noch von einer andern Nachstellung leicht erhäscht werden. Der Teufel ist der Vogelsteller, erhebe dich also über die Leimruthen desselben. Wer sich in die Höhe geschwungen, der wird von den weltlichen Dingen Nichts mehr bewundern, sondern wie uns die Stadt und die Mauern derselben als winzig erscheinen und die Menschen als auf der Erde kriechende Ameisen vorkommen, wenn wir den Gipfel der Berge bestiegen: ebenso wird auch dich, hast du dich einmal zu hohen Weisheitsgedanken erschwungen, nichts Irdisches mehr erschüttern können, sondern Alles wird dir geringfügig erscheinen: Reichthum und Ehre, Ansehen und Macht und andere solche Dinge, wenn du zu den himmlischen Gütern aufblickst, wie ja auch dem Paulus Alles kleinlich und der Glanz dieses Lebens unnützer als das, was todt ist, erschien. Darum ruft er auch laut und spricht: „Mir [S. 302] ist die Welt gekreuzigt.” 1 Darum ermahnt er uns auch mit den Worten: „Richtet euren Sinn nach dem Himmlischen.” 2 „Nach dem Himmlischen?” Was sprichst du? Sage es mir! Dorthin, wo die Sonne, wo der Mond ist? Nein, sagt er. Aber wohin denn? Dorthin, wo die Engel, wo die Erzengel, wo die Cherubim und Seraphim sind? Nein, sagt er. Aber wohin denn? Dorthin, wo Christus sitzt zur rechten Hand Gottes. Seien wir, traun, überzeugt, und wollen wir beständig Dieses erwägen, daß, wie dem in der Schlinge gefangenen Vogel die Flügel Nichts helfen, sondern wie er umsonst und vergeblich dort flattert, also auch dir kein Vernünfteln einen Nutzen gewährt, wenn du einmal ganz von einer bösen Begierde umstrickt bist, sondern daß du ein Gefangener bleibst, und wenn du dich noch so sehr wehrst. Die Vögel haben deßwegen Flügel, auf daß sie den Schlingen entrinnen; die Menschen haben darum eine Vernunft, damit sie die Sünde vermeiden. Womit werden wir uns also entschuldigen, was werden wir zu unserer Vertheidigung sagen, wenn wir unvernünftiger find als die Thiere? Denn ein Vogel, der einmal in die Schlinge gerathen und dann entwischt ist; und ein Hirsch, der dem Netze, in das er gerathen, entsprungen, — lassen sich durch dieselben Mittel nicht leicht wieder fangen; denn die Erfahrung belehret sie alle behutsam zu sein. Wir aber fallen in die nämlichen Netze, in die wir schon öfter verstrickt waren, und wir, die wir doch mit Vernunft begabt sind, ahmen die Vorsicht und Sorgfalt der unvernünftigen Thiere nicht nach. Wie oft haben wir z. B. durch den Anblick eines Weibes unzählige Qualen gelitten? Von Begierde entbrannt gingen wir heim und wurden durch viele Tage vom Schmerze verzehrt; und dennoch kommen wir nicht zur Besinnung, sondern fallen, kaum ist die frühere Wunde geheilt, in das nämliche Garn, werden von demselben Netze gefangen und erdulden wegen einer kurzen Augenlust einen lang- [S. 303] wierigen und beständigen Schmerz. Wenn wir aber einmal, gewöhnt sind, den folgenden Ausspruch oft uns selbst zu erneuern, so werden wir uns von allen Gefahren befreien. Weibliche Schönheit ist eine sehr gefährliche Schlinge, oder besser gesagt, nicht weibliche Schönheit, sondern der geile Anblick derselben. Denn wir sollen nicht die Geschöpfe anklagen, sondern uns und unsere Fahrlässigkeit. Sagen wir also nicht: Wenn es nur keine Weibsbilder gäbe! Sondern: Wenn doch nur kein Ehebruch geschähe! Sagen wir nicht: Gäbe es doch keine Schönheit! Sondern: Gäbe es doch keine Unzucht! Sagen wir nicht: „Gäbe es doch keinen Bauch! Sondern: Gäbe es doch keine Unmäßigkeit! Denn nicht der Bauch verursacht die Unmäßigkeit, sondern unsere Fahrlässigkeit. Sagen wir nicht, daß alles Unheil vom Essen und Trinken herkomme, sondern daher, weil wir sorglos und nicht zu ersättigen sind. Der Teufel hat weder gegessen noch getrunken! und ist dennoch gefallen. Paulus hat gegessen und getrunken und ist in den Himmel gekommen. Wie Viele höre ich sagen: Wenn es doch keine Dürftigkeit gäbe! Stopfen wir also Jenen den Mund, die solche Dinge ungeduldig ertragen; denn es ist eine Gotteslästerung, so Etwas zu sagen. Sagen wir also zu ihnen: Ferne sei die Kleinmüthigkeit! Denn die Armuth hat unserm Geschlecht unzählige Güter verschafft, und ohne Armuth nützen die Reichthümer Nichts. Tadeln wir also weder Diese noch Jene. Denn beide, Armuth und Reichthum, sind Waffen und Mittel zur Tugend, wenn wir nur wollen. Gleichwie also der wackere Krieger mit jeder Waffe, die er zur Hand nimmt, seine eigene Tüchtigkeit zeigt, so wird der furchtsame Feigling durch jegliche Waffe gehindert. Und damit du einsehest, daß Dieses wahr sei, so erinnere dich nur an jenen Job, der zugleich reich und arm gewesen, der also beiderlei Waffen gehandhabt und mit beiden gesiegt hat. Als er reich war, sprach er: „Meine Thür stand jedem Ankömmling offen.” 3 [S. 304] Als er aber arm geworden, sprach er: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; wie es dem Herrn gefallen, so ist es geschehen.” 4Als er reich war, zeigte er große Gastfreundlichkeit, als er arm geworden, große Geduld. Und du nun, bist du reich? So zeige große Mildthätigkeit! Bist du in Armuth gerathen? So lege eine große Standhaftigkeit und Geduld an den Taq! Denn es ist weder der Reichthum noch die Armuth an sich selber ein Übel: durch den Gebrauch, den man davon macht, werden sie gut oder böse.

1: Gal. 6, 14.
2: Koloss. 3, 2.
3: Job 31, 32.
4: Job 1, 21.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger