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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Fünfzehnte Homilie.

2.

Lasset uns deßwegen danken, nicht ungeduldig, nicht unwillig werden! Denn daß die Furcht etwas Ersprießliches sei, haben ja meine Worte bewiesen. Höre aber auch den Salomon, der darüber also philosophirt, den Salomon, der in aller Üppigkeit aufwuchs und so vieler Freiheit genoß. Was sagt er also? „Es ist besser, in ein Trauerhaus zu gehen als in ein Haus ausgelassener Freude.” 1 Was sagst [S. 298] du da? Sprich! Wo Jammer, wo Thränen, wo Seufzer, wo Schmerz, wo gewaltige Angst ist, dahin ist's besser zu gehen, als wo Tänze, wo Saitenspiel, wo lautes Gelächter, wo Üppigkeit, Gefräßigkeit und Trunkenheit herrscht? Allerdings, spricht er. Aber warum denn, sage mirs, und aus welchem Grunde? Weil hier die Lüderlichkeit, dort die Eingezogenheit geboren wird. Und wenn sich Jemand zum Mahle eines Reichen begibt, so wird er nicht mehr mit derselben Fröhlichkeit heimkommen, sondern verdrießlich zu seinem Weibe zurückkehren, verdrießlich an seinem eigenen Tische Theil nehmen; er wird dem Gesinde und den Kindern und allen Genossen des Hauses zur Last fallen, weil er seine Armuth mit dem Überflüsse Anderer genauer vergleicht. Und das ist nicht der einzige Nachtheil, sondern er beneidet auch oft seinen Wirth, der ihn zur Tafel geladen, und kehrt also ohne irgend etwas Gutes genossen zu haben in seine Wohnung zurück. Bezüglich Derjenigen aber, die in ein Trauerhaus gehen, kann man nichts Solches sagen: im Gegentheil, dort gibt es viele Weisheit und Einsicht. Denn kaum betritt Jemand die Schwelle eines Hauses, in dem sich ein Todter befindet, und sieht, wie der Leichnam da ausgestreckt liegt, wie das Weib sich die Haare zerrauft, die Wangen zerkratzt, die Arme zerhaut: so wird er gerührt, in Trauer versetzt, und Keiner von den Anwesenden spricht zum Nachbar ein anderes Wort, als daß wir Nichts sind und unser Verderbniß sich nicht aussprechen läßt. Was kann wohl Weiser sein als diese Worte, indem wir sowohl die Nichtigkeit unseres Wesens erkennen als auch unsere Bosheit beklagen und es einsehen, daß die Gegenwart ein Nichts sei; indem wir zwar mit andern Worten, aber in eben dem Sinne jene bewunderungswürdigen und weisheitsvollen Worte Salomons sprechen: „O Eitelkeit der Eitelkeiten, und Alles ist Eitelkeit.” 2 Wer in ein Trauerhaus tritt, beweint sogleich den Verstorbenen, und wäre er sein Feind. Siehst du, wie viel dieses Haus jenem [S. 299] (der tollen Freude) vorzuziehen ist? Dort beneidet man (den Nächsten), und wäre er ein Freund; hier beweint man (den Todten), und wäre er ein Feind. Das ist es ja eben, was Gott vor allem Andern begehrt, unsere Beleidiger nicht zu verhöhnen. Das sind aber nicht die einzigen Vortheile, die uns dort zu Theil werden; es gibt noch andere, die nicht geringer sind als diese. Denn Jeder erinnert sich an seine eigenen Sünden, an den furchtbaren Richterstuhl, an jene Strafen und an das Urtheil; und hat er auch von Andern tausendfaches Unrecht erfahren und Grund bezüglich seines eigenen Hauses zu trauern, so findet er (im Hause der Trauer) gegen Dieß alles ein Mittel und kehrt so (getröstet) zurück. Denn wenn er bedenkt, daß ihm und Allen, die jetzt gar hochmüthig sind, in kurzer Zeit Dasselbe bevorsteht; daß alles Gegenwärtige, Freudiges oder Trauriges, wandelbar ist: so wird er alle Muthlosigkeit und Mißgunst ablegen, sein Herz erleichtern und so getröstet heimkehren; er wird daher gegen Alle milder, leutseliger, weiser und gütiger werden, weil die Furcht vor der Zukunft in seine Seele Einzug gehalten und darin alle Dornen vertilgt hat. Und Das alles wußte nun Jener und sprach: „Es ist besser in ein Trauerhaus zu gehen, als in ein Haus ausgelassener Freude.” 3In dem einen wird die Trägheit, in dem andern die Trauer geboren; in dem einen die Verachtung, in dem andern die Furcht, die uns zu jeglicher Tugend hinführt. Wenn die Furcht nicht was Ersprießliches wäre, so hätte Christus nicht so oft und so lange über jene künftigen Strafen und Peinen geredet. Die Furcht ist nichts Anderes als eine Mauer, eine Festung, ein unüberwindlicher Thurm; wir bedürfen einer starken Umschanzung, weil es von allen Seiten vielfache Nachstellung gibt; darum ermahnt uns Salomon wieder und spricht: „Wisse, daß du mitten unter Schlingen wandelst und auf der Städte Zinnen einhergehst.” 4O wie viel Gutes liegt in diesem Ausspruch, ja nicht weniger [S. 300] als in dem frühern! Lasset uns also denselben alle in unsere Herzen eingraben und ihn immer im Gedächtnisse tragen, und wir werden dann nicht so bald sündigen. Erst wollen wir denselben uns einprägen und mit aller Sorgfalt erwägen! Denn er sagt nicht: „Siehe, du wandelst mitten unter Schlingen,” sondern: „Wisse!” Und weßhalb sagt er denn: „Wisse” ? Die Schlinge, sagt er, ist verborgen. Denn das ist eine Schlinge, wenn das Verderben nicht offen am Tag liegt, der Untergang nicht offenbar ist, sondern ringsum bedeckt daliegt. Darum sagt er: „Wisse!” Du mußt fleißig nachdenken und sorgfältig forschen. Denn wie die Knaben die Schlinge auf dem Boden ausbreiten, so umgibt der Satan die Sünden mit irdischen Lüsten. Du aber „wisse” durch fleissige Umschau, und wenn sich ein Vortheil darbietet, so fasse nicht bloß den Vortheil in's Auge, sondern forsche sorgfältig nach, ob in diesem Vortheil nicht Tod und Sünde versteckt sei; und erblickest du diese, so fliehe davon. Und wieder, begegnen dir Vergnügen und Lust, so fasse nicht bloß die Wonne in's Auge, sondern forsche sorgfältig nach, ob nicht irgend ein Laster in der Tiefe der Wonne versteckt sei; und wenn du es findest, so springe davon. Wenn Jemand Rathschläge gibt, schmeichelt, schön thut, Ehren oder was immer Anderes verspricht, so sollen wir Alles sorgfältig prüfen und von allen Seiten betrachten, damit aus diesem Rathe, aus dieser Ehre, aus dieser Schmeichelei für uns nicht irgend eine Gefahr, nicht irgend ein Schaden entspringe, und damit wir nicht hastig und unvorsichtig hinzulaufen. Denn gäbe es nur eine oder ein paar solcher Schlingen, so könnten wir uns leicht davor hüten. Nun aber höre, wie Salomon spricht, indem er die Menge derselben aufzeigen will! „Wisse, daß du mitten unter Schlingen wandelst.” Er sagt nicht: „Du wandelst neben Schlingen vorbei,” sondern: „Mitten unter Schlingen.” Auf beiden Seiten sind Abgründe, auf beiden Seiten Fallstricke. Es geht Einer auf den Markt, sieht einen Feind, durch den bloßen Anblick geräth er in Zorn. Er sieht einen Freund Lobsprüche ernten, er beneidet ihn. Er erblickt einen Armen, er verachtet ihn und sieht [S. 301] ihn scheel an. Er sieht einen Reichen, und er mißgönnt ihm den Reichthum. Er sieht, wie Jemand schimpflich behandelt worden, und es regt sich der Unwille. Er sieht Einen, der (ihn selber) beschimpft, und er wird zornig. Er sieht ein schöngestaltetes Weib, und er ist gefangen. Siehst du, Geliebter, wie zahlreich die Schlingen sind? Darum sagt er: „Wisse, daß du mitten unter Schlingen wandelst.” Ja es gibt Schlingen zu Hause, Schlingen bei Tisch, Schlingen bei Unterredungen. Oft hat Jemand unter Freunden ein unnützes Wort im Vertrauen gesprochen, das nicht hätte gesagt werden sollen, und dadurch eine solche Gefahr verursacht, daß er das ganze Haus in den Untergang stürzte.

1: Pred. 7, 3: εἰς οἶκον γέλωτος.
2: Pred. 1, 2.
3: Pred. 3, 7.
4: Jes. Sir. 9, 20.

 

 

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Einleitung in die Säulenhomilien

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger