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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Fünfzehnte Homilie.

1.

Ich hätte sowohl heute als am vergangenen Samstag über das Fasten predigen sollen, und Niemand bilde sich ein, daß diese Predigt nicht zeitgemäß wäre. Allerdings braucht man in den Tagen des Fastens hiezu nicht zu rathen, nicht zu ermahnen, weil ja die Gegenwart der Fasttage selbst auch die Lässigsten zum Kampfe des Fastens ermuntert; allein weil viele Menschen vor dem Beginne der Fastenzeit unmäßig viel essen und trinken, als müßte ihr Magen einer langen Belagerung ausgesetzt werden, und dann wieder am Schlüsse derselben, als wären sie einem langwierigen Hunger und dem schweren Kerker des Fastens entronnen, ohne allen Anstand zum Tische hinlaufen und als bemühten sie sich, den Nutzen, den ihnen das Fasten gebracht, durch Unmäßigkeit wieder zu Grunde zu richten: so wäre es sowohl neulich als jetzt am Platze gewesen, über die Mäßigkeit einen Vortrag zu halten. Gleichwohl haben wir weder neulich ein solches Thema behandelt, noch werden wir jetzt davon reden; denn die Furcht vor der gegenwärtigen Noth ist mehr als alles Mahnen und Rathen im Stande, die Herzen Aller zu bessern. Denn wer ist wohl so elend und bejammerungswürdig, daß er sich während eines so gewaltigen Sturmes berauscht? Wer ist so unsinnig, daß er, während die Stadt so aufgeregt und von einem solchen Schiffbruch bedroht ist, nicht nüchtern, nicht wachsam sein, und daß ihn die Angst nicht mehr als alles Zureden und Mahnen bessern sollte? Eine Rede wird nie soviel als die Furcht ausrichten können; und gerade Dieses läßt sich auch aus den gegenwärtigen Ereignissen zeigen. Denn wie viele Reden haben wir darauf verwendet, viele der Trägen zu spornen und ihnen den Rath zu ertheilen, die [S. 296] Theater und die aus denselben entspringenden Zügellosigkeiten zu fliehen? Und sie mieden sie nicht, sondern liefen fortwährend bis auf den heutigen Tag zu den verbotenen Tanzspielen hin, stellten der vollen Versammlung der Kirche Gottes eine Versammlung des Teufels gegenüber, und es erschallte von dorther ein gewaltiger Lärm, den sie erhoben, den Psalmengesängen dieser (geheiligten) Stätte entgegen. Aber siehe, jetzt während ich schweige und Nichts davon sage, haben sie das Theater freiwillig geschlossen, und Niemand geht mehr in die Rennbahn. Vorher liefen viele der Unsrigen dahin, jetzt aber fliehen Alle von dorther zur Kirche, und sie alle preisen unsern Gott. Siehst du, was aus der Furcht für ein großer Nutzen entsprang? Wenn die Furcht nicht etwas Heilsames wäre, so würden die Eltern den Kindern keine Zuchtmeister, die Gesetzgeber den Städten keine Obrigkeiten geben. Was ist wohl schrecklicher als die Hölle? Und doch ist Nichts heilsamer als die Furcht vor derselben, denn die Furcht vor der Hölle verschafft uns die Krone des (himmlischen) Reiches. Wo Furcht ist, da ist keine Mißgunst; wo Furcht ist, da beunruhigt (uns) keine Begierde nach irdischen Schätzen; wo Furcht ist, da erlischt alle Wuth; da wird die böse Luft zur Ordnung gebracht und jede schlechte Leidenschaft gründlich zerstört. Und gleichwie sich einem Hause, das stets von einem bewaffneten Krieger bewacht wird, kein Mörder, kein Dieb, noch ein anderer ähnlicher Bösewicht zu nähern wagt: so wird auch, wenn die Furcht unsere Herzen besetzt hält, keine der schnöden Leidenschaften leicht in dieselben sich einschleichen, sondern alle fliehen und werden verscheucht, ringsum verfolgt von der herrschenden Furcht. Und das ist nicht der einzige Vortheil von Seite der Furcht, sondern es gibt noch einen weit größern als ihn; denn sie verscheucht nicht bloß unsere bösen Leidenschaften, sondern sie führt uns auch recht freundlich zu jeglicher Tugend. Denn wo Furcht ist, dort ist auch Lust zur Mildthätigkeit, Eifer zum Beten, dort sind heisse und ununterbrochene Thränen, dort Seufzer, die Frucht großer Zerknirschung; denn Nichts verzehrt die Sünde so sehr, Nichts fördert so das Wachsthum der Tugend als [S. 297] eine beständige Furcht. Darum kann Derjenige, der nicht in Furcht lebt, nicht tugendhaft leben, sowie es unmöglich ist, daß Derjenige, der in Furcht lebt, sich der Sünde hingebe. Laßt uns also nicht trauern, meine Geliebten, und nicht kleinmüthig werden ob der gegenwärtigen Trübsal, sondern die erfindungsreiche Weisheit Gottes bewundern! Denn wodurch der Teufel unsere Stadt zu Grunde zu richten vermeinte, dadurch hat Gott dieselbe erhalten und gebessert. Denn der Teufel hatte einigen Frevlern eingeflüstert, die kaiserlichen Standbilder zu beschimpfen, damit dann die Stadt selbst der Erde gleich gemacht würde; Gott aber hat gerade diese Frevelthat als Mittel gebraucht, um uns dadurch eher zu bessern, indem er durch die Furcht vor der erwarteten Drohung alle Trägheit verscheuchte. Es erfolgte also aus dem Anschlag des Satans das Gegentheil von dem, was er gewollt; denn die Stadt reinigt sich von Tag zu Tag mehr: Gassen und Strassen und öffentliche Plätze sind von unzüchtigen und schlüpfrigen Liedern frei; wohin man nur schaut, bemerkt man statt eines ausgelassenen Gelächters Gebet, Andachtsstille und Thränen, und statt schandbarer Worte hört man vernünftige Reden; unsere ganze Stadt ist zur Kirche geworden, indem die Werkstätten geschlossen sind, alle Bewohner den ganzen Tag öffentlich mit Gebeten zubringen und Gott mit einmüthiger Stimme und großem Eifer anrufen. Welche Predigt hätte das je zu erreichen vermocht? Welche Ermahnung? Welcher Rath? Welche Länge der Zeit?

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger