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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Vierzehnte Homilie.

6.

Ich habe im Anfang der Rede zu beweisen versprochen, daß aus sich widersprechenden Schwüren nothwendig ein Meineid entstehe; allein der Verlauf der Geschichte hat weit mehr, als ich mir vorgenommen, zu Tage gefördert; denn sie hat gezeigt, daß nicht ein Mensch, nicht deren zwei oder drei, sondern ein ganzes Volk nicht einen oder zwei oder drei, sondern viel mehr Eide, die dann gebrochen wurden, geschworen. Ich könnte noch eine andere Geschichte erzählen und auch aus derselben beweisen, daß ein einziger Schwur ein noch größeres und schrecklicheres Unheil als dieses verursachte. Denn ein einziger Schwur hat die Einnahme von Städten, die Gefangennahme von Weibern und Kindern, hat Städtebrand, Einfall der Barbaren, Schändung des Heiligthums und unzählige andere Übel über alle Juden gebracht. Aber ich sehe, daß meine Rede zu lang wird. Darum will ich die Erzählung dieser Geschichte abbrechen und euch nur ermähnen, die Enthauptung des Johannes, die Ermordung des Jonathan und den allgemeinen Untergang des ganzen Volkes —- der zwar nicht erfolgte, sich aber aus den zwingenden Eiden ergab — unter euch zu besprechen, und zu Hause und auf dem Markte, bei euren Gattinen, Freunden und Nachbarn und überhaupt bei allen Leuten in Bezug auf diesen Gegenstand euch Mühe zu geben und ja nicht zu wähnen, daß es für uns eine genügende Entschuldigung sei, wenn wir die Gewohnheit (zu schwören) vorschützen. Denn daß Dieses nur Vorwand und Ausrede sei, und daß die Schuld nicht in der Gewohnheit, sondern in der Lässigkeit liege, das will ich euch aus dem zu beweisen versuchen, was erst vor Kurzem geschah. Der Kaiser hat die städtischen Bäder geschlossen und geboten, daß Niemand sich bade; und kein Mensch hat [S. 291] es gewagt, das Gebot zu verletzen, die Sache zu tadeln oder die Gewohnheit vorzuschützen; sondern vielfach kränkelnde Leute, sowohl Männer als Frauen, Kinder und Greise, viele Wöchnerinen, die erst kürzlich die Wehen bestanden, und Alle, die gezwungen dieses Heilmittel suchen, beobachten, sie mögen nun wollen oder nicht, diesen Befehl und schützen weder die Krankheit des Leibes, noch die tyrannische Macht der Gewohnheit, noch das, daß sie für die Verbrechen Anderer büßen, noch sonst irgend etwas Ähnliches vor, sondern nehmen diese Züchtigung willig auf sich, weil sie größere Übel besorgen, und beten tagtäglich, daß sich der Zorn des Kaisers damit begnüge. Siehst du, daß, wo Furcht vorhanden, die Gewohnheit leicht überwunden wird, und wenn sie auch sehr alt und eingewurzelt sein sollte? Gleichwohl ist es beschwerlich, sich nicht baden zu dürfen. Wir mögen philosophiren, soviel wir nur wollen, die Natur des (menschlichen) Körpers beweist es, daß alles Philosophiren des Geistes der Gesundheit desselben Nichts fromme; das Nichtschwören aber ist gar leicht und bringt keinerlei Nachtheil, weder dem Leib noch der Seele, wohl aber vielen Gewinn, großen Nutzen und erheblichen Wohlstand. Wie, ist es also nicht ungereimt, auch das Schwierigste, wenn es der Kaiser gebietet, zu ertragen, wenn aber Gott ein Gebot gibt, das nicht drückend und schwer, sondern sehr leicht und bequem ist, es zu verachten, zu verlachen und die Gewohnheit als Vorwand zu nehmen? Ich bitte euch, lasset uns doch unser Heil nicht so gering achten und Gott wenigstens ebenso fürchten, als wir einen Sterblichen scheuen. Ich weiß, daß ihr bei Anhörung dieser Worte erschaudert; es ist aber auch billig, daß wir erschaudern, wenn wir Gott nicht eine ebenso große Ehre erweisen, sondern die Befehle des Kaisers fleissig befolgen, die göttlichen aber, und die uns vom Himmel gekommen, mit Füßen treten und den dießbezüglichen Eifer als eine Nebensache betrachten. Denn was wird uns wohl für eine Entschuldigung übrig bleiben? Welche Nachsicht, wenn wir nach einer so oftmaligen Ermahnung es immer beim Alten belassen? Denn gleich beim Beginne des Unglücks. das unsere Stadt drückt, habe ich [S. 292] diese Ermahnung begonnen. Dieses wird wohl bald sein Ende erreichen, wir aber haben ein Gebot noch nicht erfüllt. Wie können wir denn aber die Befreiung von den Leiden, die uns drücken, begehren, da wir nicht einmal ein Gebot zu erfüllen vermochten? Wie können wir denn einen Umschwung zum Bessern hoffen? Wie werden wir denn beten? Mit welcher Zunge werden wir Gott anrufen? Leisten wir nämlich dem Gebote Genüge, so werden wir eine große Wonne empfinden, sobald der Kaiser mit der Stadt ausgesöhnt ist; verharren wir aber in dieser Sünde, so wird uns von allen Seiten Schmach und Schande zu Theil, weil wir, nachdem Gott die Gefahr beseitiget hat, in derselben Trägheit verblieben. O stände es doch in meiner Gewalt, denen, die oft schwören, ihre Seelen unverhüllt vor Augen zu stellen und ihnen die Wunden und Narben zu zeigen, die sie sich durch ihre Schwüre täglich zuziehen! Wir würden dann keiner Ermahnung, keines Rathes bedürfen; der Anblick der Wunden würde einen größern Eindruck als all mein Predigen machen und Diejenigen, welche dieser bösen Gewohnheit noch so sehr fröhnen, von diesem Laster zu befreien vermögen. Da es aber unmöglich ist, die Häßlichkeit der Seele ihren (leiblichen) Augen zu zeigen, so können wir dieselbe doch ihrem Geiste vorführen und zeigen, wie verfault und verdorben sie ist. „Denn wie ein Knecht,” heißt es, „welcher beständig gefoltert wird, der Striemen nicht los wird: so kann der, welcher immerfort schwört und den Namen Gottes im Mund führt, von der Sünde nicht gereiniget werden.”1Denn es ist unmöglich, ja unmöglich, daß ein Mund, dem das Schwören zur Gewohnheit geworden, nicht oft auch falsch schwören sollte. Deßwegen bitte ich Alle, diese schädliche und verderbliche Gewohnheit aus dem Herzen zu bannen, um einer andern Krone theilhaftig zu werden. Und gleichwie man aller Orten von unserer Stadt rühmt, daß sie unter allen Städten der Erde die erste gewesen, in der die Christen [S. 293] Christen2genannt worden sind: so bringt es auch dahin, daß man allgemein sage, Antiochia sei die einzige unter allen Städten der Erde, welche das Schwören aus ihren Marken verbannt hat. Ja wenn Dieses geschieht, so wird sie nicht bloß selber die Krone erlangen, sondern auch andere Städte zu demselben Eifer ermuntern. Und gleichwie der Name der Christen, der von hier aus wie aus einer Quelle den Ursprung genommen, den ganzen Erdkreis überschwemmt hat: so soll denn auch diese Tugend von hier die Wurzel und den Ausgangspunkt nehmen und alle Menschen, welche die Erde bewohnen, zu eueren Schülern machen, so daß euch ein doppelter und dreifacher Lohn zu Theil werde, sowohl für eure eigenen Verdienste, als für die Unterweisung der Andern. Diese Tugend wird euch mehr Glanz verleihen als jegliche Krone; sie wird eure Stadt zur Hauptstadt nicht bloß auf der Erde, sondern auch im Himmel erheben; sie wird uns auch an jenem Tage beschützen und uns die Krone der Gerechtigkeit reichen, die uns allen zu Theil werden möge durch die Liebe und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, dem mit dem Vater und zugleich dem heiligen Geiste sei Ehre, jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. —

1: Jes. Sir. 23, 11.
2: Um das Jahr 4O nach Christus bildete sich die erste heidenchristliche Gemeinde zu Antiochia am Orontes, und die Gläubigen wurden etwa um das Jahr 43 Χριστιανοί genannt. Verglelche Apostelgesch. 11, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger