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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Vierzehnte Homilie.

4.

Allein besehen wir uns das Folgende. „Und Saul sprach: Lasset uns den Fremdlingen nachziehen und sie berauben. 1Und der Priester sprach: Lasset uns hieher zu Gott treten.” 2Vor Alters war nämlich Gott der Heerführer im Kriege, und ohne seinen Ausspruch hätten sie es nie gewagt, einen Kampf zu beginnen; der Krieg hatte also bei ihnen eine religiöse Grundlage. Wurden sie also zuweilen besiegt, so unterlagen sie nicht aus leiblicher Ohnmacht, sondern ob ihrer Sünden; und wenn sie siegten, so siegten sie nicht durch ihre Kraft und Mannhaftigkeit, sondern durch den himmlischen Beistand. Sowohl der Sieg als die Niederlage war für sie ein Ringplatz und eine Schule der Tugend, nicht allein aber für sie, sondern auch für die Feinde derselben. Denn auch diese wußten es wohl, daß der Krieg gegen die Juden sich nicht durch den Zustand der Waffen, sondern durch das Leben und die Verdienste der Krieger entscheide. Das sahen also die Madianiter und wußten, daß dieses Volk unbezwingbar sei und durch Kriegsmaschinen und Waffen nicht besiegt werden könne, und daß es nur durch die Sünde möglich sei, es zu bewältigen. Sie schmückten also schöngestaltete Jungfrauen, stellten sie vor das Kriegslager hin und trachteten so die Soldaten zur Unzucht zu reizen und ihnen durch diese Sünde den Beistand Gottes zu rauben. Und das gelang ihnen auch. Denn nachdem sie in diese Sünde gefallen, wurden Alle leicht überwunden, und Diejenigen, welche Waffen und Rosse und Krieger und so viele Kriegsmaschinen nicht zu bezwingen vermochten, hat die begangene Sünde gefesselt und dem Feind überliefert: Schilde, Speere und Pfeile blieben sämmtlich ohne Erfolg, aber ein schönes Gesicht und eine unkeusche Seele überwand die sonst tapfern Männer. Darum mahnet einer und spricht: „Betrachte nicht eine fremde Schönheit und nahe nicht einem [S. 285] verbuhlten Weibe.” 3 „Denn von den Lippen eines buhlerischen Weibes strömt Honig, der eine Zeit lang deine Kehle letzet; dann aber wirst du ihn bitterer als Galle empfinden und schärfer als ein zweischneidiges Schwert.” 4 Denn eine Buhlerin weiß nicht zu lieben, sondern sie stellt (dir) nur nach. Ihr Kuß enthält Gift und ihr Mund tödtliches Gift. Wenn sich aber auch die Wirkung nicht alsogleich zeigt, so sollen wir gerade darum um so mehr vor der Buhlerin fliehen, weil sie das Verderben verdeckt, den Tod verborgen in sich trägt und ihn nicht gleich im Beginne an den Tag treten läßt. Liebt also Jemand die Freude und ein Leben voll Lust, der fliehe den Umgang mit buhlenden Frauen; denn sie erfüllen die Herzen ihrer Liebhaber mit tausendfachem Kriege und Aufruhr, indem sie ihnen durch all' ihre Worte und Handlungen Streit und beständigen Hader erregen. Und wie die grimmigsten unter den Feinden thun auch sie Alles und geben sich Mühe, dieselben in Schande und Armuth und ins äusserste Elend zu stürzen. Und gleichwie die Jäger die Netze ausspannen und das Wild hineinzutreiben versuchen, um dasselbe zu tödten: so auch die Buhlerinen. Nachdem sie die Fittige ihrer Geilheit 5 ringsum durch die Augen, Kleidung und Worte ausgespannt haben, so treiben sie dann ihre Liebhaber hinein, umstricken sie und lassen nicht eher von ihnen, als bis sie dieselben selbst bis aufs Blut ausgesaugt haben; dann verspotten sie dieselben, verhöhnen ihre Thorheit und ergießen sich über sie in ein lautes Gelächter. Es verdient aber ein Solcher auch keinerlei Mitleid, sondern verlacht und verspottet zu werden, weil er thörichter als ein Weib und zwar als ein verbuhltes Weib ist. Darum mahnt jener weise Mann wieder und spricht: „Trinke Wasser aus deinen Gefäßen und aus dem Quell deiner Brunnen.” 6 [S. 286] Und wieder: „Dein Umgang sei mit einer lieblichen Hindin und mit dem zärtlichen Nachwuchs.” 7Das sagt er vom Weibe, welches in gesetzlicher Ehe mit dir vereiniget lebt. Warum verlässest du deine Gehilfin und läufst der Verführerin nach? Warum empfindest du Eckel vor deiner Lebensgenossin und jagst Derjenigen nach, die dir das Leben verkümmert? Jene ist dein Glied und dein Leib, diese ein zweischneidiges Schwert. Darum, Geliebte, fliehet die Hurerei sowohl wegen der gegenwärtigen Nachtheile, als auch wegen der künftigen Strafe. Vielleicht erscheint euch das als eine Abschweifung vom Thema; allein das heißt nicht abschweifen; denn wir wollen euch die geschichtlichen Thatsachen nicht einfach vorlesen, sondern alle Leidenschaften, die euch in Unruhe versetzen, zum Bessern wenden. Darum bringen wir so häufige Rügen und führen vor euch eine so vielgestaltige Sprache, weil es wahrscheinlich ist, daß es unter einem so zahlreichen Volke auch mannigfaltige Krankheiten gibt, und weil es unsere Aufgabe ist, nicht bloß eine Wunde, sondern viele und vielerlei Wunden zu heilen; darum muß auch das Heilmittel der Lehre ein verschiedenartiges sein.

Kehren wir nun dahin zurück, wo wir abgekommen sind, um diese Bemerkung zu machen. Und der Priester sprach: „Lasset uns hieher zu Gott treten. Und Saul fragte den Herrn: Soll ich den Fremdlingen nachjagen, und wirst du sie in meine Hände geben? Und der Herr antwortete ihm nicht an jenem Tage.“' 8Betrachte nur die Güte und Milde des menschenfreundlichen Gottes! Er hat keinen Blitz entsendet, nicht die Erde erschüttert, sondern wie sich Freunde gegen beleidigende Freunde benehmen, so hat es der Herr mit seinem Knechte gemacht: er schwieg nur dazu, redete aber durch dieses Schweigen und zeigte ihm seinen ganzen Unwillen. Das erkannte Saul auch und sprach, wie es in der Schrift heißt: „Führet hieher alle Stämme des Volkes und [S. 287] untersuchet und sehet, von wem diese Sünde 9heute begangen worden; denn so wahr der Herr lebt, Israels Retter, wenn der Spruch gegen Jonathan, meinen eigenen Sohn, ist, so soll er des Todes sterben.” 10Siehst du die Unbesonnenheit? Denn obgleich er sieht, daß man den erstern Schwur übertrat, so läßt er sich dadurch dennoch nicht witzigen, sondern fügt noch einen fernern bei. Betrachte auch die Bosheit des Teufels! Denn weil er wußte, daß der Sohn, der auf der That ertappt und zur Strafe vorgeführt wird, oft durch den bloßen Anblick den Vater sogleich zu besänftigen und den Zorn des Königs zu stillen vermag: so versichert er sich seines (erstern) Schwures neuerdings durch einen zweiten zwingenden Eid, hält ihn so an einem gedoppelten Strick und gestattet es nicht, daß Saul Herr seines eigenen Ausspruches sei, sondern drängt ihn von allen Seiten zu diesem widerrechtlichen Mord. Saul weiß noch nicht, wer gesündiget hat, und spricht schon das Urtheil; er kennt den Schuldigen nicht und bricht schon den Stab über ihn; der Vater wird zum Henker (des Sohnes) und fällt vor der Untersuchung das Verdammungsurtheil. Kann es wohl einen größern Unverstand geben als diesen?

1: I. Kön. 14, 36.
2: Ebendas. Vers 36; d. h. vorher Gott um Rath fragen bei der heil. Lade.
3: Pred. 9, 8. 3.
4: Sprüchw. 5, 3. 4 (LXX).
5: Πτερὰ τῆς ἀσελγείας ═ pennae lasciviae. Montf.
6: Sprüchw. 3, 15. D. h. begnüge dich mit dem Weibe, mir dem du in keuscher Liebe durch die Ehe verbunden bist.
7: Sprüchw. 5, 19 (LXX).
8: I. Kön. 14, 36. 37.
9: Ἁμαρτία — kann hier auch das „Fehlen”, Ausbleiben des göttlichen Entscheides — auf die Anfrage Sauls — bedeuten.
10: I. Kön. 14, 33.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger