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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Vierzehnte Homilie.

3.

Nachdem also das ganze Volk so vernünftig gehandelt, ist dann Nichts weiter geschehen? Ist also der Schwur beobachtet worden? Er wurde auch so nicht gehalten, sondern gebrochen. Wie und auf welche Weise? Ihr werdet es gleich hören, damit ihr zugleich die ganze List des Teufels erfahret: „Denn Jonathan, der den Schwur seines Vaters nicht gehört hatte, streckte die Spitze seines Stabes aus, den er in seiner Hand hielt, und tauchte sie in den Honigwaben und wandte die Hand zu seinem Munde, und seine Augen blickten wieder empor.” 1Sieh, wen er zum Meineid verleitet ! Nicht einen aus den gemeinen Soldaten, sondern selbst den Sohn Dessen, der den Eidschwur gethan. Denn er wollte nicht nur einen Meineid veranlassen, sondern er zettelte auch einen Kindesmord an und flocht schon von der Ferne die Fäden und beeilte sich, die Natur mit sich selber in Zwiespalt zu bringen, und was er einst bei Jephte 2 zu Stande gebracht, das hoffte er auch später bewirken zu können. Denn da Jener Gott gelobt hatte, ihm Denjenigen zu opfern, der ihm zuerst nach dem Siege im Felde begegnen würde, wurde er ein Kindsmörder; denn er opferte ihm das Töchterlein, das ihm zuerst entgegen trat, und Gott ließ es zu. Ich weiß wohl, daß uns Viele von den Ungläubigen ob dieses Opfers Grausamkeit und Unmenschlichkeit zum Vorwurfe machen; 3ich aber möchte behaupten, Gott habe dieses Opfer [S. 282] zugelassen, um seine große Sorgfalt und Menschenfreundlichkeit zu bezeugen, und aus Liebe zu unserm Geschlechte jenen Mord nicht gehindert. Denn hätte er nach jenem laut ausgesprochenen Gelübde das Opfer verhindert, so hätten nach Jephte wohl Manche mehr solche Gelübde in der Hoffnung gethan, daß sie Gott nicht annehmen würde, und hätten sich so nach und nach der Ermordung ihrer Kinder schuldig gemacht; da nun aber Gott die wirkliche Erfüllung zuließ, so hat er das bei der ganzen Nachwelt verhindert. Und das ist thatsächlich so: Nachdem die Tochter des Jephte als Opfer gefallen, wurde, damit dieß Unglück in Erinnerung bliebe und nicht in Vergessenheit käme, bei den Juden das Gesetz gegeben, daß die Jungfrauen um jene Zeit sich versammeln und den begangenen Mord durch vierzig Tage beweinen sollten, um durch Thränen das Andenken an dieses Opfer zu erneuern, alle Nachkommen vorsichtiger zu machen und sie zu belehren, daß diese That nicht nach der Absicht Gottes gewesen; denn sonst hätte er es wohl nicht gestattet, daß die Jungfrauen trauern und weinen. Und der Erfolg hat gezeigt, daß das, was ich sagte, keine Muthmaßung sei. Denn nach jenem Opfer hat Niemand mehr Gott ein solches Gelübde gethan; darum hat Gott das Opfer nicht verhindert; wohl aber hat er das Opfer, das er in Bezug auf den Isaak selber befohlen, verhindert und in beiden Fällen gezeigt, daß er an solchen Opfern kein Wohlgefallen habe. Allein der böse Feind bemühte sich auch jetzt, ein solches Trauerspiel in Scene zu setzen; darum trieb er den Jonathan an, dem Schwure zuwider zu handeln. Denn hätte nur einer der gemeinen Soldaten das Gebot übertreten, so [S. 283] wäre ihm das angerichtete Unheil nicht als etwas Großes erschienen. Nun aber glaubte der Satan, der am Unglück der Menschen nie satt wird und an unserm Elende nie genug hat, keine große That zu verrichten, wenn er nur einen einfachen Mord verursachen würde, sondern er glaubte nichts Erhebliches geleistet zu haben, wenn er nicht die Rechte des Königs durch den Mord seines Sohnes befleckte. Ja was rede ich vom Morden des Sohnes? Denn jener boshafte Geist war neuerdings darauf bedacht, einen noch abscheulichern Mord als diesen zu ersinnen. Denn hätte der Sohn wissentlich das Gebot übertreten, und wäre er so als Opfer gefallen, so wäre das einfach ein Kindsmord gewesen; da er nun aber das Gebot, ohne es zu kennen, verletzte (denn er hatte den Schwur nicht gehört), so hätte er durch seinen Tod dem Vater einen doppelten Kummer verursacht: er hätte nämlich den Sohn und zwar den Sohn, der keinen Fehltritt gethan, opfern müssen. Jedoch wir müssen den weitern Verlauf der Geschichte verfolgen. Nachdem er nämlich gegessen hatte, heißt es, wurden seine Augen erfrischt. Auch dadurch beschuldigt er den König, recht thöricht gehandelt zu haben, indem er zeigt, daß der Hunger fast alle Krieger geblendet und ihre Augen in ein dichtes Dunkel gehüllt habe. Dann aber, heißt es, sprach einer der Krieger, ein Augenzeuge: „Dein Vater hat das Volk, das heute Speise genöße, durch einen Eidschwur gebunden; und das Volk war ermattet. Und Jonathan sprach: Mein Vater bringt das Land in Verwirrung.” 4Was heißt das: Er bringt in Verwirrung? Er verdirbt Alle, richtet Alle zu Grunde. Nachdem also der Schwur übertreten war, schwiegen Alle, und Niemand getraute sich, den Schuldigen vorzuführen. Das war aber auch wieder kein geringes Verbrechen; denn nicht bloß Diejenigen, die einen Schwur übertreten, sondern auch die, welche darum wissen und die Sache verhehlen, nehmen Theil an diesen Verbrechen. [S. 284]

1: Ebendas. Vers 27. Ἀνέβλεψαν d. h. sie wurden erfrischt, wieder helle. Vergl. Vers 24, wo es (im Hebräischen) heißt: „Die Männer Israels waren matt an jenem Tage.”
2: Richt. 11, 39.
3: Von diesem Gelübde des Jephte sagt Ambrosius Offic. III, 2) „dura promissio”; Theodoret (qu. 20. in Jud. nennt es „ein sehr unüberlegtes Gelübde (ἀνόητος ἄγαν ὑπόσχεσις); Hieronymus sagt (in Jov.): „improspectu voverat.” Vor den Augen Gottes aber wog der innere Glaubensmuth und die allbereite Opferwilligkeit mehr, als die Verirrung der äußern Handlung (non sacrificium placet sed animus offerentis. Hieron. in Jerem. 8). Der heil. Paulus reiht den Jephte unter die Glaubenshelden des A. T. wegen der Gesinnung, trotz der That.
4: I. Kon. 14, 28. 29.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger