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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Vierzehnte Homilie.

2.

Und damit Dieses nicht nur aus dem, was tagtäglich in den Häusern und auf den Gassen geschieht, sondern auch aus der Schrift selber erhelle, so will ich euch eine alte Geschichte 1erzählen, die zu dem, was bereits gesagt worden, paßt. Als einmal die Feinde über die Juden herfielen und Jonathan (es war aber Dieß der Sohn Saul's) dieselben angriff, sie zum Theile erschlug, zum Theil in die Flucht trieb: so wollte Saul, dessen Vater, das Heer gegen die Übriggebliebenen noch fürder anspornen und bewirken, daß es nicht früher abließe, als bis es sie alle bewältiget hätte. Er bewirkte nun aber das Gegentheil von dem, was er gewünscht, indem er den Schwur that, Niemand soll vor dem Abend, bis er sich an den Feinden gerächt haben würde, seinen Imbiß verzehren. Was konnte nun wohl thörichter sein als das? Denn anstatt die ermüdeten und durch die große Anstrengung abgehetzten Krieger durch eine Zwischenrast zu erquicken und sie dann mit erneuerter Kraft [S. 279] gegen die Feinde zu senden, ging er mit ihnen grausamer als mit den Feinden selbst um, indem er, durch den Eidschwur gebunden, sie dem grimmigsten Hunger preisgab. Es ist nun schon gefährlich, wenn Jemand einen Schwur thut, der nur ihn selber angebt; denn wir werden oft durch die Lage der Dinge bezwungen. 2 Die Gefahr ist aber weit größer, wenn man durch den Zwang der persönlichen Eide die Gesinnung Anderer bindet, zumal wenn Jemand durch seinen Schwur nicht Einem, oder Zweien, oder Dreien, sondern einer zahllosen Menge eine Verbindlichkeit auflegt. Das hat damals auch Saul unvorsichtig gethan und nicht überlegt, daß, wie es bei einer so großen Schaar wahrscheinlich war, wenigstens Einzelne den Eid brechen würden. Er hat nicht bedacht, daß Soldaten und zwar Soldaten im Kampfe einer reifen Überlegung unfähig seien und ihren Magen, zumal bei einer so gewaltigen Arbeit, nicht zu beherrschen verstehen. Allein Das alles überlegte er nicht und schwur, als beträfe es nur einen Sklaven, über den er leicht Gewalt üben könnte. So dachte er nun über das sämmtliche Kriegsheer, und darum eröffnete er dem Teufel einen so geräumigen Eingang, daß er in kurzer Zeit aus diesem Eide nicht bloß zwei, drei oder vier, sondern eine weit größere Anzahl Meineide flocht. Gleichwie wir nämlich, wenn wir gar nicht schwören, ihm jeglichen Zugang versperren, ebenso bieten wir ihm, wenn wir auch nur einen Schwur thun, eine schöne Gelegenheit dar, zahllose Meineide zusammen zu schmieden. Denn wie Diejenigen, welche Ketten verfertigen, wenn sie nur Jemand haben, der ihnen das erste Glied hält, die ganze Gliederreihe sorgfältig herstellen; wenn aber Niemand da ist, der Dieses thut, 3damit nicht einmal den Anfang zu machen vermögen; auf die nämlicbe Weise kettet der Satan unsere Sünden zusammen: wenn er den Anfang nicht von unserer Zunge hernimmt, so kann er nicht einmal beginnen. Machen [S. 280] wir aber nur einmal den Anfang, und halten wir mit der Zunge, wie mit der Hand, den Schwur, so legt der Satan mit vieler Leichtigkeit seine boshafte Kunst an den Tag, indem er an einen Schwur zahllose Meineide als Glieder anreiht. Das hat er nun auch bei Saul so gemacht. Siehe nur, was aus diesem Schwur alsbald für eine Kette entsteht! Das Heer durchzog einen Wald, in dem es viel Honigseim gab; der Honig lag vor den Augen der Mannschaft; das Heer ging zum Honigseim hin und redete davon während des Zuges. Siehst du, welch' ein Abgrund? Der Tisch war von selber bereitet, so daß sie die Leichtigkeit des Zugreifens, die Süßigkeit der Speise und die Hoffnung, verborgen zu bleiben, verlockte, die Eide zu brechen. Denn der Hunger, die Ermüdung und die gelegene Zeit („denn die ganze Erde,” heißt es4 „machte Mittag”) reizte sie zum Meineide. Aber auch schon der äussere Anblick der Honigwaben lahmte ihren Muth und lockte sie an. Denn die Süßigkeit des Mahles, die Leichtigkeit dazu zu gelangen und die Schwierigkeit den Raub zu entdecken waren im Stande, alle Überlegung zu berücken. Denn wäre es Fleisch gewesen, das man erst hätte kochen und braten müssen, so würde es ihr Herz nicht so bezaubert haben, da sie sich mit dem Kochen und dem Zubereiten der Speise hätten aufhalten und besorgen müssen, darüber ertappt zu werden. Aber so war es hier nicht, sondern es war nur Honig vorhanden, wobei es keiner weitern Zubereitung bedürfte; man brauchte bloß die Fingerspitze in den Honig zu tauchen und heimlich von diesem Tisch zu genießen. Die Krieger jedoch bezähmten ihre Begierde und sprachen nicht unter einander: „Was geht denn das uns an? Hat denn Einer aus uns diesen Schwur gethan? Er mag für seinen unüberlegten Eid immerhin büssen. Warum hat er denn geschworen?” Nicht also dachten die Krieger, sondern sie schritten mit vieler Ehrfurcht (am Honig) vor- [S. 281] über, und obwohl es für sie soviel Verlockendes gab, hielten sie sich dennoch in Schranken: „Und das Volk zog redend vorüber.” 5Was heißt das: „Redend”? Sie trösteten sich in ihrem Leiden durch Wechselgespräche. —

1: I Kön. 14, 24 ff.
2: D. h. durch die Umstände genöthigt, den Eid zu brechen.
3: D. h. der das erste Glied hält.
4: I. Kön. 14, 24 (LXX).
5: I. Kön. 14, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger