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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Vierzehnte Homilie.

1.

Der Satan hat uns gestern die Stadt nicht wenig verwirrt, aber Gott hat uns auch wieder nicht wenig getröstet, so daß Jeder von uns jenen Spruch des Propheten mit Recht anführen kann: „Nach der Menge meiner Schmerzen in meinem Herzen erfreuten deine Tröstungen meine Seele.” 1 Gott bewies aber seine Fürsorge für uns nicht allein dadurch, daß er uns beunruhigen ließ. Denn was ich ohne Unterlaß gesagt habe, das werde ich auch heute sagen, nämlich daß nicht nur die Befreiung von den Drangsalen, sondern auch die Zulassung derselben ein Beweis des göttlichen Wohlwollens sei. Denn wenn er sieht, daß wir uns der Lässigkeit zuwenden, daß wir uns von seiner Freundschaft entfernen, daß wir uns um die geistlichen Dinge nicht kümmern: so verläßt er uns auf einige Zeit, damit wir dadurch zur Besinnung gebracht mit größerem Eifer zu ihm zurückkehren mögen. Und was wunderst du dich, daß er Dieses bei uns thut, die wir nachlässig sind, da ja auch Paulus Dieses als den Grund seiner Versuchungen und der seiner Jünger angibt? Denn in seinem zweiten Sendschreiben an die Korinther sagt er also: „Ich will aber nicht. daß euch, ihr Brüder, die Trübsal unbekannt bleibe, die uns in Asien widerfahren ist, indem wir über die Massen und über unsere Kraft beschwert worden sind, so daß wir selbst in Bezug auf das Leben in großer Verlegenheit waren; ja wir trugen in uns selbst das Todesurtheil.” 2Er will aber damit Folgendes sagen: Es bedrängten uns so große Gefahren, daß wir das Leben aufgaben und fürder keine Hoffnung einer Wendung zum Bessern [S. 275] hegten, sondern wirklich den Tod erwarteten; denn das besagen die Worte: „Wir trugen in uns selbst das Todesurtheil.” Und dennoch hat Gott, nachdem wir so ganz hoffnungslos waren, den Sturm verscheucht, die Wolke zerstreut und uns eigentlich dem Rachen des Todes entrissen. Dann zeigt er, daß Gott auch durch die Zulassung einer so großen Gefahr eine herrliche Probe seiner Sorgfalt gegeben, und erwähnet des Vortheils, den die Versuchungen schaffen. Dieser besteht aber darin, daß man fortwährend das Auge auf Gott richtet, sich aber selbst nicht hochmüthig erhebt. Darum hat er den Worten: „Wir trugen in uns selbst das Todesurtheil” auch den Grund beigefügt. Was ist aber das für ein Grund? „Damit wir,” sagt er, „nicht auf uns selber vertrauen, sondern auf Gott, der die Todten zum Leben erweckt.” 3Denn die Natur der Versuchungen pflegt uns, wenn wir schläfrig sind und straucheln, wieder aufzuwecken, anzuspornen und religiöser zu machen. Wenn du also siehst, mein Geliebter, daß die Versuchung für jetzt zwar erlischt, aber sich bald wieder entzündet: so werde nicht muthlos und verzage nicht, sondern klammere dich an die tröstliche Hoffnung und bedenke bei dir, daß Gott uns nicht haßt, sich nicht von uns abkehrt und uns nicht den Händen der Feinde überantworten wird; daß er im Gegentheil dadurch unsern Eifer zu steigern und uns noch mehr zu seinen Freunden zu machen gewillt ist. Wir wollen also nicht verzagen, nicht verzweifeln an einer Wendung zum Bessern, sondern hoffen, daß alsbald Ruhe eintreten werde. Überlassen wir also den Ausgang aller Stürme, die uns bedrängen, gänzlich dem Herrn; wir aber wollen wieder das gewöhnliche Thema aufnehmen und die gewohnte Belehrung vorbringen. Ich will nämlich wieder zu euch über denselben Gegenstand sprechen, um die böse Gewohnheit des Schwörens mit der Wurzel aus eurem Herzen zu reissen. Darum ist es nothwendig, wieder zur frühern Bitte die Zuflucht zu nehmen. Ich habe [S. 276] euch nämlich vor Kurzem gebeten, das noch von warmem Blute triefende Haupt des Johannes zu nehmen, dann so einzeln nach Hause zu gehen und euch vorzustellen, als stünde es vor euren Augen, begänne zu sprechen und sagte: „Hasset meinen Henker, den Schwur!” Was der Verweis nicht zu Stande gebracht, das vermochte der Schwur; was der Zorn des Tyrannen nicht erreicht hat, das bewirkte der zwingende Eid. Denn als der Tyrann öffentlich, so daß es Alle vernahmen, getadelt wurde, so ertrug er großmüthig diesen Verweis; nachdem er sich aber in die Nothlage der Schwüre versetzt, schlug er jenes heilige Haupt ab. Gerade um das bitte ich jetzt und werde zu bitten nicht aufhören, daß wir, wohin wir auch gehen, dieses Haupt auf dem Wege mittragen und dasselbe, das die Schwüre mit lauter Stimme verurtheilt, Jedermann vorzeigen. Denn falls wir auch sehr träge und nachlässig sind, so werden wir doch, wenn wir nur die Augen jenes Hauptes betrachten, die uns so furchtbar anschauen und, wenn wir schwören, bedrohen, durch die Furcht davor mehr als von jedem Zaume gebändigt, werden leicht die Zunge beherrschen und sie vom Abgrund des Schwörens zurückhalten können. Jedoch das ist nicht die einzige schlimme Folge des Schwörens, daß der Schwur, werde er nun gebrochen oder gehalten, Diejenigen, die ihn gethan, strafwürdig macht, eine Folge, die man bei keiner der übrigen Sünden beobachten kann. Es ist damit noch ein anderes nicht geringeres Übel verbunden. Nun was ist das für eines? Daß selbst Denjenigen, die es wollten und ernstlich wünschten, das Rechtschwören oft unmöglich ist. Denn erstens wird, wer fortwährend schwört, — mit oder wider Willen, unbewußt oder bewußt, im Scherz oder Ernst, in der Hitze des Zorns und aus vielen andern Gründen, — nothwendig falsch schwören. Und dieser Behauptung wird Niemand widersprechen: es ist ja so anerkannt und klar, daß, wer oft schwört, nothwendiger Weise auch falsch schwört. Zweitens aber, wenn er auch nicht aus Zwang, nicht gegen seinen Willen, nicht aus Unwissenheit schwört: so wird er doch durch die Natur der Sache selber, mit Wissen und Willen, sicher zu einem falschen Schwure gezwungen. [S. 277] Wir sitzen z. B. manchmal zu Hause bei Tische; einer der Diener begeht einen Fehler; die Frau schwört, er soll dafür Schläge bekommen; dagegen schwört dann der Mann, fordert zankend das Gegentheil und gibt nicht nach. Sie mögen nun da thun, was sie wollen, es kömmt sicher und nothwendig ein Meineid zum Vorschein; denn sie mögen auch wollen und sich bemühen: es ist ihnen nimmermehr möglich, den Eidschwur zu halten, sondern, was immer geschieht, Eines von Beiden wird meineidig werden, oder gar alle Beide; wie, werde ich gleich sagen; denn das ist eben das Sonderbare. Derjenige, welcher geschworen, den Knecht oder die Magd peitschen zu wollen, dann aber gehindert wurde, begeht selbst einen Meineid, weil er das, was er geschworen, nicht hält, und macht zugleich den, der ihn verhindert und ihm seinen Schwur nicht zu erfüllen gestattet, zum Mitschuldigen am sündhaften Meineid. Denn nicht bloß die Meineidigen selbst, sondern auch Diejenigen, welche Andere zu einem Meineide zwingen, machen sich dieser Verbrechen schuldig. Solche Fälle kann man aber nicht nur in den Häusern, sondern auch auf öffentlichen Plätzen beobachten, besonders bei Streitigkeiten, wobei der Eine Dieß, der Andere das Gegentheil schwört: der Eine, er werde Schläge austheilen; der Andere aber, es werde zu den Schlägen nicht kommen; der Eine, er werde (dem Andern) den Mantel nehmen; der Andere aber, er werde das nimmer zugeben; der Eine, er werde sein Geld zurückfordern; der Andere aber, er werde es nicht wiedererstatten. Und dergleichen gegensätzliche Schwüre hört man unter streitenden Parteien gar oft. Aber auch in Werkstätten und Schulen kann man dieselbe Beobachtung machen. Nicht selten schwört nämlich der Meister, seinen Lehrling nicht eher essen und trinken lassen zu wollen, als dieser die ihm übergebene Arbeit ganz zu Ende gebracht. Dasselbe thut nun auch oft der Lehrer gegenüber dem Schüler, die Frau gegenüber der Magd; bricht nun der Abend herein, und ist die Arbeit nicht zu Ende geführt, so müssen Diejenigen, die damit nicht fertig geworden, entweder verhungern oder die, welche geschworen, [S. 278] nothwendiger Weise meineidig werden. Denn jener böse Geist, der unserem Heile fortwährend nachstellt, ist gleich bei der Hand, vernimmt die zwingenden Schwüre und treibt die Schuldigen zur Lässigkeit an oder bewirkt irgend ein anderes Hemmniß, so daß, ist das Werk nicht vollendet, Schläge und Schimpfworte und Meineide und tausend andere Übel erfolgen. Gleichwie nämlich Knaben, die an einem langen und vermoderten Strick mit voller Kraft in entgegengesetzter Richtung hin ziehen, alle, wenn der Strick mitten entzwei reißt, der Länge nach auf den Boden hinfallen, die Einen sich am Kopf, die Andern aber an einem andern Theile des Leibes verwunden: so stürzen sich auch Diejenigen, welche einander Widersprechendes schwören, beide in den Abgrund des Meineids, indem ein Schwur, wie es die Sachlage nothwendig heischt, gebrochen wird: Dieser wegen des Meineides selbst, der Andere, weil er Andern zum Meineide Anlaß gegeben. —

1: Ps. 93, 19.
2: II. Kor. 1, 8. 9.
3: II. Kor. 1, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger