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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Dreizehnte Homilie

4.

Gott hat uns aber nebst dem Gewissen auch noch viele andere Lehrmeister gegeben: die Väter den Kindern, die Herren den Knechten, die Männer den Weibern, die Lehrer den Schülern, die Gesetzgeber und Richter den Unterthanen, die Freunde den Freunden. Oft ziehen wir auch von den Feinden einen nicht geringern Vortheil als von den Freunden; denn wenn sie uns unsre Fehler vorwerfen, so spornen sie uns auch gegen unsern Willen zur Besserung an. Er hat uns aber darum so viele Lehrer gegeben, damit es uns leicht werde, das Heilsame wahrzunehmen und es dann recht zu vollbringen, indem es die Menge Derer, die uns dazu spornen, nicht zuläßt, uns von dem, was uns frommt, zu entfernen. Denn falls wir uns um die Eltern nicht kümmern, aber doch die Obrigkeiten noch fürchten, so werden wir doch schon bescheidener werden; und wenn wir sündhafter Weise beide verachten, so werden wir doch den Vorwürfen des Gewissens nimmer entrinnen. Und wenn wir auch diese mißachten und von uns abwehren, so werden wir durch die Furcht vor der öffentlichen Meinung gebessert; und falls wir uns auch vor dieser nicht schämen, so wird uns die angeborne Furcht vor den Gesetzen selbst gegen unsern Willen zurecht zu bringen vermögen: die Lehrer und Väter nehmen die Jugend, die Gesetzgeber und Fürsten die Erwachsenen in Obhut und Zucht. Die lästigen Knechte werden von den Genannten und ihren Herren, die Weiber von ihren Männern gezwungen, vernünftig zu sein; kurz unser Geschlecht ist von allen Seiten mit vielen Mauern verwahrt, damit wir nicht so leicht in eine Sünde ausgleiten und fallen. — Jedoch nebst all diesen Zuchtmeistern nehmen uns auch Krankheiten und Unfälle, die uns treffen, in die Lehre; denn auch die Armuth hält uns zusammen, und der Geldverlust macht uns besonnen, und die Gefahr und gar manche andere Unfälle ähnlicher Art bringen uns wieder in Ordnung. Du fürchtest dich nicht vor dem Vater? nicht vor dem Lehrer? nicht vor dem Fürsten? nicht vor dem Gesetzgeber? nicht vor dem Richter: du schämest dich nicht vor dem Freunde? Es schmerzt dich nicht der Vorwurf des Feindes? Der Gebieter bringt dich [S. 270] nicht zur Vernunft? Der Mann belehrt dich nicht? Das Gewissen bessert dich nicht? —- Aber eine Krankheit, die dem Leibe zustößt, bringt oft Alles in Ordnung, und ein Verlust an zeitlichen Gütern macht einen großen Trotzkopf bescheiden; ja was noch mehr ist: nicht nur jene Unfälle, die uns selber zustoßen, sondern auch jene, die Andere treffen, verschaffen uns gewöhnlich einen bedeutenden Nutzen. Wenn wir sehen, daß Andere gezüchtiget werden, so werden wir dadurch, obgleich wir Persönlich Nichts leiden, nicht minder als Jene zur Einsicht gebracht. Dieselbe Beobachtung kann man auch bei löblichen Handlungen machen; denn gleichwie sich Manche bessern, wenn sie sehen, daß die Sünder bestraft werden, so lassen sich Viele, wenn die Guten Tugenden üben, zu einem gleichen Eifer bewegen. Dasselbe geschah auch in Bezug auf die Enthaltung vom Schwören. Denn Viele, die da bemerkten, daß Andere die böse Gewohnheit zu schwören abgelegt haben, zeigten nun den nämlichen Eifer und bemeisterten dadurch die Sünde. Darum komme auch ich wieder um so eifriger auf dieselbe Ermahnung zurück. Denn es sage mir Niemand: Es haben sich ja Viele gebessert. Um das fragt es sich nicht, sondern daß Alle sich bessern: eher kann ich aber nicht ruhen, als bis ich das sehe. Jener Hirt hatte hundert Schafe, und als er davon eines verlor, empfand er über die Sicherheit der neunundneunzig so lange keine Freude, bis er das vermißte wiedergefunden und zur Heerde zurückgebracht hatte. Siehst du nicht, daß an unserm Leibe Dasselbe geschieht? Denn wenn wir auch nur mit einem Nagel anstoßen und ihn nach oben hin stülpen, so leidet der ganze Körper mit diesem Gliede. Sage also nicht: Es sind nur mehr Wenige übrig, die sich nicht besserten; sondern bedenke, daß diese Wenigen, die sich nicht bekehrt haben, viele Andere verderben. Denn es hatte auch bei den Korinthern nur Einer Unzucht getrieben, und doch seufzte Paulus so sehr darüber, als wäre die ganze Stadt zu Grunde gegangen. Und er hatte vollkommen recht; denn er wußte, daß, würde Jener nicht zur Einsicht gebracht, das Übel weiter um sich greifen und Alle anstecken würde. Ich sah neulich [S. 271] jene vornehmen Männer, die vor Gericht gefesselt und mitten durch den Markt geführt wurden; und als sich Manche verwunderten über die Größe der Schmach, sagten Andere: man brauche sich da nicht zu verwundern; denn ist einmal die Verurtheilung da, so nützt keine Würde. Mit um so größerem Rechte (können wir sagen): Wo Gottlosigkeit ist, da nützet kein Adel.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger