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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Dreizehnte Homilie

2.

Ich aber saß dabei und sah Dieses an, sah, wie Frauen und Jungfrauen, sonst an eigene Gemächer gewöhnt, jetzt Allen zu einem gemeinsamen Schauspiele wurden; wie sie, die auf weichem Lager geruht, den Boden als Unterbett hatten; wie sie, früher von einem ganzen Schwärm von Mägden, Eunuchen und jeglichem andern Prunke umgeben, jetzt alles Dessen beraubt sich zu den Füßen Aller hinschleppten und jeden Einzelnen baten, Etwas nach seinem Vermögen zum Besten der Angeklagten zu thun, und dann Alle zusammen, mit denselben doch einiges Mitleid zu haben. Bei diesem Anblick wiederholte ich jenen salomonischen Spruch: „Eitelkeit der Eitelkeiten, Alles ist Eitelkeit;” 1 denn ich sah sowohl diesen, als auch einen andern Ausspruch durch die Erfahrung bestätigt, nämlich: „Alle Herrlichkeit des Menschen ist wie eine Blume des Grases; das Gras ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen.” 2Denn damals galt weder Reichthum noch Adel, weder Berühmtheit noch Fürspruch der Freunde, noch irgend ein menschliches Mittel: die Sünde und das begangene Verbrechen hatte da alle Hilfe vereitelt. Und gleichwie die Mutter von Vögelchen, der man die Jungen genommen, wenn sie zurückkommt und das Nestchen leer findet, die ihr geraubten Jungen zwar nicht zu befreien vermag, aber dennoch die Hand des Jägers umflattert und eben dadurch ihren Schmerz an den Tag legt: so machten es damals auch jene Frauen. Man hatte ihnen die Söhne [S. 264] aus dem Hause geraubt und sie im Innern (des Gerichtshofes) wie in einem Netze oder einer Schlinge gefangen gehalten. Sie konnten nun nicht zu den Gefangenen kommen und sie nicht befreien, zeigten aber dadurch den Schmerz, daß sie sich vor die Thüren hinwarfen, wehklagten und seufzten und den Jägern zu nahen versuchten. Das sah ich damals und führte mir jenes schreckliche Gericht zu Gemüthe und sprach bei mir selber: Wenn jetzt, wo Menschen Gericht halten, weder Mutter noch Schwester, weder Vater noch sonst irgend Jemand die Angeklagten, selbst wenn sie an den Verbrechen unschuldig wären, zu befreien vermögen: wer wird uns in jenem furchtbaren Gerichte, wo Christus uns richtet, Beistand gewähren? Wer wird es wagen, einen Laut hören zu lassen? wer es vermögen, die zu jenen unaussprechlichen Strafen Verurtheilten in Freiheit zu setzen? Und doch waren es die Ersten der Stadt und die eigentlichen Häupter des Adels, über die man damals Gericht hielt; aber dennoch wären sie ganz zufrieden gewesen, hätte ihnen Jemand gestattet, Alles, ja im Nothfall selbst die Freiheit zu opfern, um so das nackte Leben zu retten. Als sich nun der Tag zu Ende geneigt und es schon finsterer Abend geworden und man auf den Ausgang des Gerichtes gespannt war, so schwebten Alle in noch größerer Angst und flehten zu Gott, daß doch eine Verzögerung, ein Aufschub geschehe, und daß er dem Herzen der Rlchter eingebe, das Ergebniß der Untersuchung dem Endurtheile des Kaisers zu unterbreiten: denn man könnte vielleicht durch diesen Aufschub noch etwas Gutes erwarten. Und ein allgemeines Gebet von Seite des Volkes stieg zum gütigen Gott auf, daß er doch die Überbleibsel der Stadt erhalte und sie nicht ganz von Grund aus vertilge. Man sah Niemanden, der nicht unter Thränen in diese Seufzer ausbrach; allein Nichts von dem rührte die Richter, die drinnen verhörten; sie behielten nur Eines im Auge, nämlich daß eine genaue Untersuchung über die Frevler angestellt würde. Endlich wurden sie gefesselt und in eisernen Banden mitten über den Markt ins Gefängniß geschickt: Männer, die Pferde gehalten, die Kampf- [S. 265] richter3gewesen und tausend andere glänzendere Dienste aufzeigen konnten. Ihre Güter wurden versteigert, und alle ihre Thüren sah man versiegelt. Ihre Weiber wurden aus den eigenen Häusern vertrieben, und sie übten nun alle thatsächlich das, was Job's Hausfrau gethan: sie gingen von Haus zu Haus, von Ort zu Ort und baten um Obdach. Aber selbst dieses zu finden war für sie nicht so leicht; denn ein Jeder fürchtete und zitterte, irgend Jemand von den Verwandten der Beklagten aufzunehmen und dafür Sorge zu tragen. Aber selbst nach solchen Vorgängen waren die, welche Dieß alles erduldet, noch froh, daß sie das nackte Leben gerettet, und es schmerzte sie weder der Verlust des Vermögens, noch die Schmach, noch der offene Hohn, 4noch sonst etwas Dergleichen; denn die Größe des Unglücks und die Erwartung noch größerer Leiden als dieser hatte ihren Geist so weise denken gelehrt. Denn damals lernten sie, wle leicht und fast ohne Müh' und Beschwerde für uns die Übung der Tugend sei, und daß sie lediglich wegen unserer Nachlässigkeit beschwerlich zu sein scheint. Denn Diejenigen, welche früher einen geringen Geldverlust nicht gleichgiltig ertrugen, geberdeten sich jetzt, erfaßt von einer größern Furcht und nach dem Verlust aller Habe, als hätten sie einen Schatz gefunden, weil sie das Leben gerettet. Empfänden wir also einige Furcht vor der künftigen Hölle und dächten wir an jene unausstehlichen Strafen, so würden wir, selbst wenn wer Vermögen, Leib und Leben für die göttlichen Gebote geopfert, darüber keine Schmerzen empfinden, weil wir ja wissen, daß wir dafür mehr, nämlich die Befreiung von den künftigen Peinen gewinnen. —

Vielleicht hat die Schilderung dieser Trauerscene euer Herz nicht wenig erweicht, allein nehmet es nicht übel; denn [S. 266] weil ich einen etwas tiefsinnigen Stoff zu behandeln gedenke, so brauche ich auch weichere Herzen; ich habe das mit Absicht gethan, damit euer Geist durch die Furcht, welche diese Erzählung erweckt, alle Trägheit verscheuche, sich aus allen irdischen Sorgen erhebe und die Kraft meiner Worte mit vieler Leichtigkeit in die Tiefe der Seele versenke.

1: Pred. 1, 2.
2: Isai. 40, 6. 7 (LXX).
3: Bei den Wettrennen im Hippodrom.
4: Πομπή — der feierliche Umzug — hier mit Rücksicht auf den oben erwähnten Zug der gefesselten Männer mitten über den Markt ins — Gefängniß.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger