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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwölfte Homilie.

5.

Dieses sagte er aber von den frühern Zeiten, welche nämlich vor Christi Erscheinung verfloßen. Unter dem „Griechen” versteht er hier nicht einen Abgötterer, sondern einen Solchen, der nur Gott anbetet, nicht aber sich dem Zwange jüdischer Beobachtungen, d. h. den Gebräuchen bezüglich des Sabhats, der Beschneidung und den verschiedenen Reinigungen unterwirft, — also einen Solchen, der nur Weisheit und allseitige Rechtschaffenheit an den Tag legt. Paulus redet von eben Demselben, wenn er spricht: „Zorn und Ungnade, Trübsal und Angst über eines jeden Menschen Seele, der Böses thut, über die des Juden zuerst, dann über die des Heiden.”1Er redet da wieder vom Griechen (Heiden), der von derBeobachtung der jüdischen Satzungen frei ist. Wenn also Dieser weder von einem Gesetze gehört noch mit Juden Umgang gepflogen, warum wird ihn, wenn er sündigt, Zorn und Ungnade und Trübsal erreichen? Weil er ein Gewissen besitzt, das ihn innerlich tadelt und unterrichtet und in Allem [S. 254] belehrt. Woraus ist das klar? Daraus, daß er Andere, die sündigen, straft; daraus, daß er Gesetze vorschreibt; daraus, daß er Gerichte einsetzt. Denn Dasselbe zeigt auch Paulus, wenn er von Denjenigen spricht, die lasterhaft leben : „Obgleich sie das göttliche Strafgesetz wissen, daß nämlich die, welche dergleichen verüben, des Todes schuldig sind, verüben sie doch nicht nur selbst solche Laster, sondern haben auch Wohlgefallen daran, wenn sich Andere denselben ergeben.”2 Und woher wußten sie, heißt es, daß es der Wille Gottes sei, daß Diejenigen, welche lasterhaft leben, mit dem Tode bestraft werden? Woher? Daher, weil sie Andere, die sündigten, straften. Denn wenn du einen Mord nicht als Sünde betrachtest, so darfst du einen Mörder, der dir in die Hand fällt, nach deiner Ansicht nicht strafen. Wenn du den Ehebruch für keine Sünde ansiehst, so laß den Ehebrecher, der dir in die Hand fällt, von der Strafe frei ausgehen. Schreibst du aber Andern, die fehlen, Gesetze vor, bestimmest du Strafen und bist ein unerbittlicher Richter: wie wirst du dich, wenn du selber sündigst, mit den Worten entschuldigen: „Ich habe die Pflicht nicht gekannt?” Ihr beide, du und er, habt Ehebruch getrieben. Warum strafst du also den Andern und hältst dich selber der Vergebung für würdig? Denn wenn du nicht weißt, daß der Ehebruch eine Sünde ist, so sollte auch der Andere keine Strafe erhalten. Wenn du also einen Andern strafst, du selbst aber der Strafe zu entrinnen vermeinst, wie läßt sich das reimen, daß Diejenigen, welche die gleichen Verbrechen begangen, nicht auch die gleichen Strafen erdulden? Eben Dieses ruft uns auch Paulus zu mit den Worten: „Meinst du aber, o Mensch, der du die richtest, die Solches thun, und es selbst thust, daß du dem Gerichte Gottes entfliehen werdest?”3Nein, in der That nicht! Denn Gott wird dich einst nach dem Urtheile richten, das du über Andere [S. 255] aussprachst. Denn willst du wirklich gerecht, und soll Gott ungerecht sein? Denn wenn du einen Andern, dem Unrecht geschieht, nicht verachtest, wie wird denn Gott ihn scheel ansehen? Wenn du die Fehler an Andern rügst, wie soll Gott nicht auch dich zurechtweisen? Wenn er dir auch die Strafe nicht auf dem Fuß nachfolgen läßt. so sei darum nicht ohne Sorgen, sondern zage vielmehr! Das hat auch Paulus mit den Worten befohlen: „Verachtest du den Reichthum seiner Güte, seiner Geduld und Langmüthigkeit? Weißt du nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße führt?” 4Denn er hat mit dir nicht darum Geduld, daß du schlimmer werdest, sondern daß du Buße thun sollst; willst du aber das nicht, so wird dir, wenn du in Unbußfertigkeit bleibst, seine Langmuth zu größerer Strafe gereichen. Dieses zeigt nun auch Paulus, wenn er sagt: „Aber durch deine Verstocktheit und dein unbußfertiges Herz häufest du den Zorn für den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der Jedem vergelten wird nach seinen Werken.” 5 Wird er also Jedem nach seinen Werken vergelten; hat er uns darum das natürliche Gesetz eingepflanzt; hat er dann das geschriebene gegeben, um die Sünder zu strafen und die Tugendhaften zu krönen: so wollen wir, die wir jenem schrecklichen Gerichte entgegen eilen, unsere Handlungen mit aller Sorgfalt einrichten, indem wir ja wissen, daß wir keine Vergebung erlangen werden, wenn wir trotz des natürlichen und geschriebenen Gesetzes, trotz so vieler Lehren und Ermahnungen unser Seelenheil dennoch verabsäumen. —

1: Ebend. Verse 8, 9.
2: Röm. 1, 32.
3: Röm. 2, 3.
4: Röm. 2, 4.
5: Ebenda, Verse 5, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger