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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwölfte Homilie.

4.

Ich will euch nicht bloß daraus, sondern auch anders woher zu beweisen versuchen, wie der Mensch in Bezug auf die Erkenntniß der Tugend ein Autodidakt war: Adam beging die erste Sünde, und gleich nach der Sünde versteckte er sich? Wenn er aber nicht wußte, daß er etwas Böses gethan, warum versteckte er sich? Es gab keine Schrift, kein Gesetz, keinen Moses. Woher kennt er die Sünde? Warum versteckt er sich denn? Ja er [S. 250] versteckt sich nicht nur, sondern versucht, nachdem er angeklagt wird, die Schuld auf einen Andern zu schieben und sagt: „Das Weib, das du mir beigesellt hast, gab mir vom Baume, und ich aß.”1 Und das Weib gibt wieder einem Andern, der Schlange, die Schuld. Erwäge nur du gottliche Weisheit! Denn als Adam sprach: „Ich hörte deine Stimme und fürchtete mich, denn ich bin nackt; und darum versteckte ich mich,”2 rückte ihm Gott nicht sogleich die That vor und sagte nicht: Warum hast du denn vom Baume gegessen? Wie sagte Gott also? „Wer hat dir gesagt, sprach er, „daß du nackt bist, als weil du vom Baume gegessen, von dem allein zu essen ich dir verbot?” 3 Gott hat weder geschwiegen noch ihn offen getadelt; er hat nicht geschwiegen, um ihn zum Bekenntniß des Fehlers zu dringen; er hat ihn aber auch nicht offen getadelt, damit so nicht das Ganze Gotteswerk wäre, und damit Jener nicht der Vergebung beraubt würde, die aus dem Bekenntniß entsteht. Darum sprach Gott den Grund, aus dem die Erkenntniß gekommen, nicht offen heraus, sondern redete in Form einer Frage, um ihm Gelegenheit zum Bekenntniß zu geben. Ganz Dasselbe kann man auch bei Kain und Abel bemerken. Sie waren nämlich die Ersten, welche von ihren Mühen Gott du Erstlinge darbrachten; denn wir wollen nicht bloß durch die Sünde, sondern auch durch die Tugend beweisen, daß sich die Erkenntniß des Menschen auf das Böse und Gute erstreckte. Daß also der Mensch wußte, die Sünde sei etwas Böses, hat Adam gezeigt; daß er aber auch wußte, die Tugend sei etwas Gutes, hat hinwieder Abel bewiesen. Er hatte das von Niemanden in Erfahrung gebracht, er hatte von keinem Gesetze gehört, das über die Erstlinge sprach, sondern nur sein angebornes Gewissen hat ihm die Weisung gegeben, und so hat er jenes Opfer gebracht. Darum rede ich nicht von den Menschen, die später gelebt, sondern halte [S. 251] mich bei den erstern auf, wo es noch keine Schrift, kein Gesetz, keine Propheten, keine Richter gegeben, sondern wo nur Adam allein mit seinen Kindern lebte, damit du daraus lernest, daß die Erkenntniß des Guten und Bösen der Menschennatur schon eingepflanzt sei. Denn woher hat es denn Abel gelernt, daß es gut sei, Opfer zu bringen, daß es gut sei, Gott zu verehren und ihm in allen Dingen zu danken? „Wie nun,” sagt man, „hat nicht auch Kain ein Opfer gebracht?” Ja wohl, auch er hat geopfert, aber nicht auf ähnliche Weise. Aber auch daraus erhellet die Erkenntniß des Gewissens. Denn weil Kain den Geehrten beneidet und schon damit umgeht, ihn zu ermorden, so verbirgt er den listigen Entschluß. Und was spricht er nun? „Komm, gehen wir auf das Feld hinaus!”4Das war trügender Schein, denn er heuchelte Liebe; anders war seine Gesinnung beschaffen, denn er hatte beschlossen, den Bruder zu tödten. Und nun, wenn er diesen Plan nicht als Sünde erkannte, warum verbarg er ihn denn? Und als ihn Gott nach der verübten Mordthat wieder befragte: „Wo ist Abel, dein Bruder?” gab er zur Antwort: „Ich weiß es nicht; bin denn ich der Wächter meines Bruders?” 5 Warum leugnet er denn? Ist es nicht klar, daß er dadurch sehr sich selber beschuldigt? Denn gleichwie sich sein Vater verbarg, so leugnet nun Dieser und gibt auf eine zweite Frage die Antwort: „Meine Sünde ist größer, als daß ich Vergebung erhielte.” 6 Allein die Heiden nehmen diese Beweise nicht an. Wohlan, wir wollen nun auch gegen sie reden und, sowie wir es in Bezug auf die Schöpfung gethan, nicht bloß mit der Schrift, sondern auch mit Vernunftschlüssen wider sie streiten. Das wollen wir nun jetzt in Bezug auf das Gewissen ausführen; denn auch Paulus hat sich dieses Beweises im Kampfe gegen die Heiden bedient. Was sagen nun also die Heiden? Wir [S. 252] haben, sagen sie, kein angebornes Gesetz in unserm Gewissen, noch hat Gott dasselbe der Natur eingepflanzt. Sage mir, woher haben denn die Gesetzgeber die Gesetze genommen über Ehe und Todschlag, über Testamente und anvertrautes Gut, die Gesetze, daß man sich gegenseitig nicht Übervortheilen soll, und die Gesetze über tausend andere Dinge? Die Jetzigen haben sie doch wohl von den Eltern, Diese von ihren Voreltern und Diese von ihren Urahnen erhalten. Von wem aber haben sie denn ihre allerersten Gesetzgeber gelernt? Ganz sicher von dem Gewissen; denn sie können nicht sagen, daß sie mit Moses Umgang gepflogen, daß sie die Propheten gehört; denn wie konnten sie das, da sie ja Heiden waren? Es liegt ja am Tage, daß sie ihre Gesetze von jenem Gesetze hernahmen, das Gott dem Menschen bei seiner Erschaffung am Anfang gegeben; daß sie ihre Künste und alles Andere nach demselben Gesetze erfanden. Denn auch die Künste kamen auf diese Weise zu Stande, da ja die Alten von selbst auf dieselben verfielen. Ebenso entstanden die Richterstühle; ebenso wurden die Strafen bestimmt, was ja auch Paulus bemerkt. Es stand nämlich zu erwarten, daß viele Heiden widersprechen und sagen würden: „Wie wird Gott die Menschen richten, die vor Moses gelebt? Er hatte keinen Gesetzgeber gesandt, kein Gesetz eingeführt, keinen Propheten, keinen Apostel, keinen Evangelisten geschickt; wie wird er sie zur Rechenschaft ziehen?” Paulus will nun beweisen, daß sie ein natürliches Gesetz hatten und ihre Pflichten gar wohl erkannten. Höre, wie er spricht! „Denn wenn die Heiden, welche das Gesetz nicht haben, von Natur aus thun, was zum Gesetze gehört, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selber Gesetz und zeigen, daß die Forderung des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben sei.” 7Wie, ohne Schrift? „Indem ihnen das Gewissen Zeugniß gibt und die Gedanken sich unter einander verklagen oder lossprechen [S. 253] am Tage, da Gott das Verborgene der Menschen richten wird gemäß meinem Evangelium durch Jesus Christus.”8Und wieder: „Denn Alle, die ohne das Gesetz gesündiget haben, werden ohne Gesetz verloren gehen und Alle, die unter dem Gesetze gesündiget haben, werden durch das Gesetz gerichtet werden.” 9Was heißt das: „Sie werden ohne Gesetz zu Grunde gehen?” Nicht das Gesetz wird sie verklagen, sondern die Gedanken und das Gewissen. Wenn sie aber das Gesetz des Gewissens nicht halten, so sollten sie wegen ihrer Sünden auch nicht verloren gehen; denn wie sollten sie das, da sie ohne Gesetz sündigten? Allein wenn Paulus spricht: „Ohne Gesetz,” so sagt er nicht, daß sie kein Gesetz hatten, sondern nur, daß sie kein geschriebenes Gesetz, wohl aber das Naturgesetz hatten. Und wieder: „Ehre aber und Ruhm und Friede Allen, die Gutes thun, dem Juden zuerst und dann dem Griechen.”10

1: Gen. 3, 12.
2: Ebenda, Vers 10.
3: Ebenda, Vers 11.
4: Gen. 4. 3 (LXX).
5: Ebenda, Vers 9.
6: Ebenda, Vers 13.
7: Röm. 2. 14. 15.
8: Röm. 2, 15. 16.
9: Ebend. Vers 12.
10: Ebend. Vers 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger