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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwölfte Homilie.

3.

Sammle also das Beste und schmücke dich damit aus; denn du bist der Beherrscher der unvernünftigen Thiere; die Könige aber besitzen Alles im Überflusse, was die Unterthanen Kostbares haben, sei es Gold oder Silber, seien es Edelsteine oder prachtvolle Kleider. Zugleich bewundere den Herrn ob der Geschöpfe. Übersteigt aber unter den sicht- [S. 247] baren Dingen Etwas deinen Verstand und kannst du die Ursache davon nicht ergründen, so verherrliche den Schöpfer auch darum, daß seine Weisheit in der Schöpfung deinen Begriff übersteigt. Sage nicht: Warum ist das da? Wozu ist doch das? Denn jedes Geschöpf gewährt einen Vortheil, wenn auch wir den Grund nicht begreifen. Denn gleichwie du, wenn du die Wohnung eines Arztes betrittst und viele Instrumente herumliegen siehst, die Mannigfaltigkeit derselben bewunderst, obgleich du von ihrer Verwendung keinen Begriff hast: so mache es auch in Bezug auf die Schöpfung, und siehst du viele Thiere und Kräuter und Pflanzen und andere Dinge, deren nützliche Verwendung dir unbekannt ist: so staune doch über ihre Mannigfaltigkeit und bewundere Gott, ihren Schöpfer und herrlichsten Meister, auch darum, daß er dir nicht Alles verborgen, aber auch nicht Alles geoffenbart hat. Er hat dir nicht Alles verborgen, damit du nicht sagen kannst, es gebe in der Welt keine Vorsehung; er hat dich aber auch nicht Alles wissen lassen, damit du ob der Fülle deiner Wissenschaft nicht hochmüthig werdest. Gerade dadurch hat der böse Feind den ersten Menschen gestürzt: durch die Hoffnung größerer Einsicht, beraubte ihn aber derjenigen, die er besaß. Deßwegen ermahnt auch ein Weiser und spricht: „Was über deine Kräfte geht, dem strebe nicht nach, und was dir zu hoch ist, dem forsche nicht nach; was dir (Gott) befohlen, das sollst du erwägen;”1denn die meisten seiner Werke sind noch verborgen. Und wieder: „Es sind dir schon höhere Dinge geoffenbart als die menschliche Klugheit begreift.”2 Das hat er aber gesagt, um Jene zu trösten, die eine schmerzliche Trauer empfinden, daß sie nicht Alles begreifen; denn auch das, sagt er, was dir zu wissen gegönnt ist, übersteigt schon weit deinen Verstand; du verdankst nämlich deine Wissenschaft nicht deiner Erfindung, sondern bist von Gott belehrt worden. Sei also zufrieden mit dem erhaltenen Reichthum und erstrebe [S. 248] nicht mehr, sondern danke für das, was du empfangen; werde nicht unwillig wegen dessen, was du nicht erlangt hast, Preise aber den Herrn für das, was du weißt. Ärgere dich nicht wegen der Dinge, von denen du keine Kenntniß besitzest, denn Beides hat Gott weise geordnet; Manches hat er verborgen, Manches aber erschlossen und so für dein Bestes gesorgt; denn es würde, wie ich schon sagte, die eine Art, Gott durch die Geschöpfe kennen zu lernen, viele Tage in Anspruch zu nehmen vermögen. Wollten wir nämlich auch nur den Bau des Menschen fleissig durchgehen, das heißt so fleissig, als es uns möglich ist, nicht als es überhaupt angeht, — denn wenn wir auch viele Gründe der Thatsachen anführen, so gibt es doch noch andere geheime Ursachen, die nur Gott dem Schöpfer bekannt sind: denn wir selber kennen nicht alle, — wollten wir also den ganzen Bau des Menschen durchgehen und die Weisheit an jeglichem Gliede, die Verzweigung und Lage der Nerven, der Blut- und Pulsadern und aller andern Theile betrachten: so würde uns ein ganzes Jahr nicht genügen, Dieß zu erklären. Wir wollen also hier diese Rede beschließen und den achtsamen und lernbegierigen Herzen Gelegenheit geben, auch die übrigen Theile der Schöpfung so zu durchgehen. Wenden wir uns also in unserm Vortrage zu einem andern Satz, der auch einen Beweis der göttlichen Vorsicht enthält. Welches ist nun dieser andere Satz? „Als Gott im Anfang den Menschen erschuf, hat er ihm das natürliche Gesetz eingepflanzt.” Was ist nun wohl dieses natürliche Gesetz? Er hat uns das Gewissen gegeben und eine angeborne Erkenntniß des Guten und Bösen verliehen; denn wir brauchen es nicht erst zu lernen, daß die Hurerei etwas Böses und die Keuschheit etwas Gutes sei, sondern wir wissen Dieses vom Anfange her. Und damit du einsehest, daß wir Dieses vom Anfang her wissen, hat der Gesetzgeber, als er später die (zehn) Gebote verkündete und sprach: „Du sollst nicht tödten,” 3 nicht [S. 249] den Beisatz gemacht: „Denn der Todschlag ist etwas Böses,” sondern einfach gesagt: „Du sollst nicht tödten;” er hat die Sünde bloß verboten, nicht aber gelehrt (daß es Sünde sei). Warum hat er also dem Ausspruch: „Du sollst nicht tödten” nicht beigefügt, der Todschlag sei etwas Böses? Weil uns das Gewissen Dieses schon früher gelehrt hat, und weil er mit uns als Solchen redet, die das wissen und verstehen. Wenn er also von einem andern Gebote (Verbote) spricht, das uns nicht durch das Gewissen bekannt ist, so untersagt er nicht bloß, sondern fügt auch die Ursache bei. Gibt er also ein Gesetz über den Sabhat und spricht: „Am siebenten Tage aber sollst du kein Werk thun,“ so setzt er die Ursache bei, warum wir nicht arbeiten sollen: „Weil Gott am siebten Tage ruhte von all seinen Werken, die er zu machen begonnen;”4und wieder: „Weil du in Ägypten Knechtesdienste gethan hast.” 5Sage mir, warum hat er denn in Bezug auf den Sabhat den Grund angegeben, aber in Bezug auf den Todschlag das nicht gethan? Weil dieses Gebot nicht zu den vornehmsten und nicht zu denjenigen zählt, die wir schon durch das Gewissen erkennen, sondern ein besonderes und zeitweiliges ist, weßhalb es später beseitiget wurde. Die nothwendigen und unser Leben umfassenden Gebote aber sind diese: Du sollst nicht tödten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen! Deßhalb gibt Gott bei diesen nirgends den Grund an, fügt keine Belehrung hinzu, sondern begnügt sich mit dem bloßen Verbote.

1: Sprüchw. 3, 22.
2: Ebend. V. 25.
3: Exod. 20, 13; Matth. 5, 21.
4: Exod. 20, 10.
5: Deut. 24, 18.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger