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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwölfte Homilie.

2.

Wir haben also in den drei vergangenen Tagen eine Art, Gott zu erkennen, erforscht und diese Untersuchung zu Ende geführt, indem wir erklärten, wie „die Himmel Gottes Herrlichkeit erzählen,” 1 und was denn der Ausspruch Pauli besage: „Das Unsichtbare von ihm (Gott) wird seit Erschaffung der Welt durch die erschaffenen Dinge erkannt [S. 243] und geschaut;” 2und wir haben gezeigt, wie der Schöpfer durch die Erschaffung der Welt, wie er durch Himmel, Erde und Meer verherrlichet werde. Heute wollen wir zuerst etwas Weniges über denselben Gegenstand sagen und dann auf einen andern Punkt übergehen; denn Gott hat die Welt nicht nur erschaffen, sondern die erschaffene auch so eingerichtet, daß sie sich thätig erweise; er hat sie nicht ganz ohne Bewegung gelassen, aber auch nicht befohlen, daß sie sich gänzlich bewege; der Himmel aber steht unbewegt da, wie der Prophet sagt: „Der den Himmel hinstellt wie ein Gewölbe und ihn ausspannt wie ein Gezelt über der Erde;” 3 die Sonne aber macht mit den übrigen Gestirnen ihren täglichen Lauf. Die Erde hinwieder steht fest, die Gewässer hingegen sind in steter Bewegung, aber nicht die Gewässer allein, sondern auch die Wolken und die häufigen Regen, die zu ihrer gewissen Zeit abwechselnd auf einander erfolgen. Die Regen haben zwar eine Natur, aber ihre Wirkungen sind verschiedener Art; denn an der Rebe wird der Regen zu Wein, am Ölbaum zu Öl, und bei den übrigen Pflanzen wird er in ihre Säfte verwandelt. Es ist nur ein Schooß der Erde, und er gebiert doch verschiedene Früchte. Es gibt nur eine Wärme der strahlenden Sonne, und doch bringt sie Alles auf verschiedene Weise zur Reife, indem sie das Eine später, das Andere früher zur Zeitigung führt. Wer sollte darüber nicht staunen, nicht darüber sich wundern? Ja nicht das allein ist bewunderungswürdig, daß Gott sie so verschiedenartig und mannigfaltig (in den Wirkungen) machte, sondern auch das, daß er sie Allen, den Reichen und Armen, den Sündern und Gerechten als etwas Gemeinschaftliches vor Augen gestellt! Dasselbe sagt ja auch Christus: „Er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.” 4Er hat die Erde mit unzähligen Thieren erfüllt und denselben einen [S. 244] natürlichen Charakter 5verliehen, den er theils nachzuahmen, theils zu fliehen befahl. Ich gebe ein Beispiel. Die Ameise ist ein fleissiges und bei ihrer Arbeit unermüdliches Thierchen. Wenn du nun aufmerksam bist, so wird dich dasselbe gar sehr ermuntern, nicht weichlich zu werden und Arbeit und Schweiß nicht zu scheuen. Darum verweist auch die Schrift den Trägen an dieselbe und spricht: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler, ahme nach ihre Wege und sei weiser als sie.” 6 Willst du, spricht sie, nicht aus der Schrift lernen, wie nützlich die Thätigkeit sei, und daß Derjenige, der nicht arbeitet, auch nicht essen soll? Willst du das nicht von den Lehrern lernen? Nun so lerne es von den unvernünftigen Thieren! So machen wir es auch in den Häusern: Wenn die ältern Kinder, die schon mehr Ansehen haben, zuweilen einen Fehler begehen, so verweisen wir sie auf das Beispiel der kleinen fleissigen Kinder und sagen: Schau auf deinen kleinern Bruder, wie fleissig und strebsam er ist! So lasse auch du dir dieses winzige Thierlein zur größten Ermunterung der Thätigkeit sein, und erstaune über deinen Gebieter nicht allein darum, daß er die Sonne und den Himmel erschaffen, sondern auch darum, daß er die Ameise ins Leben gerufen; denn ist sie auch ein winziges Thierlein, so ist sie doch ein voller Beweis der Größe der göttlichen Weisheit. Betrachte nur, wie verständig sie ist, und staune, wie Gott in einen so winzigen Körper eine so unermüdliche Arbeitslust zu legen vermochte. Von der Ameise also lerne die Lust zur Arbeit, von der Biene aber die Reinlichkeit, den Fleiß und die Liebe! Denn diese arbeitet und plagt sich täglich nicht sowohl für sich, als vielmehr für uns; das ist nun eine besonders hervorragende Eigenschaft des Christen, nicht auf seinen eigenen Vortheil, sondern auf den Anderer zu schauen. Wie also die Biene [S. 245] auf allen Wiesen herumfliegt, um einem Andern einen fertigen Tisch zu bereiten, so mach' es auch du, o Mensch! Sammelst du Geld, so theile es unter Andere aus; hast du belehrende Worte, so vergrabe sie nicht, sondern theile sie Denjenigen mit, die ihrer bedürfen; hast du irgend einen andern Überfluß, so nütze Jenen damit, denen die Frucht deiner Arbeiten frommt. Siehst du nicht, daß die Biene unter den übrigen Thieren am meisten geehrt zu werden verdient, nicht weil sie arbeitsam ist, sondern weil sie für Andere arbeitet? Die Spinne arbeitet allerdings auch und mühet sich ab und spannt an die Wände Gewebe, welche alle Kunst der Weiber übertreffen; allein sie ist doch ein verächtliches Thier, weil uns ihre Arbeit gar keinen Nutzen gewährt. Gerade so sind Diejenigen, die sich nur für sich selber plagen und mühen. Ahme nach die Einfalt der Taube, ahme nach die Liebe des Esels und des Ochsen zu seinem Gebieter, ahme nach das sorglose Leben der Vögel! Denn man kann sich der Thiere zur Besserung der eigenen Sitten vortrefflich bedienen; ja Christus unterrichtet uns selbst durch die Thiere; denn er sagt: „Seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben,” 7und wieder: „Sehet auf die Vögel des Himmels; sie säen nicht, sie ernten nicht, und euer himmlischer Vater nähret sie.”8 Und der Prophet beschämt die undankbaren Juden mit folgenden Worten: „Es kennt der Ochs seinen Eigenthümer, und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber kennet mich nicht.” 9 Und wieder: „Die Turteltaube und die Schwalbe des Feldes, die Sperlinge; kennen die Zeit ihrer Wiederkunft mein Volk aber kennt nicht die Gerichte des Herrn seines Gottes.” 10 Von diesen und ähnlichen Thieren laß dich zur Übung der Tugend ermuntern, von andern hingegen lerne das Laster vermeiden! Denn so nützlich die Biene ist, so schädlich ist [S. 246] die Viper; verabscheue also ihre Bosheit, damit du nicht den Ausspruch vernehmest: „Viperngift ist unter ihren Lippen.” 11Der Hund ist unverschämt; verabscheue also auch diese seine Nichtswürdigkeit. Der Fuchs ist verschlagen und listig; ahme diesen Fehler nicht nach, sondern wie die Biene bei ihrem Fluge über die Wiesen nicht Alles aufsammelt, sondern nur das Nützliche nimmt, das Übrige unberührt läßt: so mache auch du es, wenn du das Geschlecht der Thiere durchgehst; ist etwas Gutes an ihnen, so nimm es an, und haben sie einige natürliche Vorzüge, so trachte durch deinen freien Willen diese dir eigen zu machen; denn Gott hat dich mit freiem Willen begabt, damit du durch ihn die natürlichen Vorzüge der Thiere dir aneignen und so auch belohnt werden könnest; denn die Tugenden der Thiere kommen nicht aus Vorsatz und Wahl, sondern bloß von ihrer Natur her. Ich gebe ein Beispiel. Die Biene macht Honig; weder Belehrung noch eigenes Denken treibt sie dazu; sie wird bloß von der Natur unterwiesen. Denn wäre das nicht ein natürliches Werk und nicht beim ganzen Geschlechte der Bienen zu finden, so müßten sicherlich einige von ihnen diese Kunst nicht verstehen. Nun aber hat Niemand seit Erschaffung der Welt bis auf den heutigen Tag je gesehen, daß die Bienen ruhen und keinen Honig bereiten; denn derlei natürliche Künste sind dem ganzen Geschlechte gemeinsam; die Tugenden aber, welche dem freien Willen entstammen, sind nicht Allen gemeinsam; denn es kostet Anstrengung, sie recht zu üben.

1: Ps. 18, 2.
2: Röm. 1, 20.
3: Isai. 40, 22 (LXX).
4: Matth, 5, 45.
5: Φυσικὰ ἐνθεὶς ἤθη — naturales inserens mores — natürliche Sinnesart, Sitten.
6: Sprüchw. 6, 6 (LXX).
7: Matth. 10, 16.
8: Ebenda. 6, 26.
9: Isai. 1, 3.
10: Jer. 8, 7. D. h. achtet nicht auf mein Gesetz und Gericht, das den Uebertretern droht.
11: Ps. 139, 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger