Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zwölfte Homilie.

1.

Ich habe gestern gesagt: Gott sei gepriesen! Ich werde heute Ebendasselbe neuerdings sagen: denn wenn auch der Sturm vorübergezogen, so soll doch davon die Erinnerung bleiben, nicht um uns zu betrüben, sondern damit wir (Gott) danken. Wenn wir nämlich das Andenken an das Unglück bewahren, so werden wir dieses thatsächlich niemals erfahren; denn wozu bedürfte es wohl dieser Erfahrung, wenn uns schon die Erinnerung bessert? Wie uns also Gott in dem gegenwärtigen Sturme nicht untergehen ließ, so wollen auch wir, nachdem derselbe vorüber, uns nicht von der Erschlaffung 1hinreissen lassen. Gott hat uns in der Trübsal getröstet, lasset uns jetzt in der Freude ihm danken! Er hat uns getröstet, als wir seufzten, und uns nicht verlassen; lasset uns also im Glücke uns nicht selber dadurch verrathen, daß wir nachläßig werden! Denn es steht geschrieben: „Am Tage der Sättigung denke an die Zeit des Hungers.” 2 Denken also auch wir in den Tagen der Ruhe an die Zeit der Versuchung; ja thun wir Ebendasselbe auch in Bezug auf die Sünden! Hast du gesündigt, und hat dir Gott die Sünde verziehen, so nimm die Vergebung an und danke dafür; vergiß aber der Sünde nicht, nicht um dich durch diesen Gedanken zu quälen, sondern um deiner Seele die Lehre zu geben, nicht mehr muthwillig zu sein, nicht mehr in die alten Sünden zu fallen. So hat es auch Paulus gemacht; denn den Worten: „Er hat mich für treu erachtet und zum Amte bestellt,” 3fügt er hinzu: „Der ich zuvor ein Lästerer und ein Verfolger und ein Schmäher gewesen.”4 „Der Wandel des Knechtes,” spricht er, „werde nur an den Pranger gestellt, damit die Güte des Herrn offenbar werde. Habe ich auch die Ver- [S. 241] gebung der Sünden erlangt, so lege ich doch die Erinnerung an dieselben nicht ab.” Das aber offenbarte nicht nur die Güte des Herrn, sondern verschaffte auch ihm (Paulus) größern Ruhm; denn wenn du weißt, wer er früher gewesen, so wirst du ihn noch mehr bewundern, und wenn du siehst, wie groß er dennoch geworden, so wirst du ihn noch höher preisen; und wenn du viel gesündiget hast, so wirst du aus diesem Beispiele, falls du dich nur bekehrst, gute Hoffnungen schöpfen; denn dieses Beispiel zieht auch die Verzweifelnden an und bewirkt, daß sie sich aufraffen. Ebenso wird es auch in unserer Stadt sein; denn Alles, was vorging, beweist einerseits eure Tugend, indem ihr durch eure Buße einen solchen Zorn abzuwenden vermochtet, und verkündet andererseits die Barmherzigkeit Gottes, welche wegen einer kleinen Bekehrung eine so gewaltige Wolke verscheucht hat; ja es werden Alle, die den Muth fast gänzlich verloren, dadurch ermuntert, indem sie aus dem, was uns begegnet ist, lernen, daß Derjenige, der nach oben auf die Hilfe Gottes hinblickt, nicht untergehen könne, und sollten ihn von allen Seiten unzählige Wogen umstürmen. Denn wer hat je solche Leiden, wie die unsrigen, geschaut, wer von solchen gehört? Wir besorgten ja täglich, daß die Stadt mit ihren Bewohnern von Grund aus zerstört werden würde; aber gerade als der Teufel sich der Hoffnung hingab, das Schifflein werde versinken, da hat uns Gott eine heitere Stille verschafft; vergessen wir also nicht die Größe der Leiden, damit wir auch an die Größe der Wohlthaten denken, die Gott uns gespendet; denn Derjenige, welcher die Beschaffenheit der Krankheit nicht kennt, wird auch die Kunst des Arztes nimmer begreifen. Das lasset uns auch unsern Kindern erzählen, lasset es uns auf tausend Geschlechter fortpflanzen, damit sie alle einsehen lernen, wie der Satan beflissen gewesen, unsere Stadt bis auf den Grund zu zerstören, wie aber Gott die gefallene, darniederliegende Stadt wieder aufzurichten vermocht, wie er sie nicht bloß von jeglichem Schaden bewahrt, sondern auch von der Furcht befreit und in aller Eile selbst die Gefahr verscheucht hat. Denn in [S. 242] der vergangenen Woche waren wir alle besorgt, es dürften unsere Güter geraubt und Kriegsknechte gegen uns ausgeschickt werden; ja wir träumten von tausend andern Leiden. Doch sehet, das ist alles vorüber, wie eine Wolke, wie ein flüchtiger Schatten, und die Furcht vor dem Unglück war unsere einzige Strafe, ja wir sind eigentlich gar nicht gestraft, sondern nur belehrt und besser geworden, weil Gott das Herz des Kaisers gerührt hat. Rufen wir also unabläßig und täglich: Gepriesen sei Gott! Lasset uns mit größerem Eifer der Versammlung beiwohnen und der Kirche zueilen, woraus wir einen solchen Nutzen geschöpft. Denn ihr wißt ja, wohin ihr Anfangs euere Zuflucht genommen, wo ihr zusammengeströmt, woher euch die Rettung gekommen. Halten wir also fest an diesem heiligen Anker, und gleichwie er uns zur Zeit der Gefahr nicht verrathen, so wollen auch wir ihn zur Zeit der Befreiung (von der Gefahr) nimmer verlassen, sondern mit Eifer ausharren, uns täglich versammeln und beten und das Wort Gottes anhören; wir wollen die Zeit,die wir bisher durch geschäftiges und neugieriges Forschen verloren, indem wir denen nachliefen, die aus dem Hoflager des Kaisers gekommen, und denen die Sorge um Abwendung der drohenden Gefahren oblag — wir wollen all diese Zeit auf die Anhörung der göttlichen Gesetze verwenden und sie nicht mit unzeitigen und nutzlosen Geschäften vergeuden, damit wir uns nicht wieder selbst in die Noth eines solchen Sturmes versetzen.

1: Μὴ ἀφῶμεν ἑαυτοὺς ἐκλυθῆναι — d. h. uns nicht einem verweichlichten sündhaften Wandel hingeben, wodurch wir neuerdings den Zorn Gottes herausfordern würden.
2: Jes Sir. 16, 25 (LXX).
3: I. Tim. 1, 12.
4: Ebend. Vers 13.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung in die Säulenhomilien

Navigation
. Mehr
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. Achte Homlie.
. Neunte Homilie.
. Zehnte Homilie.
. Elfte Homilie.
. Zwölfte Homilie.
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. Dreizehnte Homilie
. Vierzehnte Homilie. ...
. Fünfzehnte Homilie. ...
. Sechszehnte Homilie. ...
. Siebenzehnte Homilie. ...
. Achtzehnte Homilie. ...
. Neunzehnte Homilie. ...
. Zwanzigste Homilie. ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger