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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Elfte Homilie.

5.

Diese Mannigfaltigkeit kann man aber nicht allein an unserm Leibe, nicht nur an den verschiedenen Umständen [S. 236] des Lebens, nicht bloß an den Thieren, sondern auch an den Bäumen bemerken. Du kannst ja sehen, daß oft der allerunansehnlichste Baum den größten (an Werth) übertrifft, und daß nicht Alles in allen sich finde, damit uns alle nothwendig seien und wir daraus die mannigfaltige Weisheit des Herrn erkennen. Klage also Gott wegen der Hinfälligkeit des Leibes nicht an, sondern verehre ihn darum noch mehr und erstaune über seine Weisheit und Vorsicht; über seine Weisheit, weil er an einem so hinfälligen Körper eine solche Harmonie an den Tag zu legen vermochte; über seine Vorsicht aber, weil er den Leib zum Frommen der Seele vergänglich erschuf, um ihren Stolz niederzuhalten und ihren Wahnsinn zu brechen. „Warum”, sagst du, „hat er ihn denn nicht gleich Anfangs also erschaffen?” Er rechtfertigt sich vor dir durch die Thatsachen selbst und spricht gleichsam durch den Erfolg: „Ich habe dich wohl zu einer größern Ehre berufen, du aber hast dich selbst dieses Geschenkes unwürdig gemacht und bist so des Paradieses verlustig geworden; aber auch so will ich dich nicht übersehen, sondern deine Sünde verbessern und dich in den Himmel, hinaufführen. Denn darum habe ich dich so lange Zeit der Verwesung und Hinfälligkeit überlassen, damit die Übung der Demuth durch die Länge der Zeit in dir feste Wurzeln schlage und du nie die frühere Gesinnung wieder aufnehmen mögest.” Danken wir also für Das alles dem gütigen Gott und zeigen wir uns für seine Fürsorge hinwieder erkenntlich, was uns dann neue Vortheile bringt; allen Fleiß aber laßt uns verwenden, das Gebot zu erfüllen, worüber ich euch fortwährend predige; denn ich werde nicht ablassen, bis ihr dasselbe erfüllt habt, indem man von mir nicht darüber Rechenschaft fordert, ob ich euch selten oder öfters ermähne, sondern ob ich so lange predige, bis ich euch überzeuge. Zu den Juden sprach Gott durch den Propheten: „Wenn ihr zu Streit und Hader fastet, warum fastet ihr denn?” 1 Durch [S. 237] mich aber spricht er zu euch: Wenn ihr fastet und dabei Eide und Meineide schwört, warum fastet ihr denn? Wie werden wir denn das heutige Osterfest schauen? Wie werden wir das heilige Opfer empfangen? Wie werden wir an den wunderbaren Geheimnissen Theil nehmen können mit jener Zunge, durch die wir das Gesetz Gottes verletzt, mit jener Zunge, durch die wir unsere Seele befleckt haben? Denn wenn schon Niemand es wagt, schmutzige Hände an den Purpur eines Königs zu legen, wie dürfen wir dann den Leib des Herrn mit entweihter Zunge empfangen? Denn der Schwur ist des Satans, das Opfer aber des Herrn. „Wie kann sich wohl Licht zu Finsterniß gesellen, oder wie stimmt Christus mit Belial zusammen?” 2Daß ihr euch schon Mühe gegeben, euch von diesem Laster zu befreien, weiß ich gar wohl. Weil aber der Einzelne für sich allein das nicht so leicht zu erzielen vermag, so laßt uns Bruderschaften und Genossenschaften bilden, und was die Armen bei ihren Mahlzeiten thun, — weil jeder Einzelne derselben sich das Mahl nicht zu beschaffen vermag, so treten sie alle zusammen und bestreiten den Tisch aus der Einzelnen Beisteuer, — das sollen auch wir thun: weil wir vereinzelt zu nachläßig sind, so wollen wir die Sorge unter einander vertheilen und Mann für Mann einen Rath, eine Ermahnung, eine Aufmunterung, einen Verweis, eine Erinnerung, eine Drohung beitragen, damit wir durch den Eifer des Einzelnen alle uns bessern. Denn weil wir das, was den Nächsten betrifft, schärfer ins Auge fassen als das, was uns selber angeht, so wollen wir auf Andere Acht geben und Andere auf uns Acht geben lassen und mit einander diesen herrlichen Wettkampf beginnen, damit wir diese böse Gewohnheit bemeistern, mit Zuversicht zu diesem [S. 238] heiligen Osterfeste gelangen und in seliger Hoffnung und mit reinem Gewissen des heiligen Opfers theilhaftig werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, durch welchen und mit welchem dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

1: Isai. 58, 4; d. h. ihr habt Streit mit den Schuldnern oder Unfrieden im eigenen Hause und übt somit ein nutzloses Fasten.
2: II. Kor. 6, 14. 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger