Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Elfte Homilie.

3.

Je mehr du also den Schöpfer wegen der Geringfügigkeit des Stoffes anklagst, desto mehr bewundere die Größe der Kunst. Ich bewundere ja auch einen Künstler, der aus Gold eine schöne Bildsäule macht, nicht in dem Maaße, wie den, der durch seine vollendete Kunst aus zerbrechlichem Thon ein Bild von bewunderungswürdiger und unerreichbarer Schönheit zu formen vermag. Denn dort leistet dem Künstler auch der Stoff einigen Vorschub; hier aber zeigt sich, was die Kunst ohne Beihilfe kann. Willst du aber erkennen, wie groß die Weisheit Desjenigen sei, der uns erschaffen, so erwäge, was aus Thon gemacht wird. Was anders als Ziegel und Töpfergeschirr? Und gleichwohl hat Gott, der größte Meister, aus dem Stoffe, woraus man nur Ziegel und Töpferzeug macht, ein so schönes Auge zu bilden vermocht, daß Alle, die es sehen, darüber erstaunen; und er hat ihm eine solche Kraft zu geben gewußt, daß es die unermeßliche Höhe der Luft zu durchschauen und mit Hilfe eines winzigen Augapfels so viele Körper, Gebirge, Wälder, Hügel und Meere und den Himmel zu umfassen vermag. Sage mir Nichts von den Thränen und von der Triefäugigkeit; denn daran trägt deine Sünde die Schuld; sondern betrachte die Schönheit und die Sehkraft desselben, und wie es ohne Mühe und ohne Ermüdung einen so weiten Luftraum durchmißt. [S. 230] Wenn die Füße anch nur einen kurzen Weg machen, so werden sie müde und matt; das Auge hingegen, das so hoch und so weit herum sieht, empfindet nicht die geringste Beschwerde. Denn weil dieses unter allen Gliedern uns das unentbehrlichste ist, hat Gott nicht gestattet, daß es durch Anstrengung leide, damit wir dasselbe frei und ungehindert zu gebrauchen vermögen. Noch mehr! Wer ist denn im Stande, die volle Kraft dieses Gliedes mit Worten zu schildern? Und was rede ich vom Augapfel und seiner Sehkraft? Denn wenn du auch nur die Augenlider, diese geringfügigsten unter sämmtlichen Gliedern, fleissig betrachtest, so wirst du auch an ihnen eine große Weisheit des göttlichen Schöpfers bemerken. Denn gleichwie die Spitzen an den Ähren wie Spieße vorgestreckt sind, um die Vögel abzuhalten, damit sie sich nicht auf die Frucht setzen und den zu schwachen Halm zerknicken: so stehen auch die Haare an den Augenlidern gleichsam wie Spitzen, und Lanzen hervor und halten den Staub, die Spreu und Alles, was den Augen von außen her schädlich sein kann, von denselben zurück und lassen es nicht zu, daß die Augenlider geschädiget werden. Eine andere weise Einrichtung, die nicht weniger staunenswerth ist, kannst du auch an den Augenbrauen bemerken. Denn wer muß nicht über ihre Lage erstaunen? Denn sie reichen weder übermäßig herab, um den Augen nicht das Licht zu benehmen, noch sitzen sie tiefer, als es nothwendig ist; sondern sie stehen oben gleich einem Wetterdach vor, um den vom Haupte triefenden Schweiß aufzufangen und zu verwehren, daß die Augen beschädiget werden. Deßwegen befinden sich über diesen die Haare und stehen so dicht, daß sie, was herabfließt, abhalten, die Augen mit aller Sorgfalt beschützen und denselben eine große Schönheit verleihen. Aber nicht das allein ist bewunderungswürdig, sondern es gibt noch etwas Anderes, was ihm nicht nachsteht. Denn sage mir: warum wachsen denn die Haare am Kopfe und werden geschoren, was bei den Brauen keineswegs vorkommt? Das ist an uns nicht ohne Grund und aus Zufall, sondern darum, geschehen, damit sie nicht beim Herabhängen die Augen ver- [S. 231] dunkeln, ein Leiden, das Leuten, die ein hohes Alter erreichen, zustößt. — Wer ist wohl im Stande, die ganze Weisheit (Gottes) zu schildern, die er am Gehirne bewiesen? Denn fürs Erste hat er dasselbe als weiche Masse gebildet, weil es die Quellen aller Empfindungen in sich fassen soll. Damit es ferner vermöge seiner eigenen Natur keine Verletzung erleide, hat er es ringsum mit Knochen verwahrt. Damit es dann ob der Härte der Knochen nicht durch Reibung verletzt werden könne, hat er dazwischen eine Haut ausgespannt, ja nicht nur eine, sondern auch eine zweite, wovon die eine unter dem Schädel, die andere über demselben das weiche Gehirn umschließt, und zwar ist jene fester als diese. Das hat aber Gott sowohl aus dem schon erwähnten Grunde, als auch darum gethan, damit das Gehirn die Schläge, die auf das Haupt geführt werden, nicht zuerst aushalten müsse, sondern die darüber gezogenen Häute den Hieben allen Nachtheil benehmen und so das Gehirn unbeschädigt erhalten. Ja selbst der Umstand, daß die knöcherne Hülle nicht aus einem Stücke, sondern aus vielen Theilen und Nähten besteht, gewährt dem Gehirn größeren Schutz; denn die Entweichung der dasselbe umgebenden Dünste nach außen kann durch jene Nähte leichtlich geschehen, wodurch es vor Erstickung bewahrt wird; und wird etwa der Schädel durch einen Schlag irgend verletzt, so ist die Verletzung nur eine theilweise. Denn bestünde der Schädel aus einem einzigen Knochen, so würde der Schlag, wenn er auch nur einen Theil träfe, das Ganze verletzen. Nun geht aber Dieses nicht an, da der Schädel aus vielen Theilen zusammengefügt ist. Wenn es daher etwa geschieht, dah ein Theil eine Wunde empfängt, so wird nur der Knochen verletzt, der um jenen Theil sich befindet, alle andern aber bleiben unbeschädigt, well sich der Streich wegen der Mehrheit der Knochen nicht fortzupflanzen und auf die umliegenden nicht auszudehnen vermag. Darum also hat Gott die Hülle des Gehirns aus vielen Knochen gebildet, und wie Jemand, der sich ein Haus baut, ein Dach macht und es mit Ziegeln deckt: so hat auch Gott das Haupt mit Knochen geschützt [S. 232] und auf demselben Haare hervorwachsen lassen, um dem Kopfe als Bedeckung1zu dienen. Eben Dasselbe hat er auch am Herzen gethan; denn weil das Herz unter allen Gliedern unseres Leibes das allervornehmste ist und in ihm die Hauptkraft unseres ganzen Lebens besteht, so daß bei irgend einer Verwundung desselben der Tod eintritt: so hat er es ringsum mit festen und harten Knochen geschützt, indem er es von vorne durch den gewölbten Brustkorb, von rückwärts durch die Schulterblätter verwahrte. Wie er ferner das Gehirn in Häute gehüllt hat, so hat er es auch mit dem Herzen gemacht. Denn damit das Herz, das fortwährend schlägt und im Zorn oder bei ähnlichen Gemüthsbewegungen ungestüm pocht, nicht an den harten Knochen, die es umgeben, anstoße, sich reibe und Schmerzen empfinde: so hat er auch hier viele Häute darunter gespannt und die Lunge wie ein weiches Lager für seine Regungen darunter gelegt, damit es bei seiner Aufwallung sich frei und ohne Nachtheil zu bewegen vermöge. Und was rede ich vom Gehirn und Herzen? Wollte Jemand auch nur über die Nägel eine Untersuchung anstellen, so träte ihm auch an diesen, sowohl wegen ihrer Gestalt, als auch wegen ihrer Natur und Lage, die göttliche Weisheit klar vor die Augen. — Wir könnten auch fragen, warum denn unsere Finger nicht alle gleich lang sind, und um dergleichen noch mehr; allein schon aus dem Gesagten leuchtet die Weisheit Gottes, der uns erschaffen, zur Genüge hervor; ich will also die fleissige Untersuchung dieses Theiles den achtsamen Gemüthern anheimstellen und mich einem andern Einwurf zuwenden.

1: Πίλημα — eigentlich „gekrämpte, gefilzte Wolle,” — Filz.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung in die Säulenhomilien

Navigation
. Mehr
. Dritte Homilie.
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. Achte Homlie.
. Neunte Homilie.
. Zehnte Homilie.
. Elfte Homilie.
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie
. Vierzehnte Homilie. ...
. Fünfzehnte Homilie. ...
. Sechszehnte Homilie. ...
. Siebenzehnte Homilie. ...
. Achtzehnte Homilie. ...
. Neunzehnte Homilie. ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger