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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Elfte Homilie.

1.

Wenn ich den vergangenen Sturm und die gegenwärtige Ruhe bedenke, so rufe ich ohne Unterlaß: „Gepriesen sei Gott, der Alles macht und Alles verändert,1 der Licht aus der Finsterniß schuf, der zu den Pforten der Hölle hinab- und von denselben wieder heraufführt, der züchtiget, aber nicht tödtet.” 2Ich wünsche, daß auch ihr Dieses fortwährend und ohne Unterlaß saget; denn wenn er uns in Werken Wohlthaten gespendet, welcher Verzeihung wären wir würdig, falls wir es ihm nicht einmal mit Worten vergälten? Darum ermahne ich euch, ihm unaufhörlich zu danken; denn wenn wir uns für die ersten Wohlthaten dankbar erweisen, so werden wir sicher auch anderer größerer theilhaftig werden. Rufen wir also beständig: Gepriesen sei Gott, der es sowohl uns gönnt, euch furchtlos den gewöhnlichen Tisch zu bereiten, als euch gestattet, unsere Reden voll Vertrauen zu hören! Gepriesen sei Gott, daß wir nicht mehr der Gefahr, die von aussen her drohte, zu entfliehen versuchen, sondern aus Begierde (das Wort Gottes) zu hören hier uns vereinen; daß wir nicht mehr mit Angst und Zittern und Furcht uns unter einander versammeln, sondern mit vollem Vertrauen und Verbannung jeglicher Furcht! Wir hatten ja in den vergangenen Tagen keine bessere Aussicht als Diejenigen, welche mitten im Meere von stürmenden Wogen erfaßt von Stunde zu Stunde den Schiffbruch besorgen: wir wurden die ganze Zeit durch tausend Gerüchte [S. 224] in Aufregung versetzt, von allen Seiten erschreckt und gehetzt; täglich waren wir geschäftig und fragten sorgfältig nach: Ist Jemand aus dem Hoflager erschienen? Was hat der Bote für eine Nachricht gebracht? Ist die Nachricht wahr oder falsch? Wir durchlebten schlaflose Nächte und betrachteten die Stadt mit weinenden Augen, als sollte sie nächstens der Verwüstung verfallen. Darum schwiegen in diesen erstern Tagen auch wir, weil unsere ganze Stadt leer war, fast alle Bewohner sich in die Wüste begaben, die Zurückgebliebenen aber durch maaßlose Trauer ganz vom Schwindel erfaßt waren. 3 Denn eine Seele, die einmal von Trauer erfüllt ist, ist nicht geeignet, irgend Etwas zu hören. Darum haben auch die Freunde des Job, 4als sie bei ihrem Besuche den traurigen Zustand jenes Hauses erblickten, den Gerechten auf dem Misthaufen sitzen und mit Geschwüren bedeckt sahen, ihre Kleider zerrissen, geseufzt, sich schweigend an seine Seite gesetzt und dadurch zu verstehen gegeben, daß für die Leidenden Anfangs Nichts so zuträglich sei als Ruhe und Schweigen; denn das Leiden war größer als tröstende Worte. Darum war es auch den Juden, 5die Thon zu kneten und Ziegel zu bereiten genöthiget wurden, beim Anblick des Moses, der zu ihnen gekommen, nicht möglich, auf seine Worte zu achten: so kleinmüthig waren sie und so groß ihre Trübsal. Und ist es ein Wunder, daß einzelnen Kleinmüthigen Dasselbe begegnet, da wir ja finden, daß selbst die Jünger (Christi) in diefe Schwachheit verfielen? Denn als sie Christus nach jenem geheimnißvollen Mahle besonders zu sich nahm und mit ihnen ein Zwiegespräch hielt, so fragten sie ihn zwar am Anfang: Wo gehst du hin? Als er aber die Leiden aufzählte, die ihnen bald zu Theil werden sollten, die Kämpfe, die Verfolgungen, die allseitigen Anfeindungen, die Geisseln, die Kerker, die Ge- [S. 225] richte, die Wegführungen: so wurde ihr Geist von der Furcht vor dem, was er sagte, und von der Traurigkeit über die Zukunft wie von einer gar wuchtigen Last darnieder gebeugt und blieb davon wie betäubt. Darum gab ihnen Christus, als er ihre Bestürzung bemerkte, gerade darüber einen Verweis mit den Worten: „Ich gehe zu meinem Vater, und Keiner von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Sondern, weil ich euch Dieses gesagt, hat Traurigkeit euer Herz erfüllt.” 6Darum habe auch ich vorher geschwiegen und auf diesen günstigen Zeitpunkt gewartet. Denn wenn schon Derjenige, der an einen Andern auch eine vernünftige Bitte zu stellen gedenkt, doch einen günstigen Zeitpunkt abwartet, auf daß er Denjenigen, der sie gewähren soll, sanft und gutgestimmt finde, und daß er so von der günstigen Zeit unterstützt der Wohlthat theilhaftig werde: so muß der Prediger noch um so mehr eine geeignete Zeit suchen, damit er seine Worte an Zuhörer richte, die ihm geneigt und frei sind von jeglicher Sorge und Muthlosigkeit. So habe ich es jetzt eben gemacht. —

1: Amos 5, 3.
2: Job 37, 15; I. Kön. 2, 6; II. Kor. 6, 9.
3: Wörtlich: „durch die Wolle der Traurigkeit verfinstert waren” (ἐσκοτῶσθαι τῷ νέφει τῆς ἀθυμίας).
4: Job 2. 11—13.
5: Exod. 5, 19—21.
6: Joh. 16, 5. 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger