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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zehnte Homilie.

5.

Wir könnten nun auch über die andern Elemente: den Himmel, die Luft, die Erde, das Meer Betrachtungen anstellen und ihre Unvolltommenheit an den Tag legen, wie nämlich ein jedes des andern bedarf und ohne dasselbe verdirbt und zu Grunde geht. Denn fehlten der Erde die [S. 217] Brunnen und das Naß, das ihr vom Meere und von den Flüssen zugeführt wird, so würde sie in Kürze verdorren und zerfallen. Ebenso bedürfen die andern Elemente eines des andern: die Luft der Sonne, sowie die Sonne der Luft. Jedoch ich will mich darüber nicht weiter auslassen; ich habe ja denen, die nachdenken wollen, durch das Gesagte genug Gelegenheit geboten, Dieses zu thun. Denn wenn schon die Sonne, das herrlichste aller Geschöpfe, so unvollkommen und bedürftig erscheint, um so mehr müssen es die andern Theile der Welt sein. Das sage ich darum, damit die Strebsamen sich die Unvollkommenheiten an ihnen sammeln mögen. — Nun will ich mich wieder aus der heiligen Schrift mit euch unterhalten und zeigen, daß nicht die Sonne allein, sondern diese ganze Welt vergänglich sei. Denn da die Elemente sich unter einander aufreiben, indem eine zu große Kälte die Kraft der Sonne zu mindern, und wieder die zunehmende Hitze den Frost zu schwächen vermag, und die Elemente einander entgegengesetzte Wirkungen und Zustände hervorbringen und von einander erleiden: so ist es stets klar, daß Dieß ein Beweis ihrer großen Vergänglichkeit sei, und ein Beweis, daß alles Sichtbare körperlich sei. Weil jedoch diese Betrachtung für unsern schlichten Verstand zu erhaben sein dürfte, wohlan, so wollen wir euch zur süßen Quelle der Schrift führen und damit euere Ohren ergötzen. Wir wollen uns nämlich nicht speciell vom Himmel und von der Erde, sondern überhaupt von allen Geschöpfen mit euch unterreden und euch einen Apostel vorführen, der euch ganz Dasselbe bekräftigt und es ebenso klärlich ausspricht, daß die sämmtliche Schöpfung jetzt der Vergänglichkeit unterworfen sei, und warum sie es sei, und wann sie davon ihre Befreiung erlangen und in welchen Zustand sie dann übergehen werde. Denn nachdem er den Ausspruch gethan, daß „die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die an uns soll geoffenbart werden,” 1 setzt er hinzu: „Diesem [S. 218] Offenbarungszustande an den Kindern Gottes harret die Schöpfung voll Sehnsucht entgegen; denn sie ist einem unvollkommenen Zustande unterworfen, nicht aus eigener Wahl, sondern durch den, der sie unterworfen auf die Hoffnung.” 2 Er will aber damit Folgendes sagen: Die Schöpfung ist vergänglich erschaffen, das will es nämlich besagen: „Die Schöpfung ist einem unvollkommenen Zustande unterworfen;” vergänglich wurde sie aber erschaffen, weil es Gott also befahl; Gott hat es aber wegen unseres Geschlechtes also befohlen; denn weil sie einen vergänglichen Menschen ernähren sollte, so mußte sie selber so sein; denn vergängliche Körper dürfen sich in einem unvergänglichen Geschöpfe nicht aufhalten. Allein so bleibt die Schöpfung nicht, fährt er weiter, sondern „auch sie wird von der Dienstbarkeit der Verderbniß befreit werden.” 3 Dann zeigt er, wann Dieß geschehen und durch wen es geschehen wird, und sagt: „Zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.” Denn sobald wir auferstehen und unverwüstliche Leiber erlangen, dann werden auch die Himmelskörper und die Erde und die ganze erschaffene Welt unvergänglich und unverwelklich erscheinen. Wenn du also die Sonne aufgehen siehst, so bewundere den Schöpfer; wenn du siehst, daß sie sich versteckt und verschwindet, so lerne daraus die Unvollkommenheit ihrer Natur und bete sie ja nicht als Gott an. Denn darum hat Gott nicht bloß der Natur der Elemente den Beweis ihrer Unvollkommenheit auf die Stirne geschrieben, sondern auch seinen Knechten, den Menschen, befohlen über dieselben zu herrschen, damit du, falls du aus ihrem Anblick ihr Unterthänigkeitsverhältniß nicht zu erkennen vermagst, aus ihren Beherrschern erkennest, daß alle Geschöpfe deine Mitknechte seien. Deßwegen spricht Jesus der Sohn des Nave: „Die Sonne stehe still in Gabaon und der Mond im Thale Ajalon.”4Und wieder befahl ihr der Prophet Isaias unter dem Könige [S. 219] Ezechias zurückzugehen,5und Moses herrschte über Luft und Meer, über Erde und Felsen. Elisäus verwandelte die Natur des Wassers,6 die drei Knaben überwanden das Feuer. Siehst du, wie Gott auf doppelte Weise für uns gesorgt hat, indem er uns einerseits durch die Schönheit der Elemente zur Gotteserkenntniß hinführt, andererseits aber durch ihre Hinfälligkeit abhält, in eine abgöttische Verehrung derselben zu verfallen?

1: Röm. 3, 18.
2: Röm. 8, 19. 20.
3: Ebend. V. 21.
4: Jos. 10, 12.
5: Isai. 38. 8.
6: IV. Kön. 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger