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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zehnte Homilie.

4.

Diesen ihren Vorwand sah nämlich Gott vom Anfang voraus und benahm ihnen denselben vermöge seiner Weisheit; darum hat er die Welt nicht allein groß und be- [S. 213] wunderungswürdig, sondern auch vergänglich und hinfällig gemacht und sie mit vielen Merkmalen der Sckwäche bezeichnet, und was er in Bezug auf die Apostel gethan, das that er bezüglich der ganzen Welt. Was hat er aber an den Aposteln gethan? Weil sie viele Zeichen thaten und große und auffallende Wunder wirkten, so hat er doch zugelassen, daß sie oft gegeißelt, verfolgt, ins Gefängniß geworfen, körperlichen Krankheiten ausgesetzt wurden und in beständigen Drangsalen sein mußten, damit die Größe der Wunder bei den Menschen etwa nicht den Glauben erwecke, sie seien göttliche Wesen. Darum ließ ihnen Gott, der ihnen eine so große Gnade verliehen, einen sterblichen, vielen sogar einen kränklichen Leib und befreite sie von ihrer Schwächlichkeit nicht, um ihre Natur zu verbürgen. 1 Und das sage nicht ich, sondern Paulus selbst, der also spricht: „Denn wenn ich mich auch rühmen wollte, so wäre ich nicht thöricht; ich enthalte mich aber dessen, damit Niemand mehr von mir halte, als was er sieht oder von mir hört.” 2 Und wiederum : „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen.” 3 Was heißt aber das: in irdenen Gefäßen? Das heißt: in diesem sterblichen und vergänglichen Leibe. Denn wie ein irdenes Gefäß aus Thon und Feuer entsteht, so wurde auch der Leib jener Heiligen ein solches Gefäß, da es aus Erde gebildet das geistige Feuer aufnahm. Und warum ist das geschehen? Warum hat Gott einen solchen Schatz und eine solche Fülle von Gnaden in einen sterblichen und vergänglichen Körper gelegt? „Damit die erhabene Kraft Gott und nicht uns beigemessen werde.” 4 Denn wenn du siehst, daß die Apostel Todte erweckten, sie selbst aber eine Beute der Krankheiten waren und sich von ihrer Leibesschwachheit nicht zu befreien vermochten: so kannst du den richtigen Schluß ziehen, daß die Auferstehung des Todten nicht der Kraft des Erweckers, sondern der des (göttlichen) Geistes zuzu- [S. 214] schreiben sei. Denn daß sie oft krank waren, das lerne aus dem, was Paulus zu Timotheus sagt: „Genieße etwas Wein um deines Magens und deiner öftern Kränklichkeit willen.5Und wieder von einem Andern heißt es: „Den Trophimus habe ich krank zu Milet gelassen;” 6 und in seinem Briefe an die Philipper sagt er: „Epaphroditus war todtkrank.”7Wenn man sie nun unter solchen Umständen für Götter hielt und ihnen opfern wollte und sagte: „Die Götter sind in Menschengestalt zu uns herabgestiegen” 8 : wie weit würden die Heiden beim Anblicke solcher Wunder in der Abgötterei wohl gegangen sein, wäre den Aposteln nicht Dieß alles begegnet? Gleichwie also Gott die Apostel wegen der Größe der Wunder leiblicher Schwäche und häufigen Versuchungen aussetzte, damit man sie ja nicht für Götter hielte: so hat er mit der Welt ein Gleiches gethan; denn er hat sie groß und herrlich, aber auch hinfällig und vergänglich gemacht. Beides lehrt uns die heilige Schrift. Sie sagt, wenn sie von der Schönheit des Himmels spricht, also: „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes;” 9 und wieder: „Der den Himmel wie ein Gewölbe10 ausspannt und wie ein Zelt über der Erde ausbreitet.”11 Und wieder: „Der da hält den Umkreis des Himmels.”12 Will aber ein Anderer zeigen, daß der Himmel zwar herrlich und groß, aber dennoch vergänglich sei, so redet er also: „Im Anfang hast du, o Herr, die Erde gegründet, und die Werke deiner Hände sind die Himmel. Diese vergehen, du aber bleibst; sie alle veralten wie ein Kleid, und wie ein Gewand veränderst du sie, und sie werden verändert.” 13 Und von der Sonne sagt David an einem andern Orte: „Sie geht hervor wie ein Bräutigam aus seinem Gemache: sie frohlocket wie ein Riese, zu laufen den Weg.” 14Siehst du, wie er [S. 215] dir sowohl die Größe als die Schönheit dieses Gestirnes vor die Augen hinstellt? Denn wie ein Bräutigam aus seinem Gemache hervortritt, so sendet die Sonne in der Morgenröthe ihre Strahlen voraus, schmücket den Himmel gleichsam mit einem safranfarbenen Vorhang, gibt den Wolken ein rosiges Kleid, läuft ungehindert den ganzen Tag fort und läßt sich im Laufe nicht aufhalten durch irgend ein Hemmniß. Hast du nun ihre Schönheit geschaut? Hast du ihre Größe gesehen? Betrachte nun auch den Beweis ihrer Hinfälligkeit! Denn auch diese zeigt uns ein Weiser mit folgenden Worten: „Was ist heller als die Sonne? Und doch wird sie verfinstert.” 15 Und nicht daraus allein ersieht man ihre Hinfälligkeit, sondern auch beim Zusammentreffen mit Wolken. Es zieht oft eine Wolke unter der Sonne dahin; sie wirft ihre Strahlen darauf und kämpft an, sie zu zertheilen, und ist nicht im Stande, weil eben die Wolke zu dicht ist und der Sonne nicht nachgeben will. Aber sie fördert, heißt es, das Wachsthum des Samens. Jedoch nicht sie allein fördert dasselbe; es sind auch die Erde, der Thau, der Regen, die Winde und eine günstige Witterung im ganzen Jahr nöthig. Trifft das nicht alles zusammen, so ist die Sonne ganz nutzlos. Einem Gotte aber steht es nicht zu, zu dem, was er thun will, fremde Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen; denn das ist ganz besonders eine Eigenschaft Gottes, daß er keines Andern bedarf. So brachte er den Samen nicht aus der Erde hervor, sondern er befahl nur, und Alles sproßte empor. Und damit du ferner einsehest, daß Alles auf seinen Befehl und nicht auf die Natur der Elemente ankomme, so hat er die Elemente selber, die nicht waren, erschaffen und den Juden ohne jegliche Beihilfe das Manna gegeben. „Er gab ihnen Brod vom Himmel,” heißt es. 16 Und was sage ich, daß die Sonne zur Blüthe der Früchte und ihrer Zeitigung anderer Elemente bedürfe, da sie ja selber zu ihrem Bestände vieler bedarf und sich selbst [S. 216] nicht genügt? Denn um weiter zu kommen, braucht sie den Himmel gleichsam als darunter liegenden Boden; um leuchten zu können, bedarf sie einer reinen und heitern Luft; wird diese übermäßig verdichtet, so kann sie nicht scheinen. Und damit sie nicht Allen unerträglich werde und Alles verbrenne, so bedarf sie wieder der Kühle und des Thaues. Da also andere Elemente über sie siegen und ihrer Übermacht steuern (überwunden wird sie von den Wolken und Mauern und auch andern Körpern, die ihr Licht nicht durchlassen; ihrer Maßlosigkeit steuern Thau, Brunnen und erfrischender Wind) — wie sollte sie Gott sein? Denn Gott darf nicht fremder Hilfe bedürfen; es darf ihm Nichts fehlen; er muß die Quelle alles Guten sein und von Niemanden gehindert werden können, wie das über Gott Paulus und der Prophet Jeremias aussagen. 17 Dieser sagt im Namen Gottes also: „Ich erfülle den Himmel und die Erde, spricht der Herr.” Und wieder: „Ich bin ein Gott in der Nähe und nicht ein Gott in der Ferne.”18 Und wieder sagt David: „Ich sprach zum Herrn: Du bist mein Gott, weil du meiner Güter nicht bedarfst.”19Paulus lehrt auch seinen unendlichen Reichthum und zeigt, daß diese beiden Eigenschaften ganz nothwendig zu Gott gehören: daß er keines Dinges bedürfe und Allen Alles darbiete. Er spricht also: „Gott, der den Himmel und die Erde und das Meer gemacht hat, ist selbst keines Dinges bedürftig, gibt aber allen Leben, Odem und Alles.” 20

1: D. h. um dadurch zu zeigen, was sie von Natur aus seien.
2: II. Kor. 12, 6.
3: Ebend. 4, 7.
4: Ebend.
5: I. Tim. 5, 23.
6: II. Tim. 4, 20.
7: Phil. 2, 27.
8: Apostelgesch. 14. II; vergl. ebend. 28, 6.
9: Ps. 18,11.
10: Ὡσεὶ καμάραν.
11: Is. 40, 22.
12: Pred. 43, 13.
13: Ps. 101, 26. 27.
14: Ps. 18, 6.
15: Ps. 77, 24.
16: Ebend.
17: Jer. 23, 24. Im griechischen Text steht: Ἡσαίας, wie auch in der lateinischen Uebersetzung: Isaias, am Rande ist aber richtig Jeremias citirt.
18: Ebend. V. 23 nach dem Hebräischen.
19: Ps. 15. 2.
20: Apost.Gesch. 17, 24. 25.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger