Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zehnte Homilie.

3.

Siehst du nicht, wie dieser Leib, wenn die Seele entflieht, zerfällt und verwelkt und verdirbt und jedes der Elemente zu seinem Loose zurückkehrt? Ganz Dasselbe würde wohl auch der Welt widerfahren, wäre nicht die Macht, die sie beständig regiert, vorsichtig für ihre Erhaltung besorgt. Denn wenn schon ein Schiff ohne Steuermann sich nicht zu halten vermag, sondern leichtlich versinkt: wie würde die Welt — ohne Lenker — so lange Zeit zu bestehen vermögen?” Und damit ich nicht weiter aushole: stelle dir vor, die Welt sei das Schiff, die Erde der Kiel, die Segel der Himmel, die Schiffenden seien die Menschen, das Meer sei der Abgrund der Tiefe! Wie kömmt es wohl, daß durch so lange Zeit kein Schiffbruch erfolgte? Laß ein Schiff nur einen Tag ohne Steuermann und Bootsleute, und du wirst bald seinen [S. 211] Untergang sehen. Aber die Welt hat noch kein solches Schicksal erfahren, obgleich sie fünftausend und viel mehr Jahre zählt. Und wozu nenne ich ein Schiff? Es baut Jemand in den Weinbergen eine winzige Hütte; nach vollendeter Lese läßt er sie leer stehen; oft steht sie kaum ein paar Tage, sondern löst sich auf und fällt in Kürze zusammen. Eine kleine Hütte also kann nicht ohne Vorsorge bestehen; aber wie hätte ein so gewaltiger, so schöner und bewunderungswürdiger Bau, wie die Grenzen von Tag und Nacht, die wechselnden Tänze der Jahreszeiten, der Lauf der Natur, welcher auf der Erde, im Meere, in der Luft, am Himmel, in den Pflanzen, in den fliegenden, schwimmenden, gehenden und kriechenden Thieren und in dem Dieß alles übertreffenden Menschengeschlechte so verschieden und mannigfaltig sich zeigt — durch so lange Zeit ohne Vorsehung beharrlich zu bestehen vermocht? Durchgehe mir nur ausser den erwähnten Gegenständen im Geiste die Wiesen, die Gärten, die Arten der Blumen, alle Kräuter, den Nutzen derselben, den Wohlgeruch, die Bildung, die Lage, ja nur die Namen, die fruchtbaren und unfruchtbaren Bäume, das Wesen der Metalle, der Thiere im Meere, der auf der Erde, der Fische, der Vögel, die Gebirge, die Wälder, die Haine, die untere und obere Aue (denn es gibt eine Aue auf der Erde und eine am Himmel): die Gestirne sind die verschiedenen Blumen, unten die Rosen, oben der Regenbogen. Willst du, daß ich dir auch an den Vögeln eine Aue vorführe? Betrachte nur den buntgefiederten Pfau, der jede künstliche Färbung beschämt, und die purpurfarbenen Vögel! Stelle dir vor die Schönheit des Himmels, wie lange Zeit sie gedauert ohne verdunkelt zu werden; ja er schimmert in solcher Pracht, als wenn er erst heute erbaut worden wäre. Der Schooß der Erde gebiert schon durch so lange Zeit, und es ist seine Kraft doch nicht geschwunden. Betrachte die Brunnen, wie sie quellen und, seit sie entstanden, beständig fortsprudeln bei Tag und bei Nacht. Betrachte das Meer, wie viele Flusse es aufnimmt und doch seine Begrenzung nicht übelschreitet. Jedoch wie lange verfolgen wir Dinge, die wir nicht zu be- [S. 212] greifen vermögen? Bezüglich aller, die wir erwähnten, können wir sagen: „Wie herrlich, o Herr, sind deine Werke! Alles hast du mit Weisheit gemacht.” 1 Aber was bringen denn die Ungläubigen Vernünftiges vor, so oft wir ihnen Dieß alles: die Größe, die Schönheit der Schöpfung, den Reichthum und den allseitigen Überfluß vorstellen? Das verdient eben am meisten getadelt zu werden, sagen sie, daß Gott die Welt so schön und so groß gemacht hat. Hätte Gott die Welt nicht schön und groß gemacht, so würden wir sie nicht vergöttern; nun aber erstaunen wir über ihre Größe, bewundern ihre Schönheit und halten sie für ein göttliches Wesen. Allein das ist eine schale Rede; denn daß weder die Größe noch die Schönheit, sondern ihre eigene Unwissenheit der Grund dieser gottlosen Anschauung sei, das beweisen ja wir, denen etwas Ähnliches nicht widerfuhr. Denn warum erweisen wohl wir derselben keine göttliche Ehre? Schauen wir sie nicht mit den nämlichen Augen? Genießen wir von der Schöpfung nicht eben Dasselbe, was sie? Besitzen wir nicht dieselbe Seele? Haben wir nicht den nämlichen Leib? Treten wir nicht auf die nämliche Erde? Warum hat denn uns die Schönheit und die Größe (der Welt) nicht bewogen, ebenso zu denken, wie sie? Das erhellt aber nicht allein daraus, sondern auch aus einem andern Grunde. Denn wenn sie die Welt ob ihrer Schönheit und nicht aus Thorheit vergöttern, so mögen sie sagen, warum sie den Affen, das Krokodil, den Hund, diese verächtlichsten Thiere anbeten. Wahrhaftig,,sie wurden eitel in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ward verfinstert; denn da sie sich für Weise ausgaben, sind sie Thoren geworden.” 2Aber wir wollen uns nicht mit dieser Antwort allein begnügen, sondern auch noch etwas Anderes, Größeres sagen.

1: Ps. 103, 24.
2: Röm. 1, 21. 22.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung in die Säulenhomilien

Navigation
. Mehr
. Zweite Homilie.
. Dritte Homilie.
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. Achte Homlie.
. Neunte Homilie.
. Zehnte Homilie.
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. Elfte Homilie.
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie
. Vierzehnte Homilie. ...
. Fünfzehnte Homilie. ...
. Sechszehnte Homilie. ...
. Siebenzehnte Homilie. ...
. Achtzehnte Homilie. ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger