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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Neunte Homilie.

5.

Aber nicht das allein, sondern noch vieles Andere wäre zu sagen, und es ließen sich über die Schöpfung selber mehrere und tiefere Betrachtungen anstellen; indem wir aber das auf morgen verschieben, laßt uns nur Sorge tragen, das Gesagte fleissig zu merken und Andern mitzutheilen. Ich weiß wohl, daß eure Ohren nicht an tiefe Gedanken gewöhnt sind; allein wenn wir ein Bischen aufmerksam sind und uns selber an Dieses gewöhnen, so werden wir leicht auch Andere belehren. Indeß aber muß ich eurer Liebe noch Folgendes sagen: Gleichwie uns Gott durch diesen Wunderbau verherrlichet hat, so sollen auch wir ihn verherrlichen durch unser gutes Betragen. „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes,” 1wenn man sie auch nur betrachtet; lasset also auch uns die Herrlichkeit Gottes erzählen, nicht nur mit Worten, sondern auch wenn wir schweigen und durch die Reinheit unseres Wandels Alle in Verwunderung setzen, denn es heißt: „Euer Licht leuchte vor den Menschen, auf daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater preisen, der im Himmel ist.”2 Denn wenn der Ungläubige sieht, [S. 201] daß du, der Gläubige, mäßig, gesetzt, mit Tugenden ausgeschmückt bist: so wird er in Verwunderung gerathen und sagen: Wahrhaft groß ist der Christengott! Welche Menschen hat er aus ihnen gemacht! Ja Engel hat er aus Menschen gemacht! Schmähet sie Jemand, so erwidern sie die Schmähungen nicht; schlägt sie Jemand, so werden sie nicht aufgebracht; beleidigt sie Jemand, so beten sie für ihren Beleidiger. Sie hegen gegen Niemanden Feindschaft; sie können keinen Zorn behalten; sie wissen nicht müssig zu schwätzen; das Lügen haben sie nicht gelernt; meineidig zu werden ist ihnen unmöglich, oder besser gesagt: sie schwören gar nicht, sondern sie ließen sich eher die Zunge ausschneiden, als durch ihren Mund einen Eidschwur ablegen. Laßt es auch uns so weit bringen, daß man von uns Dieses rühme; laßt uns die böse Gewohnheit zu schwören verbannen und Gott doch so viele Ehre, wie unsern besten Kleidern, erweisen! Denn wenn wir ein Kleid haben, das besser ist als unsere andern Kleider, so bringen wir es — vernünftiger Weise — nicht über uns, dasselbe durch beständigen Gebrauch abzunützen; wohl aber, den Namen Gottes allüberall unbedacht, und wie sichs eben gibt, zu zerreissen. Darum bitte und flehe ich: Lasset uns doch unser Heil nicht also gering achten, sondern den Eifer, den wir in Bezug auf dieses Gebot anfänglich angewandt haben, bis ans Ende bewahren. Daher meine beständige Mahnung in Bezug auf das Schwören, nicht als ob ich eure Nachlässigkeit verurtheilen wollte, sondern weil ich sehe, daß die Hauptsache davon von euch bereits in Ordnung gebracht ist; darum eile ich und bestrebe ich mich, daß das Ganze gelinge und sein Ende erreiche. So machen es auch die Zuschauer (beim Wettlauf), indem sie Diejenigen, die dem Ziele zunächst sind, noch mehr ermuntern. Also auch wir wollen nimmer ermüden, denn wir stehen nahe am Ziele, das Ganze in Ordnung zu bringen; schwierig war die Sache nur Anfangs. Da nun aber die Gewohnheit größtentheils überwunden und nur noch etwas Weniges davon übrig ist, so bedarf es von unserer Seite keiner Anstrengung mehr, sondern nur einer geringen Aufmerksamkeit und einer ganz kurzen [S. 202] Sorgfalt, um, nachdem wir uns selber gebessert, auch Andre belehren zu können. Wir können alsdann mit Vertrauen das heilige Osterfest schauen und mit großer Wonne die gewohnte Freude doppelt und dreifach genießen. Denn es ist für uns kein so großes Vergnügen, von den Anstrengungen und Beschwerden des Fastens befreiet zu werden, als auf eine würdige Art mit einer strahlenden nimmer verwelkenden Krone dieser heiligen Feier entgegen zu gehen. Damit aber diese Besserung um so schneller erfolge, so thue das, was ich sage. Zeichne an die Wand deiner Wohnung und an die Wand deines Herzens jene fliegende Sichel 3und glaube, daß sie den Schwörer ereile, und denke immer an sie, und wenn du siehst, daß etwa ein Anderer schwört, so thue ihm Einhalt, verwehre es ihm und sei auch für deine Hausgenossen besorgt. Denn wenn wir darauf bedacht sind, nicht bloß selbst ein geordnetes Leben zu führen, sondern auch Andere dazu zu vermögen: so werden wir bald zum Ziele gelangen. Denn wenn wir es unternehmen, Andere [S. 203] zu bessern, so werden wir erröthen und uns beschämt fühlen, daß wir das unterlassen, was wir Andern gebieten. Es braucht keine weitere Ausführung; denn Vieles ist schon früher erwähnt worden, und was jetzt gesagt wurde, dient nur, um euch neuerdings daran zu erinnern. Gott aber, der mehr als wir selbst für unsere Seelen besorgt ist, möge uns in diesem Stücke und in jeglicher Tugend vollkommen machen, auf daß wir, nachdem wir alle Pflichten erfüllt, des Himmelreiches würdig erachtet werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen und mit welchem dem Vater sammt dem heiligen Geiste sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

1: Ps. 18, 2.
2: Matth. 5, 16.
3: Zach. 5, 1—3. Chrysostomus sagt nach der Septuaginta: „τὴν δρεπάνην τὴν πετομένην ἐκείνην“ „jene fliegende Sichel” — während Montfaucon nach der Vulgata: volumen illud volans — jene fliegende Rolle — gebraucht. Dieser bedeutende Unterschied kömmt nach Gesen. Thesaur. tom. I. pag. 269 daher, daß die LXX im hebräischen Urtext ‏מגּל (Sichel), die Andern aber מגלּה (Rolle, Buch) gelesen haben. Wir hielten uns pflichtgetreu an den griechischen Text unseres Heiligen, obgleich die andere Leseart offenbar die richtige ist; denn erstens heißt es gleich V.2: Ihre Länge (beträgt) zwanzig Ellen, und ihre Breite zehn Ellen,” was wohl auf eine Rolle, aber nicht auf eine Sichel paßt; zweitens erfahren wir aus V. 3, daß diese Rolle beschrieben war; „denn jeder Dieb wird, wie darauf geschrieben ist, gerichtet werden.” Der Sinn ist allo: Diese Rolle enthält die Strafen, die über das ganze Land ergehen wegen der Ungerechtigkeit und des Meineides des ganzen Vokes. Es sind die zwei Hauptsünden der Juden gemeint: Bundesbrüchigkeit gegen Gott und Ungerechtigkeit gegen den Nächsten. —

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger