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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Neunte Homilie.

4.

Wer sollte darüber nicht staunen, nicht mit Verwunderung und Zuversicht sagen, daß Dieses nicht Werke der Natur, sondern Werke der übernatürlichen Vorsehung seien? Deßwegen heißt es: „Er hängt die Erde an Nichts.” 1 Ein Anderer aber spricht: „In seiner Hand sind die Gränzen der Erde.” 2 Und wieder: „Er hat die Erde auf die Meere gegründet.” 3 Diese Stellen scheinen sich zu widersprechen, stimmen aber doch vortrefflich zusammen. Denn Derjenige, der da gesprochen: „Er hat die Erde auf die Meere gegründet,” sagt eben so viel, wie der mit den Worten: „Er hängt die Erde an Nichts;” denn auf dem Wasser ruhen ist eben so viel als auf Nichts ruhen. Woran hängt sie also, worauf gründet sie sich? Höre das von demselben (Propheten), wenn er spricht: „In seiner Hand sind die Gränzen der Erde” — nicht als ob Gott Hände besäße, sondern damit du begreifest, daß seine für Alles sorgende Macht den Erdkörper zusammenhalte und trage. Aber du läßt dich durch diese Worte nicht überzeugen? Nun so glaube doch dem, was du siehst! Übrigens kannst du diese wunderbare Erscheinung auch an einem andern Elemente bemerken. Denn das Feuer steigt nach seiner Natur in die Höhe, strebt und dringt immer empor, und man mag noch so viele Mittel anwenden, es zu bezwingen und nieder zu halten, es läßt [S. 198] sich dennoch nicht unterwärts drängen. Wenn wir noch so oft eine brennende Fackel hernehmen und den obern Theil nach unten hinkehren, so werden wir es doch nicht erzwingen, daß des Feuers Gewalt abwärts strebe, sondern auch so drängt es nach oben und steigt aus der Tiefe in die Höhe. In Bezug auf die Sonne aber hat es Gott ganz anders gemacht; denn er hat ihre Strahlen gegen die Erde gekehrt und bewirkt, daß das Licht sich herabsenken muß. Er hat zu ihr gleichsam gesagt: Schaue hinab und leuchte den Menschen, denn ihretwegen bist du erschaffen. Ein Lampenlicht läßt sich das nicht gefallen; aber ein so großes und bewunderungswürdiges Gestirn senket sich erdwärts und schaut herunter — gegen des Lichtes Natur — wegen der Macht Desjenigen, der das gebietet. Willst du, daß ich noch etwas Ähnliches sage? Den Rücken des sichtbaren Himmelsgewölbes umschließt allenthalben Gewässer, und es fließt doch nicht herunter und fließt auch nicht über; es ist das sonst nicht des Wassers Natur, sondern in gehöhlten Körpern rinnt es leichtlich zusammen; ist aber der Körper gerundet, so fließt es ringsum herab, und hat der Körper eine solche Gestalt, so bleibt wohl kein Tropfen darauf. Schaue nun aber dieß Wunder am Himmel! Und gerade das deutet nun wieder der Prophet an mit den Worten: „Lobet den Herrn, ihr Wasser, die ihr über dem Himmel seid!” 4Und das Wasser löscht die Sonne nicht aus, noch vertrocknet die Sonne, die schon so lange Zeit darunter hinschreitet, 5das Wasser über dem Himmelsgewölbe. Willst du, daß ich dich wieder auf die Erde herabführe und dir das Wunderwerk, zeige? Siehst du nicht, daß da das Meer voll ist von Wogen und stürmischen Winden? Allein dieses weite und große und tobende Meer wird durch armseligen Sand in Schranken gehalten. Betrachte nur die Weisheit des Herrn: er gestattete nicht, daß es ruhe und still sei, damit du nicht [S. 199] glaubest, daß dieses Naturordnung sei, sondern in seinen Gränzen verbleibend brüllt es, stürmt es, erbraust es gewaltig und schleudert die Fluthen zu einer unaussprechlichen Höhe; gelangt es aber dann ans Gestande und schauet den Sand, so bricht sich die Wuth, und es kehrt wieder in sich selber zurück; durch Beides belehret es dich, es sei nicht eine natürliche Wirkung, daß es innerhalb seiner Grenzen verbleibe, sondern eine Wirkung der Macht Desjenigen, der es zusammenhält. Darum hat er also eine so schwache Schranke gesetzt und die Ufer nicht mit Holz oder Steinen oder Bergen umfriedet, damit du nicht glaubest, es werde dadurch dieß Element im Zaume gehalten. Das sagte Gott selbst zu den Juden, als er ihnen einst Vorwürfe machte: „Wollt ihr mich nicht fürchten, der ich dem Meere den Sand zur Grenze gesetzt, und die es nicht überschreiten wird?” 6Aber nicht das allein ist ein Wunder, daß er eine so große und bewunderungswürdige Welt gemacht, noch daß er sie über die natürliche Ordnung hinaus zusammengefügt hat; sondern das ist staunenswerth, daß er sie aus sich widerstrebenden: heißen und kalten, trockenen und flüssigen Elementen, aus Feuer und Wasser, Erde und Luft zusammengestellt hat. Und die sich so widerstrebenden Theile, aus denen er das Ganze zusammengesetzt, zerstören sich nicht im gegenseitigen Kampfe: das Feuer eilt nicht herbei und setzt Alles in Brand, auch das Wasser kömmt nicht und überschwemmet den Erdkreis. Aber wohl geschieht das in Bezug auf unsere Leiber: die Galle geht über, und es entsteht ein Fieber, das den ganzen körperlichen Organismus zerrüttet. Aus überflüssigen Säften entstehen viele Krankheiten und verwüsten den Körper. Allein bei dem Weltbaue geschieht etwas Ähnliches nicht, sondern Jegliches wahret ununterbrochen, als trüg' es Zaum und Gebiß, durch den Willen des Schöpfers die eigenen Grenzen, und der gegenseitige Kampf wird für das Ganze die Ursache des Friedens. [S. 200] Ist das nicht selbst für einen Blinden klar, nicht für ganz ungebildete Leute begreiflich, daß durch irgend eine Vorsehung (Alles) entstand und zusammengehalten werde? Denn wer ist so albern und stumpfsinnig, daß er beim Anblicke so wuchtiger Körper, einer solchen Schönheit, einer solchen Ordnung, eines so beständigen Kampfes der Elemente unter einander, und ihrer Dauer — nicht bei sich selber den Schluß zöge und sagte: „Wäre keine Vorsehung, welche diese Körpermasse zusammenhielte und den Zerfall des Ganzen hinderte, so könnte es nicht bestehen, nicht halten!” Diese Ordnung der Jahreszeiten, diese Harmonie des Tags und der Nacht, so viele Geschlechter vernunftloser Thiere und Pflanzen und Samen und Kräuter dauern fort, und bis auf den heutigen Tag ist Nichts davon ins Stocken gerathen noch gänzlich zu Grunde gegangen.

1: Job 26, 7.
2: Ps. 91, 4.
3: Ps. 23. 2.
4: Ps. 48, 14.
5: Κάτωθεν βαδίζων
6: Jer. 5, 22.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger