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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Neunte Homilie.

3.

Deßwegen bewundert auch der Psalmist ihre Gleichheit und bricht aus in die Worte: „Eine Nacht meldet der andern die Stunde.” 1Wenn du das weislich zu erwägen verstehst, so wirst du über Den in Erstaunen gerathen, der vom Anfange an beiden diese unabänderlichen Gränzen gesetzt hat. Das mögen die Geizigen hören und Diejenigen, die fremde Güter begehren, und sollen die Gleichheit der Nacht und des Tages nachahmen. Die Aufgeblasenen und Hochmüthigen mögen es hören und welche Andern den ersten Rang nicht zuzugestehen gewillt sind. Der Tag weichet der Nacht und dringt nicht in fremde Grenzmarken ein; du aber, der du immer der Ehre genießest, bringst es nicht über dich, sie mit den Brüdern zu theilen? Betrachte mir nur die Weisheit des Schöpfers! Er hat die Verfügung getroffen, daß die Nacht im Winter lang sei, zur Zeit, wo die Samenkörner mehr erweicht eher des Frostes bedürfen und einen wärmern Strahl nicht zu ertragen vermögen. Nachdem sie aber gewachsen, wächst auch mit ihnen der Tag, und er wird gerade dann länger, wann die Frucht im besten Wachsthume ist. Das ist aber nicht nur den Körnern, sondern auch den Körpern ersprießlich. Denn weil im Winter Schiffer und Steuermann, Wanderer, Krieger und Landmann vom Froste erstarrt größtentheils zu Hause sitzen und die Winterszeit ja zur Ruhe bestimmt ist: so hat Gott es geordnet, daß der größere Theil dieser Zeit der Nacht zufalle, damit die Länge [S. 195] des Tages nicht unnütz verstreiche, da ja die Menschen Nichts vornehmen können. Wer vermöchte die herrliche Ordnung der Jahreszeiten zu schildern, wie sie gleichsam als Jungfrauen in einem Kreise sich drehen und richtigen Taktes einander sich folgen, und wie die mittlern nach und nach und ohne Geräusch zu denjenigen, die ihnen gegenüber stehen, hinzugelangen bemüht sind? Darum folgt für uns der Sommer nicht gleich auf den Winter, auch nicht der Winter gleich auf den Sommer, sondern in die Mitte ist der Frühling gestellt, damit er unsere verdichteten 2Körper dadurch, daß wir allmälig und nach und nach fortschreiten, ohne Beschwerde dem Sommer zuführe. Denn weil Veränderungen, welche plötzlich den Gegensatz bringen, Krankheit und den äußersten Nachtheil erzeugen: so hat Gott es geordnet, daß uns auf den Frühling der Sommer, auf den Sommer der Herbst, und auf den Herbst die Winterszeit folgt, und daß so die Veränderungen, die allmälig kommen, unschädlich sind und wir in die entgegengesetzten Jahreszeiten durch die in der Mitte gelangen. Wer ist nun so elend und bejammerungswerth, der beim Anblick des Himmels, beim Anblick des Meer's und der Erde, bei der Beobachtung einer so sorgfältig für die Jahreszeiten bemessenen Temperatur und der ununterbrochenen Ordnung des Tags und der Nacht dafür halten könnte, daß Dieß zufällig sei? Muß er nicht im Gegentheile Denjenigen anbeten, der Dieß alles mit solcher Weisheit geordnet? Ich habe noch etwas Wichtigeres als das zu bemerken. Denn nicht bloß die Größe und Schönheit allein, sondern auch die Art und Weise der Schöpfung beweist, daß Gott das Weltall zusammengefügt. 3Denn weil wir im Anfang, wo er Alles erschuf und bildete, nicht vorhanden waren noch, falls wir da gewesen, begriffen hätten, wie es entstand, da [S. 196] er es durch seine unsichtbare Macht hervorgebracht hat: so hat er uns gerade durch diese Weise der Schöpfung die beste Belehrung gegeben, indem er alles Erschaffene auf übernatürliche Weise geordnet. Vielleicht ist das, was ich gesagt, nicht hinlänglich klar; es ist also nothwendig, daß ich es noch ein Mal verständlicher sage. Es räumen wohl Alle ein, daß das Wasser seiner Natur nach von der Erde, nicht aber die Erde vom Wasser getragen werde; denn da die Erde ein dichter, harter und fester Körper ist, der nicht nachgibt, so kann er die Natur des Wassers leicht tragen; da hingegen das Wasser ein flüssiger, zerfahrender und weicher Körper ist, der nicht zusammenhält und Allem, was ihm entgegentritt, ausweicht: so vermag es keinen auch noch so leichten Körper zu tragen: denn wenn oft ein kleines Steinchen hineinfällt, weicht und tritt es zurück und sendet das Steinchen in den Abgrund hinab. Wenn du nun siehst, daß nicht etwa ein kleiner Stein, sondern die ganze Erde auf den Wassern schwimme und doch nicht versinke, so staune die Macht an, welche gegen die Natur dieses Wunder gewirkt hat. Woher wissen wir aber, daß die Erde auf den Wassern schwimme? Der Prophet sagt das mit den Worten: „Er hat ihn (den Erdkreis) auf Meere gegründet und ihn auf Strömen bereitet. ”4 Und wieder: „Der die Erde befestigt über den Wassern.” 5 Was sagst du? Das Wasser vermag auf der Oberfläche kein kleines Steinchen zu tragen, und trägt einen so gewaltigen Erdball und Berge und Hügel und Städte und Wälder und Menschen und Thiere, und doch sinkt Nichts unter? Ja was sage ich, es sinkt Nichts unter? Wie geschieht es, daß sie sich, da sie unten auf Wasser steht, in so langer Zeit nicht auflöste und Alles in Koth überging? Wird doch die Natur des Holzes, wenn es kurze Zeit im Wasser gelegen, verdorben und zernichtet; und was rede ich vom Holze? Was ist wohl stärker als Eisen? Aber auch dieses löset sich oft, wenn es fortwährend [S. 197] im Wasser verbleibt; und ganz natürlich, denn es hat ja seinen Ursprung auch aus der Erde. Darum eilen viele entlaufene Sklaven, wenn sie mit Fesseln und Ketten gebunden die Flucht ergreifen, an fließendes Wasser, halten die gebundenen Füße darein, machen so das Eisen geschmeidiger und zerschlagen dann mit einem Steine leichtlich die Fesseln. Das Eisen wird also geschmeidig, das Holz verfault und selbst Steine werden durch das Wasser verdorben: die gewaltige Last der Erde hingegen, die schon so lange Zeit auf den Wassern liegt, ist weder untergesunken, noch aufgelöst der Zerstörung verfallen.

1: Ps. 18, 2.
2: Πεπυκνομένα σώματα — densata corpora — von der Kälte constringirt.
3: Ἐμφαινει τὸν συγκροτοῦντα τὰ πάντα Θεόν.
4: Ps. 23, 2.
5: Ps. 135, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger