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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Neunte Homilie.

1.

Ich habe vor Kurzem zu euch gesprochen und spreche auch jetzt zu euch. Ja wollte Gott, daß ich immer und immer bei euch wäre, wenn nicht mit der Gegenwart des Leibes, so doch durch die Kraft der Liebe; denn ich habe kein anderes Leben als euch und die Sorge um euer Heil. Denn wie sich der Landmann um nichts Anderes als um den Samen und die Saaten, der Schiffer um die Wogen und Häfen bekümmert: so auch der Prediger um seine Zuhörer und ihren Fortschritt — gleichwie ich jetzt dafür besorgt bin. Darum trage ich euch alle überall in meinem Herzen herum, nicht nur an dieser Stätte, sondern auch zu Hause. Denn obgleich das Volk zahlreich und der Umfang meines Herzens gering ist, so hat sich doch meine Liebe erweitert, und ihr habt in mir keinen beengenden Raum. 1Was weiter folgt, will ich nicht beifügen; denn ich empfinde auch über euch keine Angst. Woher ist das klar? Ich kenne Viele, die sagen: Wir haben deinen Auftrag vollzogen, indem wir einander Gesetze gaben, für die Schwörer Strafen bestimmten und die Übertreter deines Auftrags wirklich bestraften — und zwar so, wie es sich für euch ziemte, und das ist ein Zeichen ganz besonderer Liebe. Denn ich schäme mich nicht, darum bekümmert zu sein; denn diese Emsigkeit ist nicht Neugierde, sondern zärtliche Sorgfalt. Denn gleichwie es dem Arzte nicht zur Schande gereicht, um seinen Patienten [S. 188] sich zu erkundigen, so kann man auch mir keinen Vorwurf darüber machen, daß ich fortwährend um euer Heil besorgt bin. Denn sobald ich erfahren, was ihr vollbracht habt, und was ihr unterlassen, kann ich mit gehöriger Überlegung die übrigen Mittel gebrauchen. Das ist es also, was ich durch mein Nachforschen erfuhr, und ich danke Gott, daß ich nicht auf Felsen gesäet, den Samen nicht unter Dornen gestreut und zur Ernte nicht lange Zeit und keinen langen Verzug gebraucht habe. Darum trage ich euch beständig in meinem Herzen; darum empfinde ich in eurer Belehrung keine Beschwerde; der Vortheil der Zuhörer macht sie mir leicht. Denn diese Belohnung vermag die Kraft zu erhöhen, Muth und Stärke zu geben, keine Beschwerde zu eurem Nutzen zu scheuen. Weil ihr nun euren dankbaren Sinn so oft an den Tag gelegt habt, so will auch ich die Schuld fürder abtragen, wozu ich mich neulich anheischig gemacht, obgleich ich nicht Alle anwesend sehe, denen ich Dieses versprach. Worin liegt wohl etwa der Grund? Was hat sie von unserem Tische abgehalten? Es scheint, daß Diejenigen, welche die sichtbare Nahrung genossen, es nicht für anständig halten, nach dem Genusse der leiblichen Speise hieher zu kommen, um das göttliche Wort anzuhören. Allein das ist eine irrige Ansicht. Denn wenn das nicht anständig wäre, so hätte Christus nach jenem geheimnißvollen Ostermahle nicht so viel und so lange gesprochen. Wenn das nicht anständig wäre, so hätte er die Menge, die er öfter in der Wüste gespeist, nach der Mahlzeit nicht des Unterrichtes gewürdigt. Ich muß einen Ausspruch thun, der möglicher Weise befremdet: gerade um diese Zeit (nach dem Mahle) ist es am heilsamsten, das Wort Gottes zu hören. Denn wenn du die Überzeugung hast, daß man auch nach dem Genusse von Speise und Trank in die Kirche kommen müsse, so wirst du dich gewiß oft auch wider Willen befleissen, mäßig zu sein, und du wirst nie weder dem Trunke noch der Gefräßigkeit fröhnen; denn der Gedanke und Vorsatz, in die Kirche zu kommen, lehrt dich Spelse und Trank mit gebührender Mäßigkeit nehmen, damit du nicht, wenn du [S. 189] hineinkommst und mitten unter den Brüdern bist, vom Weine riechest oder, wenn du dich ungebührlich erbrichst, von allen Anwesenden ausgelacht werdest. Das sage ich jetzt nicht zu euch, sondern für die Abwesenden, damit sie von euch das erfahren; denn nicht das Essen ist ein Hinderniß, (die Predigt) zu hören, sondern die Nachlässigkeit. Du hältst es für Sünde, wenn du nicht fastest; aber dadurch fällst du in eine weit größere und schwerere Sünde, daß du dich diesem heiligen Tische nicht nahest und, während du deinen Leib fütterst, deine Seele verhungern läßst. Und welche Entschuldigung wirst du denn haben? In Bezug auf das Fasten kannst du vielleicht die Schwächlichkeit des Leibes vorschützen; aber was kannst du denn vorwenden, daß du (die Predigt) nicht hörst? Denn die Schwachheit des Leibes hindert es nicht, sich am Worte Gottes zu betheiligen. Hätte ich gesagt: Wer nicht nüchtern ist, menge sich nicht unter Andere; wer gegessen hat, komme nicht als Zuhörer: so hättest du einige Entschuldigung; nun aber, da wir euch herbeiziehen und anlocken und zu uns rufen: womit wollt ihr euch, wenn ihr euch weigert, rechtfertigen? Denn ein ungeschickter Zuhörer ist nicht der, welcher gegessen und getrunken hat, sondern der, welcher auf die Predigt nicht merkt, welcher gähnt und zerstreut ist, welcher seinen Leib zwar hier hat, mit seiner Seele aber anderweitig herumschweift; wenn ein solcher auch gefastet hat, so ist er doch nicht fähig, (das Wort Gottes) zu hören; wer aber wachsam und munter ist und einen gesammelten Geist hat, der wird für uns der allergeschickteste Zuhörer sein, mag er nun gegessen und getrunken haben. Bei weltlichen Händeln und Berathungen mag dieses Gesetz2 mit Recht seine Giltigkeit haben; denn man ist nicht im Stande vernünftig zu sein: man ißt da nicht, um sich zu nähren, sondern um zu bersten; man trinkt oft übers Bedürfniß; Solche machen sich also selbst unfähig zur Verwaltung der Geschäfte und kommen deßhalb nach Tisch und [S. 190] Abends weder in den Senat, noch in die Gerichtssäle. Hier aber darf nicht Ähnliches vorkommen, das sei ferne! sondern wer Speise zu sich nimmt, der muß es dem, der sich der Speise enthält, durch geistiges Maßhalten 3 gleich zu thun trachten; er ißt und trinkt nicht, daß er berste oder den Verstand beneble, sondern damit er den geschwächten Leib wieder zu Kräften bringe. —

1: II. Kor. 6, 12.
2: Nach der Mahlzeit den Geist nicht anzustrengen
3: Κατὰ τὴν τῆς ψυχῆς σωφροσύνην ἐφάλλιμος ἔσται. Montf. übersetzt: animi modestia est aequalis jejuno.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger