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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Achte Homlie.

2.

Denn das ist die Natur des Verbrechens: es verräth dich, ohne daß Jemand dich zur Rede stellt, verdammt dich, ohne daß Jemand dich anklagt, und macht den Sünder zaghaft und feig; wie denn die Gerechtigkeit das Gegentheil thut. Höre nur, wie die Schrift sowohl die Feigheit des erstern als die Zuversicht des andern schildert. „Der Gottlose flieht,” spricht sie, „und Niemand verfolgt ihn.” 1 Wie flieht er denn, ohne daß ihn Jemand verfolgt? Inwendig hat er den Treiber, den Kläger des Gewissens, und diesen trägt er überall mit sich herum. Und so wenig er sich selber entfliehen kann, ebenso wenig vermag er seinem inwendigen Treiber zu entgehen; sondern wohin er sich immer begibt, fühlt er dessen Geißel und behält eine nicht zu heilende Wunde. Aber der Gerechte nicht also. Sondern wie? Höre! „Der Gerechte ist beherzt wie ein Löwe.” 2So war [S. 179] Elias. Er sah den König zu sich kommen, und als dieser ihm sagte: „Was verwirrest du Israel?” antwortete er:„Nicht ich verwirre es, sondern du und deines Vaters Haus.” 3Fürwahr, der Gerechte ist beherzt wie ein Löwe! Denn gleichwie ein Löwe wider ein armseliges Hündlein erhob er(Elias) sich gegen den König. Und doch trug dieser denPurpur, jedoch er selbst einen Pelz, der ehrwürdiger war als jenes Purpurgewand. Denn jenen Purpur gebar die schwerste Hungersnoth, dieser Pelz machte dem Unheil ein Ende. Er spaltete den Jordan, er machte den Elisäus zwiefältig zum Elias. O wie groß ist die Tugend der Heiligen! Nicht ihre Worte allein, noch ihre Leiber, sondern auch selbst ihre Gewänder sind der Schöpfung überall ein Gegenstand heiliger Scheu. Der Pelz dieses (Heiligen) spaltete den Jordan; die Schuhe der drei Jünglinge zertraten das Feuer; das Holz des Elisäus verwandelte des Wassers Natur und machte, daß es Eisen auf seiner Oberfläche trug. Der Stab des Moses zertheilte das rothe Meer, zerriß den Fels; die Kleider des Paulus vertrieben Krankheiten, der Schatten des Petrus verjagte den Tod, die Asche der heiligen Märtyrer treibt böse Geister aus. Darum thun sie Alles mit Kraft, wie auch Elias gethan. Denn er sah nicht auf das Diadem und den äußern Prunk des Königs, sondern er sah dessen Seele mit Lumpen behangen, verwildert, voll Schmutz und in einem kläglichern Zustande als je einen Verurtheilten. 4Und da er sah, daß er ein Gefangener und Sklave der Leidenschaften war, spottete er seiner Herrschaft. Einen König auf der Bühne glaubte er zu sehen, nicht einen in der Wahrheit. Denn was frommt der äußere Prunk, wenn innen so große Armuth ist? Und was kann die äußere [S. 180] Armuth schaden, wenn drinnen so großer Reichthum liegt? Ein solcher Löwe war auch der heilige Paulus; denn als er ins Gefängniß getreten, erschütterte er schon durch seine bloßeStimme alle Grundfesten, zerfraß die Fesseln, ohne die Zähne zu gebrauchen, durch bloße Worte. Darum muß man sie (die Heiligen und Gerechten) nicht allein Löwen sondern noch anders nennen, was mehr ist als Löwen. Denn nicht selten fällt der Löwe in Netze und wird gefangen; aber die Heiligen werden gerade durch Bande stärker, was jener Selige (Paulus) damals im Gefängnisse thatsächlich bewies, indem er die Gefesselten losmachte, die Mauern erschütterte, den Gefangenwärter band und durch das Wort der Gottseligkeit überwältigte. 5 Der Löwe brüllt, und alle Thiere entfliehen; des Heiligen Stimme ertönt, und aller Orten jagt sie die Teufel von dannen. Des Löwen Waffen sind seine Mähne, spitze Krallen und scharfe Zähne, des Gerechten Waffen sind Weisheit, Lauterkeit, Geduld, Verachtung alles Zeitlichen. Wer diese Waffen besitzt, der wird nicht nur böse Menschen, sondern auch die feindseligen Gewalten selber verlachen. So trage nun Sorge für ein Leben nach Gott, o Mensch, und Niemand wird dich je überwinden, sondern du wirst gewaltiger sein als Alle, ob es auch scheint, du seiest der Geringste von Allen. Ebenso wirst du, wenn du die Tugend der Seele verabsäumst, ob du auch mächtiger wärest als Alle, dennoch leicht bezwinglich sein für Alle, die dir nachstellen. Und Dieß zeigen die erwähnten Beispiele. Begehrst du es aber, so will ich dich noch durch ein Mehreres zu belehren versuchen über die Unbezwinglichkeit der Gerechten und die Hinfälligkeit der Sünder. So höre denn, wie dieß Beides der Prophet zu verstehen gibt! „Nicht also,” spricht er, „nicht also, sondern wie Spreu, die der Wind über den Erdboden verweht.” 6 Denn gleichwie diese, preisgegeben den Stößen der Winde, ohne Widerstand zerstiebt, so wird auch der Sünder von jeglicher Versuchung zu [S. 181] Boden geschleudert. Denn da er mit sich selber im Kampf liegt und den Streit aller Orten mit sich herumträgt: welche Aussicht auf Rettung bleibt ihm, der daheim verrathen ist und das Gewissen als immerwährenden Feind bei fich führt. Aber mit dem Gerechten verhält es sich anders. Wie denn? Höre denselben Propheten, der sagt: „Die auf den Herrn hoffen, sind wie der Berg Sion.7 Was heißt das: „Wie der Berg Sion”? „Er wird nicht wanken in Ewigkeit.” 8 Denn so viel Rüstzeug du immer herbeibringst, so viel Geschosse du gegen ihn schleuderst, in der Absicht, den Berg umzustürzen: du wirst ihn nimmer bewältigen. Wie solltest du auch? Alle deine Mittel wirst du erschöpfen und deine Kraft vergeuden, — solch’ ein Mann ist der Gerechte! So viele Schläge er auch erhält, widerfährt ihm selbst doch kein Leid; er erschöpft die Kraft seiner Widersacher, nicht der Menschen allein, sondern auch der bösen Geister selber. Du hast doch schon oftmals gehört, wie viel Geschütz der Teufel gegen den Job aufgeführt hat, und doch erschütterte er diesen Berg nicht nur nicht, sondern floh erschöpft davon; seine Pfeile waren zerbrochen und sein Geschoß unbrauchbar geworden von diesem Angriff.

1: Sprüchw. 28, 1.
2: Ebend.
3: I. Kön. 18, 17. 18.
4: S. Hom. 5. in Oziam: „Denn wer die Sünde thut, ist ein Knecht der Sünde (Ioy. 8, 34), und ob er auch tausend Kronen auf dem Kopfe habe. Wer aber die Gerechtigkeit übt, ist königlicher als der König selbst, und wäre er unter Allen der Letzte.”
5: Vergl. Apostelg. 16, 25 ff.
6: Ps. 1, 4.
7: Ps. 124, 1.
8: Ebend.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger