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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Siebente Homilie.

4.

Allein Gott wollte auch hierin zeigen, daß die Sünde seine Liebe nicht ausgelöscht, noch der Ungehorsam sein Wohlwollen für ihn vernichtet habe, sondern daß er noch sorge und sich kümmere um den Gefallenen, — und sprach: „Adam, wo bist du?” nicht, weil er nicht wußte, wo er weilte, sondern weil den Sündern der Mund vernäht ist; denn die Sünde macht ihnen die Zunge abwendig, und das Gewissen hält sie ihnen gefangen; darum bleiben solche Menschen starr und stumm, und das Schweigen bindet sie gleich einer Fessel. Da nun Gott den Adam zu einer freimüthigen Unterredung ermuntern, ihm Muth machen und ihn zur Entschuldigung dessen, was er gefehlt, veranlassen wollte, damit er doch einiger Vergebung theilhaftig würde: so rief er selbst ihn zuerst und benahm der Qual desselben durch seine Ansprache das Meiste ihrer Heftigkeit, indem er durch [S. 171] jenen Ruf die Furcht vertrieb und ihm den Mund öffnete. Darum also sagte er: „Adam, wo bist du?” Ich finde dich jetzt anderwärts, als wo ich dich verlassen; ich verließ dich in Freudigkeit und Herrlichkeit, und finde dich jetzt in Unehren und Schweigen. Und betrachte die göttliche Vorsorge! Nicht die Eva rief er, nicht die Schlange, sondern er zieht den, der unter Allen am leichtesten gefehlt hat, zuerst vors Gericht, auf daß er anfangend von dem, der noch einiger Vergebung theilhaftig zu werden vermag, dann auch über Diejenige, die schwer gefehlt hatte, ein milderes Urtheil verhänge. Und zwar geben sich (weltliche) Richter nicht dazu her, ihre eigenen Mitknechte, die doch dieselbe Natur mit ihnen gemein haben, in eigner Person auszufragen, sondern schieben einen ihrer Diener ins Mittel und lassen Diesen ihre Fragen dem Angeklagten zutragen, und durch Diesen sagen und hören sie Alles, was sie wollen, wenn sie gegen Ubelthäter eine Untersuchung anstellen wollen. Gott aber bedürfte keiner Mittelsperson zwischen sich und dem Menschen, sondern er selbst urtheilt und tröstet in eigener Person. Und nicht das allein ist dabei zu bewundern, sondern daß er auch das Versehene wieder gut macht. Wenn nämlich (weltliche) Richter Diebe und Grabräuber einfangen, so sehen sie nicht darauf, wie sie dieselben besser machen, sondern wie sie ihnen die Strafe für ihre Verbrechen abfordern. Gott aber ganz das Gegentheil. Wenn er einen Sünder ergreift, so sieht er nicht darauf, ihn zur Strafe zu fordern, sondern ihn aufzurichten und zu bessern und in Zukunft unbezwinglich zu machen. So ist Gott Richter und Arzt und Lehrer zugleich. Als Richter nämlich zieht er zur Untersuchung, als Arzt hilft er auf, und als Lehrer erzieht er die Sünder und leitet sie zu aller Weisheit an. — Wenn nun aber ein einfaches und kurzes Wort die Vorsorge Gottes in solchem Grade offenbart, — wie, wenn wir diesen ganzen Prozeß vor euch verläsen und die ganze Urkunde vollständig entfalteten? Siehst du, wie alle Schrift Trost und Ermunterung ist? Allein darüber wollen wir zur passenden Zeit weiter reden; zuvor aber müssen wir sagen, wann dieses Buch geschrieben [S. 172] worden ist; denn nicht schon am Anfange, noch auch sogleich nach Adams Erschaffung ward Dieses aufgezeichnet, sondern viele Menschenalter später. Und zwar ist es der Mühe werth, zu untersuchen, weßhalb es erst nach so vielen Menschenaltern und warum den Juden allein und nicht allen Menschen eingehändiget worden, und warum in hebräischer Sprache, und weßhalb in der Wüste Sinai? Denn der Apostel übergeht nicht schlechtweg den Ort, sondern er eröffnet uns auch darin eine große Wahrheit, daß er sagt: „Das sind zwei Testamente, eins vom Berge Sinai, das zur Knechtschaft gebiert.” 1

1: Gal. 4, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger