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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Siebente Homilie.

3.

Ich verweile nicht ohne Grund länger bei diesem Gegenstande; denn wenn oft Hunger und Dürre eintritt oder Kriege und der königliche Unwille oder andere dergleichen unerwartete Ereignisse, so pflegen Viele die Einfältigern irre zu leiten und zu sagen, daß Dergleichen der göttlichen Vorsehung unwürdig sei. Auf daß wir uns also nicht durch Trugschlüsse täuschen, vielmehr zur klaren Überzeugung gelangen, daß Gott, auch wenn er über uns Hunger oder Krieg oder anderes Unglück der Art verhängt, Dieß aus Menschenfreundlichkeit und großer Vorsorge thut: so sehe ich mich genöthigt, bei dieser Sache länger stehen zu bleiben. Schließen ja doch auch die Väter, die ihre Sprößlinge am meisten von allen lieben, dieselben vom Tische aus, geben ihnen Schläge und strafen sie mit Schande und bringen ungezogene Kinder durch tausend andere Mittel der Art zurecht, — aber sie bleiben doch Väter, nicht nur, wenn sie auszeichnen, sondern auch, wenn sie Dieses thun; ja gerade wenn [S. 168] sie Dieses thun, beweisen sie sich am meisten als Väter. Und wenn man von Menschen, obschon sie in Zorn und Aufwallung oft über das rechte Maaß hinausstürmen, dennoch den Glauben festhält, daß sie nicht aus Rohheit und Unmenschlichkeit, sondern aus zärtlicher Sorgfalt und Liebe Diejenigen, die sie lieben, bestrafen: um wieviel mehr muß man von Gott diese Vorstellung hegen, der im Übermaße seiner eigenen Güte alle Vaterliebe übertrifft! Und daß du nicht wähnest, als sei das, was wir gesagt, nur eine Muthmaßung, wohlan, so wollen wir unsere Rede der Schrift selber zulenken. Laßt uns nämlich zusehen, wie Gott den Menschen damals behandelte, nachdem Dieser vom bösen Geiste betrogen und überlistet eine so große Sünde begangen. Gab er ihn dem gänzlichen Verderben anheim? Gleichwohl verlangte Dieses das Recht der Sache, daß der, welcher, obgleich er, ohne etwas Gutes verrichtet zu haben, so großen Wohlwollens genoß, dennoch gleich von vorneherein aus dem Geleise sprang, vom Erdboden vertilgt und dem gänzlichen Verderben geweiht würde. Aber das that Gott nicht, wandte sich auch nicht voller Verwünschungen von dem ab, der gegen seinen Wohlthäter so undankbar war, sondern er kam zu ihm, wie der Arzt zu einem Kranken. Und laufe mir, Geliebter, über das Gesagte nicht eilfertig hinweg, sondern bedenke, was es sagen will, daß Gott weder einen Engel noch Erzengel sandte, noch irgend einen andern von den Mitknechten des Menschen, sondern daß der Herr selber sich zu dem Gefallenen herabließ und den am Boden Liegenden aufrichtete, daß er einsam zu dem Einsamen kam, wie ein Freund zum Freunde, dem es übel ergeht, und der in großes Unglück versetzt ist. Denn daß er Dieses aus großer Vorsorge gethan, geht aus den Worten selbst hervor, die er zu ihm sprach, und die seine unaussprechliche Liebe bezeugen. Und warum soll ich alle seine Worte anführen? Sogleich die erste Anrede zeigt diese Liebe; denn er sagte nicht, was er, der Verhöhnte, billig hätte sagen müssen: „O Bösewicht, du Erzbösewicht! So großen Wohlwollens hast du von meiner Seite genossen, mit solcher Herrschergewalt bist du von mir ausgeschmückt [S. 169] und allen andern Geschöpfen der Erde vorgezogen worden, 1 ohne irgend ein Verdienst, und hast Unterpfänder meiner Liebe und einen untrüglichen Beweis meiner Sorgfalt für dich durch die That selber empfangen: und dennoch hieltest du den bösen Geist, den Verderber und Widersacher deines Heiles für glaubwürdiger als deinen Herrn und Versorger! Was hat dir Jener erwiesen, gleichwie ich? Habe ich nicht deinetwegen den Himmel gemacht? Die Erde, das Meer, die Sonne, den Mond und alle Sterne? Denn nicht etwa etliche der Engel haben dieser Schöpfung bedurft, sondern deinetwegen und um deiner Erquickung willen habe ich eine Welt dieser Größe und der Art erschaffen. Und dürre Worte, ein lügenhaftes Versprechen, eine Kundschaft voll eitlen Betrugs hast du für glaubwürdiger als mein durch die That bekräftigtes Wohlwollen und meine Vorsorge gehalten, und hast dich jenem ergeben und meine Gebote mit Füßen getreten?” — Dieß, und noch mehr als Dieß, hätte der Beleidigte billig sagen müssen. Aber Gott sprach nicht also, sondern gerade das Gegentheil; denn gleich mit dem ersten Worte richtete er den am Boden Liegenden auf und hieß ihn, der voller Furcht und Zittern war, getrosten Muthes sein dadurch, daß er selbst zuerst ihn anrief. Ja nicht bloß Dieses, daß er zuerst ihn anrief, sondern auch, daß er ihn bei seinem Namen anredete und sprach: „Adam, [S. 170] wo bist du?” 2beweist seine Liebe und seine große Sorgfalt um ihn. Denn ihr wißt sicherlich alle, daß Dieß ein Kennzeichen aufrichtiger Freundschaft ist. So pflegen auch Diejenigen, welche die Verstorbenen sich ins Gedächtniß zurückrufen, zu thun, und ohne Unterlaß deren Namen im Munde zu führen, wie im Gegentheile Diejenigen, welche gegen Jemand mit Haß und Feindschaft erfüllt sind, sich nicht überwinden, auch nur die Namen derer, die ihnen Leides gethan, zu erwähnen. Zum Beispiel Saul, der überdieß von David in keinem Stücke gekränkt worden war, sondern Diesen selbst viel und schwer gekränkt hatte, konnte, weil er mit Abneigung und Haß wider denselben erfüllt war, es nicht über sich bringen, auch nur seines Namens zu gedenken; sondern, als Alle versammelt saßen und er ihn nicht zugegen sah — was sagte er? Er sprach nicht: „Wo ist David?” sondern: „Wo ist der Sohn Jesse's ?” 3und nannte ihn nach seinem Vater. Und abermals thun die Juden mit Christo Dasselbe; denn weil sie sich von ihm abgewandt hatten und ihn haßten, sagten sie nicht: „Wo ist Christus ?” sondern: „Wo ist er?” 4

1: Vgl. Hom. contr. ludos et theatra. „Deinetwegen (διὰ σέ) ging die Sonne auf und erleuchtete der Mond die Nacht und funkelte der bunte Chor der Sterne. Deinetwegen wehten die Winde, liefen die Flüsse; deinetwegen sproßten die Saaten, schoßen die Pflanzen auf, bewahrte der Lauf der Natur die gebührende Ordnung, erschien der Tag und kam herbei die Nacht. Das alles geschah um deinetwillen. Und während die Geschöpfe dir dienen, erfüllest du des Teufels Begehr, und mit einem solchen Hause — ich meine diese Welt — von Gott belehnt, betrügst du ihn um den Zins (καὶ τοσοῦτον παρὰ τοῦ θεοῦ μισθωσάμενος οἶκον ... οὐκ ἀπέδωκας τὸν μισθόν)?“
Wagner.
2: Gen. 3, 9.
3: I. Kön. 20, 27.
4: Joh. 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger