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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Siebente Homilie.

2.

Wollt ihr nun, so werde ich den in diesem Ausspruch verborgenen Trost ans Licht ziehen. Ermuntert demnach eure Sinne und habt genau Acht auf das, was ich sagen werde! Wenn du nämlich hörst, daß Gott den Himmel und die Erde, das Meer, die Luft, die Wasser, die vielen Sterne, die beiden großen Lichter, die Pflanzen, die vierfüßigen Thiere, das schwimmende und fliegende Gethier, kurz alles Sichtbare deinetwegen und um deines Heiles und deiner Ehre willen gemacht hat, erhältst du da nicht reichlichen Trost und empfängst hierin den größten Beweis der göttlichen Liebe, — wenn du bedenkst, daß Gott eine Welt von solcher Größe und Beschaffenheit, von solcher Schönheit und solchem Umfang deinetwegen, der so klein ist, ins Dasein gerufen? Wenn du demnach hörst, daß Gott im Anfang den Himmel und die Erde gemacht, so laufe über das Gesagte nicht eilig hinweg, sondern überschaue im Geiste die Weite der Erde und überlege, wie Er uns einen so köstlichen und reichlichen Tisch vorgesetzt und uns aller Orten viele Freude bereitet hat. Und das Größte ist, daß er uns diese so große und herrliche Welt nicht etwa als Lohn gab für unsere Arbeit, noch als Vergeltung für gute Werke, sondern daß er mit ihr zugleich uns bildete und dieses Fürstenthum unserm Geschlecht als Ehrengeschenk übergab. Denn „Laßt uns einen Menschen machen,” sagte er, „nach unserm Ebenbilde und Gleichniß.” 1 Was bedeutet: „Nach unserm Bilde [S. 166] und Gleichniß?” Ein Bildniß der Herrschaft, sagt er, und wie im Himmel kein Höherer ist als Gott, so sei auf der Erde Keiner höher als der Mensch! Dieß also ist die eine und erste Ehre, die er ihm erwies, daß er ihn nach seinem Bilde machte. Die zweite, daß er uns die Herrschaft nicht als eine Vergeltung unserer Mühen verlieh, sondern als ein reines Geschenk seiner Menschenfreundlichkeit und Gnade. Die dritte, daß er diese Herrschaft unsrer Natur eingepflanzt hat; denn manche Herrschergewalt liegt in der Natur, manche kömmt aus der Wahl; in der Natur z. B. die Herrschaft des Löwen über die vierfüßigen Thiere, des Adlers über die Vögel; aus Wahl z. B. die Herrschaft des Kaisers über uns. Denn Dieser herrscht nicht von Natur über die Mitknechte, weßhalb er auch oft der Herrschaft verlustig geht; denn das, was nicht von Natur besessen wird, verändert sich leicht und geht auf Andere über; allein der Löwe nicht also, sondern er herrscht von Natur über die vierfüßigen Thiere, gleichwie auch der Adler über die Vögel. Hier wird also die Würde des Fürstenthums stets mit der Geburt erlangt, und Niemand hat je einen Löwen seine Herrschaft einbüßen sehen. Ein solches Fürstenthum hat nun Gott auch uns von Anfang gespendet und uns allen Dingen vorgesetzt. Und nicht allein dadurch hat er unsre Natur zu Ehren gebracht, sondern auch selbst durch den Vorrang des Ortes, indem er uns das Paradies zum auserwählten Wohnsitz anwies und uns Vernunft gab und eine unsterbliche Seele spendete. Aber darüber will ich nicht reden; denn ich behaupte, die Vorsorge Gottes sei von so überschwenglicher Größe, daß wir nicht nur dadurch, womit er uns geehrt, sondern auch dadurch, womit er uns gestraft hat, gleicherweise seine Güte und Menschenfreundlichkeit zu erweisen vermögen. Und ich ermahne euch, diesen Gedanken vor Allem mit Eifer zu erfassen: daß Gott ebenso gütig ist, wenn er straft und züchtigt, als wenn er uns Ehre und Wohlthaten erweist; mögen wir nun mit Hellenen oder mit Ketzern über Gottes Menschenfreundlichkeit und Güte in Kampf und Streit gerathen, wir werden die Güte desselben nicht allein aus seinen Ehrengaben, sondern auch aus seinen [S. 167] Strafen beweisen; denn wäre er nur gut, wo er ehrt, aber nicht gut, wo er straft, so wäre er nur zur Hälfte gut. Aber so verhält es sich nicht — das sei ferne! Zwar bei Menschen mag Dieß billig zutreffen, weil sie die Strafen in Zorn und Leidenschaft vollziehen. Da aber Gott leidenschaftslos ist, so ist er, mag er wohlthun oder strafen, gleichmäßig gut, und nicht weniger als das Himmelreich offenbart die Androhung der Hölle seine Güte. Und wie? Ich will es euch sagen. Wenn er mit der Hölle nicht drohete, wenn er keine Strafe bereit hielte, so würden nicht Viele des Himmelreiches theilhaftig werden; denn das Versprechen von Gütern ruft nicht so erfolgreich die Mehrzahl zur Tugend auf, als die Androhung von Übeln sie durch die Furcht aufrüttelt und zur Sorge für ihre Seele erweckt, so daß also, ob auch die Hölle das Gegentheil vom Himmelreich ist, doch Beides auf ein gemeinschaftliches Ziel hinaussiebt — auf die Errettung der Menschen: denn das Himmelreich locket an sich, die Hölle treibt zum Himmelreich hin und richtet durch die Furcht auch Solche empor, welche zur Trägheit geneigt sind.

1: Gen. 1, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger