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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Sechste Homilie.

3.

Ich habe noch ein Drittes zu nennen, was euch guten Muthes zu sein bewegen kann: das ganz nahe Fest (Ostern), welches auch die Ungläubigen fast insgesammt mit Ehrfurcht betrachten, und das auch unser Gott liebender Kaiser selbst so ehret und werth hält, daß er alle Fürsten, die vor ihm in Frömmigkeit herrschten, darin übertrifft. Denn in diesen Tagen hat er einen Brief zu Ehren des Festes ausgehen lassen und fast alle Bewohner der Gefängnisse in Freiheit gesetzt. Mit diesem Briefe wird unser Bischof vortreten und ihn vor dem Kaiser verlesen; er wird [S. 148] diesen an seine eigenen Gesetze erinnern und zu ihm sagen: „Ermahne dich durch dich selber und sei deiner selbst eingedenk; du hast in der eigenen That ein Vorbild der Menschenfreundlichkeit! Einen gerechten Todtschlag wolltest du nicht begehen und kannst es übers Herz bringen, einen ungerechten zu bewirken? Die Überführten und Verurtheilten hast du aus Ehrfurcht vor dem Feste entlassen, sprich! und die Unschuldigen, die Nichts verbrochen haben, verdammst du? Und das in Gegenwart des Festes? Nimmermehr, o Kaiser! Du hast durch diesen Brief dein Wort an alle Städte ergehen lassen und gesagt: O daß es mir möglich wäre, auch die Todten zu erwecken! Dieser Menschenfreundlichkeit bedürfen wir, diese Worte nehmen wir jetzt in Anspruch. Nicht verherrlicht der Sieg über die Feinde die Könige so sehr, wie der Sieg über Unmuth und Zorn. Dort ist der gute Erfolg ein Werk der Waffen und Krieger; hier gebührt der Siegespreis dir allein, und du hast Niemanden, der den Ruhm der Weisheit mit dir theile. Du hast im Kriege gegen die Barbaren gesiegt; siege nun auch im Kampfe gegen deinen kaiserlichen Zorn! Mögen alle Ungläubigen erfahren, daß die Furcht Christi alle Gewalt zu zügeln vermag. Verherrliche deinen Herrn darin, daß du den Mitknechten die Sünden erlassest, damit er auch dich noch höher verherrliche, damit auch er am Tage des Gerichtes dieser deiner Menschenfreundlichkeit gedenke und dir ein so sanftes wie freundliches Auge zeige!” Dieß und mehr als Dieß wird er sagen und uns alle dem Zorne entreissen. — Aber nicht nur zur Gewinnung des Kaisers, sondern auch zum edlen Ertragen der Unfälle kann diese Fastenzeit uns den größten Beistand gewähren; denn wir werden in dieser Zeit nicht geringen Trostes theilhaftig. Denn selbst Dieses, daß wir uns an jedem Tage versammeln, die Anhörung der göttlichen Schriften genießen, einander sehen und zu einander klagen und, nachdem wir gebetet und den Segen empfangen, so wieder heimgehen — das benimmt unserm Schmerz viel von seinem Stachel. Darum laßt uns nicht verzagen noch aus Angst uns selber aufgeben, sondern [S. 149] fortwährend das Beste erwarten und unsern Geist auf das richten, wovon nun die Rede sein soll. Denn ich will heute abermals von der Verachtung des Todes zu euch sprechen. Ich habe gestern zu euch gesagt, daß wir den Tod fürchten, nicht weil er an sich furchtbar sei, sondern weil uns weder die Liebe zum Himmelreiche entzündet noch die Furcht vor der Hölle ergriffen hat, und zudem, weil wir kein gutes Gewissen besitzen. Wollt ihr, daß ich euch eine vierte Ursache dieser unzeitigen Angst nenne, die nicht weniger als die vorigen wahr ist? — Wir leben nicht in derjenigen Strenge der Zucht, welche den Christen gebührt, sondern wir schätzen noch das weichliche, lockere und üppige Leben dieser Welt; deßhalb verweilen wir auch, wie natürlich, gerne bei den zeitllchen Dingen. Gewiß, wenn wir in Fasten, Nachtwachen und ärmlicher Kost dieß Leben zubrächten, unsere unordentlichen Begierden ausrotteten, der Lust aus dem Wege gingen, dem Schweiße der Tugend uns unterzögen und nach Pauli Wort den Leib kasteieten und unterjochten und dem Hange des Fleisches zur Wollust nicht folgten und auf dem engen und schmalen Wege wandelten: so würden wir sehr bald unser Gemüth auf die zukünftigen Dinge richten und uns beeilen, von den zeitlichen Mühen befreiet zu werden. Und daß Dieß unser Wort keine Lüge ist, so steige auf die Gipfel der Berge und betrachte die Mönche dort, welche im Sack, in Fesseln, in Fasten und in Finsterniß verschlossen sind, und du wirst sehen, daß sie alle nach dem Ende sich sehnen und das Ding ihr Ausruhen nennen. Denn gleichwie sich der Faustkämpfer beeilt aus den Schranken zu kommen, um der Wunden ledig zu werden, und der Athlete wünscht, daß die Zuschauer sich erhöben, um seiner Mühen ledig zu sein: so begehrt auch der, welcher in harter und rauher Zucht tugendhaft lebt, des Endes, um gleichfalls von den gegenwärtigen Mühen frei zu werden und getrosten Muthes zu sein über die aufbehaltenen Kronen, zum heitern Hafen hinschiffend und dort landend, wo fortan kein Schiffbruch mehr zu besorgen. Deßwegen hat auch Gott uns ein von Natur mühseliges und leidenvolles Leben bereitet, damit [S. 150] die Trübsal hienieden uns treibe, die zukünftigen Dinge mit Sehnsucht zu umfassen. Denn wenn wir jetzt, wo uns allenthalben so viel Trauriges, so viele Gefahren, Furcht und Sorgen umgarnen, mit so viel Liebe uns in das gegenwärtige Leben versenken: würden wir, wenn Das alles nicht wäre, sondern unser ganzes Leben ungetrübt und sorgenlos hinflöße, je nach den zukünftigen Dingen uns sehnen? —

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger