Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Fünfte Homilie.

7.

Laßt uns demnach dieselbe bewegen, den ersten Fortschritt zum Bessern mit der Flucht vor den Eiden zu machen. Denn ob ich auch schon gestern und vorgestern über diesen Gegenstand zu euch gesprochen habe, so werde ich dennoch auch heute nicht und auch morgen und übermorgen nicht ablassen, euch hierüber zu ermähnen. Und was sage ich: morgen und übermorgen? Bis ich euch gebessert habe, will ich nicht davon ablassen! Denn wenn die Übertreter des Gesetzes sich nicht schämen, wie viel mehr ist es für uns, die da gebieten: nicht zu übertreten, unnothig, uns des unaufhörlichen Ermahnens zu schämen! Denn das fortwährende Erinnern an Ein und Dasselbe ist nicht für den Redner, sondern für die Hörer ein Vorwurf, die einer unausgesetzten Belehrung über so leichte und leicht ausführbare Dinge bedürfen; denn was ist leichter als nicht schwören? Einzig ein Werk der Gewöhnung ist die Besserung in diesem Stücke, nicht eine Anstrengung des Körpers, nicht ein Aufwand von Schätzen! Willst du erfahren, wie es möglich ist, der Krankheit Meister zu werden, wie es mögllch ist, von der bösen Angewöhnung sich zu befreien? Ich will dich eine Weise lehren, welche, wenn du sie befolgst, den vollständigen Sieg davon tragen muß. Wenn du dich selbst oder einen Andern, sei es von deinem Gesinde oder von deinen Kindern, oder sei es dem Weib, von diesem Übel umstrickt siehst und sie trotz unabläßiger Mahnung sich dennoch nicht bessern: so befiehl ihnen, ungespeist schlafen zu gehen, und diese Strafe lege ebenso dir wie Jenen auf — eine Strafe, welche nicht Verlust, sondern Gewinn bringt! Denn das Geistliche ist also beschaffen: es bringt Gewinn und die schnellste Besserung. Denn die unaufhörlich gemarterte Zunge erfährt, auch ohne Jemands Erinnerung, hinlängliche Mahnung, wenn sie vom Durste gequält, vom Hunger geängstiget wird, [S. 137] und ob wir die allerunempfindlichsten Menschen wären, so werden wir den ganzen Tag über von der Größe dieser Qual erinnert, keines andern Rathes und Reizmittels bedürfen. — Ihr lobt das Gesagte; so bewähret denn euer Lob auch durch die That. Denn welchen Vortheil brächten denn sonst unsere hiesigen Versammlungen? Wenn das Kind jeden Tag in die Schule wanderte, sodann Nichts weiter lernte: würde es in unsern Augen zu seiner Entschuldigung hinreichen, daß es doch Tag für Tag dorthin wandert? Wäre nicht eben das das größte Verbrechen, daß es tagtäglich dorthin geht und Dieß vergeblich thut? Das laßt uns auch auf uns selber anwenden und zu uns sagen: „Die wir so lange die Kirche besuchen und an Versammlungen voll des tiefsten Schauers und voll reichen Gewinnes Theil nehmen: — was wird uns, wenn wir so wieder zurückkehren, wie wir gekommen, ohne einen unserer Mängel verbessert zu haben, unser Hieherkommen fruchten?” — Denn gar viele Dinge geschehen nicht ihrethalben, sondern wegen der Folgen. Ich gebe ein Beispiel. Der Säemann säet nicht deßhalb, um nur zu säen, sondern damit er auch ernte, so daß, wenn Dieß nicht geschähe, die Ausstreuung des Samens noch dazu Schaden brächte, da die Aussaat ja vergeblich und unnütz verfaulte. Der Kaufmann schifft nicht deßwegen, um nur zu schiffen, sondern um durch die Reise seine Habe zu vermehren, so daß, wenn Dieß nicht hinzukäme, daraus der äußerste Schaden erwüchse und das Reisen der Kaufleute höchst nachtheilig wäre. Das laßt uns auch auf uns selber anwenden; denn auch wir begeben uns nicht deßhalb allein in die Kirche, um uns darin aufzuhalten, sondern daß wir mit einem großen und geistlichen Gewinne wieder herauskommen. Wenn wir also leer davon gehen und ohne Etwas mitzunehmen, so wird uns selbst dieser Eifer zur Verdammniß gereichen. Damit nun Dieß nicht geschehe und wir nicht die äußerste Strafe erleiden, so mögt ihr beim Weggehen von hier, die Freunde mit einander, die Väter mit den Kindern, die Herren mit dem Gesinde der Unterredung pflegen und euch üben, das Aufgegebene zu [S. 138] bewerkstelligen, damit nicht, wenn ihr wieder hieherkommt und von uns über denselben Gegenstand Rath ertheilen hört, euer Gewissen euch strafe und ihr voll Scham werdet, sondern euch freuet und Glück wünschet, wenn ihr sehet, daß ihr der Ermahnung größtentheils nachgekommen seid. Solches laßt uns nicht allein hier bedenken, — denn diese kurze Ermahnung reicht nicht hin, das Ganze auszurotten, — sondern auch zu Hause vernehme Dasselbe der Mann von dem Weibe und das Weib von dem Manne, damit ein Wettstreit entstehe, wobei Alle einander sich in der Erfüllung dieses Gesetzes zu überbieten bestreben; und wer voraus und gebessert ist, der schelte den Zurückbleibenden, auf daß er ihn durch Spöttereien besser erwecke; wer zurückbleibt und noch Nichts gebessert hat, der blicke auf den Vorauseilenden und gebe sich Mühe, ihm schnell nachzukommen. Wenn wir uns hierin berathen und dafür besorgt sind, so werden sich auch unsere anderen Sachen in Kürze zum Bessern wenden. Sorge du für das, was Gottes ist, und Er wird für das Deinige sorgen! Und sage mir nicht: „Wie, wenn uns Jemand zum Schwören nöthiget? Wie, wenn er mir nicht glaubt?” Denn gerade wo ein Gesetz übertreten wird, darf man sich am wenigsten auf Nöthigung berufen. Es gibt nur eine unabwendbare Nothwendigkeit, nämlich gegen Gott nicht zu verstoßen! Jedoch, ich sage mittlerweile nur Dieses: Entferne die überflüssigen Schwüre, die schlechtweg und ohne Nöthigung, die zu Hause, die gegen die Freunde, die gegen das Gesinde geschehen. Hast du diese beseitigt, so wirst du in Betreff jener meiner nicht weiter bedürfen; denn der Mund selbst, der das Vielschwören zu fürchten und zu meiden bedacht ist, wird sich, ob auch tausendmal Jemand ihn zwänge, fürder nicht mehr bequemen, wieder in jene Gewohnheit zu fallen; sondern, wie wir jetzt, ungeachtet wir euch mit vieler Mühe und tausendfacher Beschwerde erschrecken, bedrohen, ermahnen, berathen — kaum im Stande sind, es zu einer andern Sitte zu bringen: so wird ganz sicher auch dann Keiner, und ob er euch auch tausendfach zwänge, euch zu bewegen vermögen, dieses Gebot zu verletzen; vielmehr, wie Niemand je sich [S. 139] von einem Giftmittel zu kosten entschlöße, ob auch Zwang vorhanden wäre, so wird er dann auch keinen Schwur ausstoßen.

Habt ihr Dieses zu Stande gebracht, so wird es für euch ein Trost und eine Ermunterung sein, auch die übrigen Theile der Tugend in Angriff zu nehmen. Denn wer noch ganz und gar Nichts gebessert hat, ist leichtsinnig und fällt bald zurück. Wer sich aber bewußt ist, daß er wenigstens eine Aufgabe erfüllt hat, schöpft daraus gute Hoffnung und geht mit größerem Elfer weiter auf die übrigen los; und wenn er sich einer andern bemächtiget hat, kommt er schnell zu einer neuen und läßt nicht eher ab, als bis er zum Gipfel selber gelangt. Denn wenn Jemand in Betreff der zeitlichen Güter nach um so mehreren verlangt, je mehr er zusammenbringt: wie viel mehr mag man Dieß in Betreff der geistlichen Leistungen eintreten sehen? Deßhalb eile und treibe ich, daß die Sache einen Anfang nehme und in euren Herzen der Grund der Tugend gelegt werde; und wir bitten und flehen, daß ihr dieser unserer Worte nicht allein in der gegenwärtigen Stunde gedenket, sondern auch zu Hause und auf dem Markte, und wo ihr sonst verweilen möget. O daß es mir möglich wäre, mit euch zu verkehren! Es würde dann dieser langen und weitläufigen Rede wohl nicht bedürfen. Nun aber, da Dieses nicht angeht, so erinnert euch an meiner Statt an meine Worte; und wenn ihr bei Tische sitzt, so denket, ich komme zu euch hinein und stehe neben euch und rufe euch zu, was ich hier jetzt zu euch sage. Und wo irgend von euch meiner Erwähnung geschieht, erinnert euch statt alles Andern dieses Gebotes und erwidert mir auf diese Weise meine Liebe zu euch. Wenn ich euch gebessert habe, so habe ich Alles erreicht und eine hinlängliche Gegengabe für meine Mühen erhalten. Damit ihr also sowohl unsere Freudigkeit mehret, als auch selber voll guter Hoffnung werdet und euch die Befolgung der übrigen Gebote bedeutend erleichtert: so senket dieses Gesetz mit großem Eifer in eure Seelen, und ihr werdet sodann den Nutzen dieser Ermahnung verspüren. Denn auch ein goldenes Kleid ist schön von bloßem Ansehen, aber vielmehr fällt es uns [S. 140] in die Augen, wenn es um unsern Körper gelegt ist. So sind auch die Gebote Gottes schön und lobwürdig; aber viel schöner erscheinen sie noch, wenn sie befolgt werden. Denn jetzt lobt ihr das Gesagte einen kurzen Augenblick; wenn ihr es aber befolgt, so werdet ihr durch alle Tage und durch alle Zeiten, wie uns, so auch euch selber loben. Und nicht das ist das Große, daß wir einander loben werden, sondern daß auch Gott uns aufnehmen wird, und nicht allein aufnehmen, sondern uns auch vergelten wird mit jenen großen und unaussprechlichen Gnadengaben, deren wir Alle gewürdiget werden mögen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen und mit welchem dem Vater sammt dem heiligen Geiste sei Ehre jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung in die Säulenhomilien

Navigation
. Erste Homilie.
. Zweite Homilie.
. Dritte Homilie.
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. Achte Homlie.
. Neunte Homilie.
. Zehnte Homilie.
. Elfte Homilie.
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger