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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Fünfte Homilie.

6.

So die Barbaren; und wir schämen und verhüllen uns nicht, daß, während Jene die Sitten änderten, wir die Hütten vertauschen und handeln wie trunkene Leute und unsere Habe in Sicherheit bringen? Der Herr zürnet uns; und wir unterlassen es, seinen Zorn zu versöhnen, und kehren das Haus um und rennen umher und suchen, wo wir unser Vermögen verwahren, da es doch Noth thut zu suchen, wo wir die Seele bergen! Aber vielmehr bedarf es keines Suchens, sondern durch ein tugendhaftes und rechtschaffenes Leben verbürgen wir ihre Sicherheit. Denn wenn wir über einen Diener zürnten und unwillig wären, und dieser es unterließe, sich unserm Zorn gegenüber zu entschuldigen, und in sein Kämmerlem ginge, seine Kleidungsstücke und all sein Geräth sammelte und zusammenbände und auf die Flucht bedacht wäre; — wir würden diese Verachtung nicht mit Gleichmuth ertragen! Darum wollen [S. 133] Wir diese unzeitige Hast einstellen und männiglich zu Gott saqen: „Wo soll ich hingehen vor deinem Geiste, und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesichte?” 1 Laßt uns die Weisheit der Barbaren nachahmen! Diese thaten Buße aufs Ungewisse; denn der Ausspruch lautete nicht dahin: „Wenn ihr umkehret und Buße thut, will ich die Stadt feststellen,” sondern ganz einfach: „Noch drei Tage, und Ninive wird untergehen.” Und was Jene? „Wer weiß, ob es Gott nicht gereut des Übels, das er wider uns zu thun gesprochen hat?” 2 „Wer weiß?” — sie kennen den Ausgang der Sache nicht und unterlassen dennoch die Buße nicht. Sie kennen die Weise der Menschenfreundlichkeit Gottes nicht und bekehren sich aufs Ungewisse. Denn sie hatten als Vorbild keine andern Niniviten, die Buße gethan und Rettung gefunden; hatten keine Propheten gelesen, keine Patriarchen gehört; erfreuten sich keines Rathes und empfingen keine Ermahnung: auch waren sie selbst nicht davon überzeugt, sich durch diese Buße mit Gott zu versöhnen. Denn die Drohung enthielt Dieses nicht, sondern sie waren hierüher in Zweifel und Ungewißheit, und dennoch bekehrten sie sich mit aller Sorgfalt. Was wird nun unser Loos sein, wenn die, welche auf den Ausgang keine Zuversicht hatten, eine solche Sinnesänderung zeigten und an den Tag legten; du aber, der du auf die Menschenfreundlichkeit Gottes vertrauen kannst und oft und viele Unterpfänder seiner Fürsorge empfangen hast, der du die Propheten und Apostel vernommen und durch die Thatsachen selber belehrt bist, nicht einmal dich beeiferst, dasselbe Maß der Tugend zu erreichen wie Jene? — Fürwahr, die Tugend dieser Leute ist groß, noch viel größer aber die Menschenfreundlichkeit Gottes; und diese ist aus der Größe der Drohung zu ersehen. Denn deßwegen setzte er zu seinem Ausspruche nicht hinzu: „Wenn ihr umkehret, will ich verschonen” — damit er durch Aufstellung eines unbedingten Urtheils die [S. 134] Furcht vermehrte und durch Mehrung der Furcht um so eiliger zur Buße hindrängte. Und der Prophet schämt sich, indem er vorherweiß, was geschehen werde, und indem er erräth, daß das Verkündete unausgeführt bleiben werde. Gott aber schämt sich dessen nicht, sondern er sucht nurEines, der Menschen Heil, und bringt seinen Diener (Jonas) zurecht. Denn als Dieser auf das Schiff gegangen war, erregte er alsobald das Meer, auf daß du lernest: wo Sünde ist, da ist auch Sturm; wo Ungehorsam, da Wogenbrandung; und es wankte die Stadt ob der Sünden ter Niuiviten, es schwankte das Schiff wegen des Ungehorsams des Propheten. Jene dort warfen den Jonas ins Meer, und das Schiff stand; wir aber wollen unsere Sünden ins Meer versenken, und die Stadt wird ruhig stehen. Denn die Flucht hilft uns zu Nichts, wie sie auch Jenem Nichts nützte; ja im Gegentheil, sie schadete ihm sogar. Er floh das Land; dem Zorn Gottes entrann er nicht; er floh das Land und brachte den Sturm über das Meer. Und nicht allein ihm brachte die Flucht keinen Gewinn, sondern er versetzte auch die, welche ihn aufnahmen, in die äußerste Gefahr. Und während er auf dem Schiffe saß und hinfuhr und die Schiffer und Steuerleute um ihn waren und das ganze Rüstzeug des Schiffes, schwebte er in der äußersten Gefahr. Nachdem er in das Meer versenkt und der Sünde durch die Strafe ledig geworden war, da wurde er in das ungeberdige Schiff — ich meine den Bauch des Ungethüms — versetzt und genoß der vollsten Sicherheit; damit du lernest, daß dem, welcher in Sünden lebt, auch ein Schiff Nichts hilft, daß andererseits den, welcher sündenlos ist, auch das Meer nicht verdirbt und auch die Thiere nicht aufreiben. Denn die Wellen nahmen ihn und erstickten ihn nicht; das Ungethüm erfaßte ihn und tödtete ihn nicht, sondern sowohl das Thier wie das Element gab Gott das ihm anvertraute Pfand unversehrt wieder, und es lernte der Prophet durch Das alles menschenfreundlich und sanftmüthig sein und weder roher sein als ungebildete Schiffer, noch als die wilden Wogen. Denn auch die Schiffer hatten ihn nicht gleich im Anfang [S. 135] sondern erst in großer Noth preisgegeben, und Meer und Thier verwahrten ihn mit großem Wohlwollen: Das alles hatte Gott in seiner Weisheit geordnet. So kam er (Jonas) wieder zurück, predigte, drohte, überführte, errettete, schreckte und stellte fest3 mit der einen und ersten Predigt. Denn nicht bedürfte er vieler Tage, nicht einer andauernden Berathung ; sondern dadurch, daß er jene wenigen Worte sagte, brachte er sie alle zur Buße. Deßhalb geleitete ihn Gott nicht sofort aus dem Schiffe zur Stadt, sondern die Schiffer übergaben ihn dem Meere, das Meer dem Ungethüm, das Ungethüm Gott, Gott den Niniviten, und führte den Flüchtling auf einem langen Umwege zurück, um Alle zu belehren, daß es unmöglich ist, den Händen Gottes zu entrinnen; denn wohin Einer auch kommen möge: — so er die Sünde mit sich schleppt, wird er tausend Ungemach ausstehen, und ob auch kein Mensch da wäre, wird die Natur selbst aller Orten gegen ihn mit großer Gewalt sich erheben. —

Also nicht der Flucht, sondern der Änderung der Sitten laßt uns unser Heil anvertrauen. Zürnt denn Gott darum, daß du in der Stadt bleibst, weil du fliehest? Daß du gesündiget hast, deßhalb ist er unwillig! So thue die Sünde von dir, und woher die Wunde ihren Ursprung genommen, da verstopfe die Quelle des Übels; denn das Gegentheil durch sein Gegentheil zu heilen, gebieten auch die Arzte. Hast du dir durch Unmäßigkeit ein Fieber zugezogen? Sie behandeln die Krankheit durch Hunger. Ist Jemand an Traurigkeit krank? Sie sagen, dagegen sei das Heilmittel der Fröhlichkeit zu gebrauchen. So muß man es auch mit den Krankheiten der Seele machen. Hat Leichtsinn den Zorn erweckt? Laßt uns ihn durch Eifer verscheuchen und eine gründliche Sinnesänderung offenbaren. Wir haben das Fasten zum größten Gehilfen und Mitstreiter und neben dem Fasten die auf uns lastende Angst und die Furcht vor Gefahr. So laßt uns denn unserer Seele zusetzen, so lange es Zeit ist. Und sehr [S. 136] leicht werden wir sie zu Allem, was wir wollen, zυ bewegen vermögen; denn wer eingeschüchtert und voll Zitterns ist, wer aller Wollust entrückt in beständiger Furcht lebt, dem ist es leicht, Weisheit zu üben und den Samen der Tugend mit großer Willigkeit aufzunehmen. —

1: Ps. 136, 7.
2: Jon. 3, 9.
3: Ἔστησεν — nämlich die wankende Stadt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger