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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Fünfte Homilie.

5.

Zwar bin ich kein Prophet, noch eines Propheten Sohn; 1 aber das weiß ich zuverläßig voraus und rufe es mit lauter und klingender Stimme, daß, wenn wir umkehrten und nur irgend Sorge trügen um unsere Seele und von der Bosheit abstünden, nichts Widriges und Trauriges kommen würde. Und das weiß ich klar aus der Menschenfreundlichkeit Gottes, und daraus, was er an einzelnen Menschen, an Städten, Stämmen und ganzen Völkern gethan. Denn auch der Stadt der Niniviten hat er gedroht und gesprochen: „Noch drei Tage, und Ninive wird zu Grunde gehen.” 2 Wie nun? sage mir, ward Ninive zerstört und die Stadt vernichtet? Ja ganz das Gegentheil, sie richtete sich auf und ward herrlicher, und nach Verlauf so langer Zeit ist ihr Glanz nicht erloschen, sondern wir Alle preisen3 sie noch und bewundern sie zur Stunde; denn seit jener Zeit ist sie für alle Sünder der trefflichste Hafen geworden und läßt nicht in Verzweiflung fallen, sondern ruft Alle zur Buße und lehrt uns durch das, was sie gethan, und wodurch sie der Vorsorge Gottes genoß, niemals an der eigenen Rettung verzagen, sondern in Beweisung des besten Lebens [S. 131] υnd in Vorhaltung der guten Hoffnung getrost zu sein über das Ende, daß es vollkommen heilsam sein werde. Denn wer richtete sich nicht auf, der Jener Beispiel vernimmt, und wenn er der Allerläßigste wäre? Gott zog es vor, seine Voraussagung fallen zu lassen, auf daß die Stadt nicht fiele! Aber vielmehr fiel auch die Weissagung nicht. Hätten nämlich die Menschen in derselben Bosheit verharrt, und wäre die Verkündigung nicht in Erfüllung gegangen, dann könnte man vielleicht an dem Gesagten Ausstellungen machen. Wenn aber, nachdem sie sich selber geändert und von ihrer Schuld abgelassen hatten, auch Gott von seinem Zorne abließ: — wer wird forthin noch die Weissagung zu tadeln und das Gesagte der Lüge zu zeihen vermögen? Denn das Gesetz, welches Gott von Anbeginn durch den Mund des Propheten für alle Menschen gegeben, das hat er auch damals beobachtet. Was für ein Gesetz ist das? „Plötzlich rede ich,” heißt es, „wider ein Volk und Königreich, daß ichs ausrotten, zerbrechen und verderben wolle; wenn es sich aber bekehrt von seiner Bosheit, so soll mich auch reuen das Unglück, das ich ihm verkündete zu thun.” 4 Dieses Gesetz also bewahrend rettete er die Bekehrten und befreite die, welche von der Bosheit abstanden, vom Zorn. Denn er sah die Bekehrung der Barbaren voraus, und deßwegen stachelte er den Propheten. Und auch damals gerieth die Stadt in Bewegung, als sie die prophetische Stimme vernahm ; allein sie litt keinen Schaden, sondern zog sogar Gewinn von der Furcht. Denn diese Furcht gebar ihre Rettung. Die Drohung wandte die Gefahr ab, die Verkündigung des Untergangs hemmte den Untergang. O der neuen und unerhörten Sache! Ein Ausspruch, welcher Tod androhte, gebar Leben! Nachdem das Urtheil gefällt war, da wurde es unkräftig — im Gegensatze zu den weltlichen Richtern; denn wenn von diesen das Urtheil gefällt und mitgetheilt worden, so tritt dann eben das Urtheil in Kraft, [S. 132] aber bei Gott findet das Gegentheil statt: das Urtheil eröffnen heißt bei ihm: es unkräftig machen. Denn wäre es nicht mitgetheilt worden, so hätten die Sünder es nicht vernommen; hätten sie es nicht vernommen, so hätten sie nicht Buße gethan und die Züchtigung nicht abgewendet und jener wunderbaren Rettung nicht genossen. Wie wäre es nicht wunderbar, wenn der Richter den Ausspruch gethan, die Verurtheilten aber das Urtheil zu nichte machen — durch die Buße! Denn sie flohen die Stadt nicht, wie wir jetzt, sondern sie blieben und stellten sie dadurch fest. Eine Schlinge war sie, und sie machten sie zur Mauer; ein Schlund war sie und ein Absturz, und sie bereiteten sie zu einem Thurm der Sicherheit. Sie hörten, daß die Häuser fallen würden, und flohen die Häuser nicht, sondern flohen die Sünden. Nicht verließ ein Jeglicher seine Wohnung, wie wir jetzt, sondern es verließ Jeder den Weg seiner Bosheit. „Denn,” sprachen sie, „haben etwa die Mauern den Zorn geboren? Wir sind Schuld an der Wunde, wir müssen auch das Heilmittel bereiten.” Deßhalb bauten sie ihr Heil nicht auf den Tausch der Hütten, sondern auf die Änderung der Sitten. —

1: Vergl. Amos 7, 14.
2: Jon. 3, 4.
3: Ἄδομεν — besingen.
4: Jer. 18, 7. 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger