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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Fünfte Homilie.

4.

Soll ich noch eine andere Ursache nennen, deretwegen wir den Tod fürchten? Wir leben nicht vorsichtiglich. Wir haben kein gutes Gewissen! Denn wäre Dieses der Fall, so würde uns Nichts zu schrecken vermögen, nicht Tod, nicht Hunger, nicht Verlust an Geld und Gut, noch irgend etwas Dergleichen. Denn wer tugendhaft lebt, dem kann nicht Solches schaden noch seine innere Lust ihm benehmen. Wem gute Hoffnungen nähren, den kann Nichts in Muthlosigkeit stürzen; denn was könnte irgend Jemand thun, wodurch er den edlen Mann zu betrügen vermöchte? Seine Schätzerauben? Aber er hat einen Schatz im Himmel! — Aber [S. 127] er vertreibt ihn aus seinem Vaterlande? Wohl; er entsendet ihn zur himmlischen Stadt! — Aber er schlägt ihn in Bande? Wohl; er hat ein befreites Gewissen und fühlt nicht die Bande von außen. Aber er nimmt ihm den Leib? — Wohl; er wird wieder auferstehen! Wie Jemand, der mit einem Schatten kämpft und die Luft peitscht, Niemanden zu verwunden vermag: so ficht der, welcher gegen den Gerechten streitet, nur mit Schatten und vergeudet seine Kraft und vermag Jenem keinen Hieb zu versetzen. Gib mir also nur Zuversicht auf das Himmelreich, und wenn du willst, schlachte mich noch heute, und ich weiß dir Dank für den Mord, daß du mich in Bälde zu jenen Gütern hinübersendest. — „Ach, das ists, was wir am meisten beweinen,” sprichst du, „daß wir durch die Menge der Sünden verhindert des Himmelreichs dort nicht theilhaftig werden!” So laß das Weinen wegen des Todes und weine ob deiner Sünden, auf daß du sie austilgst! Denn dazu ist die Traurigkeit da, nicht daß wir um den Verlust an Gütern, nicht daß wir um den Tod, nicht daß wir um irgend Etwas der Art uns grämen, sondern daß wir sie zur Hinwegräumung der Sünden gebrauchen. Und daß Dieses wahr ist, das werde ich euch an einem Beispiele klar machen. Die ärztlichen Mittel sind nur für jene Krankheiten da, welche sie zu heben vermögen, nicht für die, in welchen sie keinen Nutzen gewähren. Ich will euch ein Beispiel sagen — denn ich will die Sache noch klarer machen —: das Mittel, welches allein für kranke Augen heilsam ist, aber für kein anderes Leiden, von dem könnte man mit Recht sagen, daß es allein für Augenkrankheiten vorhanden sei, nicht aber des Magens halber, noch der Hände wegen, noch für irgend ein anderes Glied. Nun laßt uns diesen Satz auf die Trauer anwenden, und wir werden finden, daß sie uns für keine anderen Zufälle Etwas frommt, sondern allein die Sünde zurecht bringt, woraus erhellt, daß sie allein zur Hinwegnahme dieser vorhanden sei. Laßt uns nur alle Zufälle, die uns zustoßen, nach einander durchgehen und die Traurigkeit dagegen halten und zusehen, welcher Gewinn uns aus dieser erwachse. Hat Jemand Einbuße [S. 128] am Vermögen erlitten? Er betrübt sich und hilft dem Verluste nicht ab. Hat Jemand einen Sohn verloren? Er trauert und — weckt den Todten nicht auf, noch hilft er dem Abgeschiedenen. Wird Jemand gegeißelt, geschlagen, verhöhnt? Er betrübt sich und — macht den Hohn nicht ungeschehen! Ist Jemand in Schwachheit und in die schwierigste Krankheit gefallen? Er ist voll Unmuths und hebt die Krankheit nicht, sondern macht sie noch schwerer. Siehst du, daß die Taurigkeit zu Dem allen Nichts hilft? — Jemand hat gesündigt; er trauert und — hat die Sünde getilgt und die Übertretung gehoben. Woraus ist Dieses ersichtlich? Aus dem Ausspruche des Herrn. Indem er nämlich von Jemandem redet, der gesündiget hat, sagt er: „Um der Sünde willen habe ich ihn ein wenig betrübt; und ich sah, daß er betrübt war und traurig wandelte, und ich heilte seine Wege.” 1 Deßwegen spricht auch Paulus: „Die gottgefällige Trauer bewirkt eine Reue zur Seligkeit, die Niemand gereut.” 2 Da nun diese Auseinandersetzung deutlich gezeigt hat, daß weder Einbuße an Gütern, noch Verspottung, noch Nachstellung, noch Geißelung, noch Krankheit, noch Tod, noch etwas Anderes der Art von der Traurigkeit, wenn sie hinzugethan wird, gebessert werden kann, sondern daß sie nur die Sünde auslöscht und für diese allein das Tilgungsmittel ist: so ist es klar, daß sie deretwegen allein vorhanden ist. —

Laßt uns also nicht ferner um den Verlust an Gütern Leid tragen; sondern wenn wir sündigen, da allein laßt uns jammern; denn in diesem Falle haben wir von der Traurigkeit großen Gewinn. Hast du einen Verlust erlitten? Sei nicht mißmuthig; denn das bringt dir keinen Gewinn. Hast du gesündigt? Traure; denn es ist nützlich. Hier merke Gottes Einsicht und Weisheit! Dieß Beides hat uns die [S. 129] Sünde geboren: Traurigkeit und Tod; denn „an welchem Tage du davon issest,” heißt es, „wirst du des Todes sterben;” 3 und zum Weibe: „In Schmerzen sollst du Kinder gebären.” 4 Und eben durch dieß Beides nimmt er die Sünde hinweg und hat es gefügt, daß die Mutter von den Kindern verzehrt wird. Denn daß nebst der Trauer auch der Tod die Sünde hinwegnimmt, das ist theils an den Märtyrern ersichtlich, theils auch aus dem, was Paulus zu den Sündern sagt, indem er also spricht: „Deßhalb sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und Viele schlafen.” 5Weil ihr gesündigt habt, sagt er, sterbet ihr, daß die Sünden durch den Tod gehoben werden. Sodann fügt er hinzu und spricht: „Denn wenn wir uns selber richteten, würden wir nicht gerichtet; wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir von dem Herrn gezüchtigt, auf daß wir nicht sammt der Welt verdammt werden.” 6 Denn gleichwie der Wurm aus dem Holze geboren wird und das Holz verzehrt und die Motte die Wolle frißt, von der sie den Ursprung erhalten, so sind Traurigkeit und Tod von der Sünde erzeugt, und fressen die Sünde auf. —

Lasset uns also den Tod nicht fürchten, sondern die Sünde allein laßt uns fürchten und ob dieser betrübt sein. Und das sage ich nicht in irgend einer schlimmen Erwartung — das sei ferne! — sondern ich wollte, daß ihr immer also in Furcht bereit stündet und das Gesetz Christi in Betreff der Werke erfülletet. Denn „wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nachfolgt,” spricht er, „der ist meiner nicht werth.” 7 Damit hat er nicht gesagt, daß wir Holz auf den Schultern tragen, sondern daß wir den Tod stets vor Augen haben sollen: wie denn auch Paulus täglich starb8 und den Tod verlachte und über das gegenwärtige Leben hinwegsah. Denn du bist ein Soldat und stehst ohne Unterlaß in der Schlachtlinie. Allein ein Soldat, der den Tod [S. 130] fürchtet, wird nie etwas Tüchtiges leisten; wie denn auch kein Christenmensch, der Gefahren fürchtet, etwas Großes und Bewunderungswürdiges vollbringen, sondern überdieß auch leicht zu überwältigen sein wird. Der Kühne und Hochsinnige aber nicht also, sondern der bleibt ungefangen und unüberwunden. Gleichwie die drei Jünglinge, die das Feuer nicht fürchteten, dem Feuer entgingen; so werden auch wir, wenn wir den Tod nicht fürchten, dem Tode entrinnen. Sie fürchteten das Feuer nicht, denn Verbranntwerden ist kein Verbrechen; wohl aber fürchteten sie die Sünde, denn ein Verbrechen ists, gottlos zu sein. Diesen laßt auch uns nachahmen und Allen, die ihnen gleichen und Gefahren nicht fürchten: so werden wir den Gefahren entrinnen.

1: Is. 57, 17. 18.
2: II. Kor. 7, 10: εἰς σωτηρίαν ἀμεταμέλητον; Montf. übersetzt nach der Vulgata: in salutem stabilem.
3: Gen. 9, 17.
4: Ebend. 3, 16.
5: I. Kor. 11, 30.
6: Ebend. 11, 31. 32.
7: Matth. 10, 36.
8: I. Kor. 15, 31.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger