Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Fünfte Homilie.

3.

Wenn nun solche Übel die Sünder erwarten, was könnte es ihnen helfen, ob sie zu Hause, ob sie auf ihrem Bette den Geist aufgeben, wie es andererseits den Gerechten keinen Schaden bringt, das Leben durch Schwert und Eisen oder im Feuer zu verlieren, da sie zu den ewigen Gütern hinüberwandern sollen. In Wahrheit ist der Tod der Sünder böse! Solch ein Tod war der Tod, den der Reiche erlitt — er, der den Lazarus übersah, der zu Hause und auf dem Bette und im Beisein seiner Angehörigen des natürlichen Todes verblich, — und hinging und im Feuer gebraten ward und allda nicht den geringsten Trost aus seiner Glückseligkeit im zeitlichen Leben zu empfangen vermochte. Aber nicht so Lazarus; vielmehr unten am Boden, umgeben von den Hunden, die ihm die Geschwüre beleckten, erlitt er einen gewaltsamen Tod — denn was wäre schmerzlicher als Hunger? — und ging hin und kostete dort die ewigen Güter und schwelgte in Abrahams Schooß. Was hat es ihm also geschadet, daß er gewaltsam gestorben? Was dem Reichen genützt, daß er nicht gewaltsam geendet? „Aber,” sagt ihr, „wir fürchten nicht gewaltsam, sondern ungerecht zu sterben, und während wir Nichts begangen haben von dem, wessen man uns verdächtigt, gerade so bestraft zu [S. 124] werden, wie die auf der That Ertappten.” Sage mir, was sprichst du? ungerecht zu sterben fürchtest du? Wolltest du denn gerechter Weise sterben? Und wer ist so jämmerlich und beklagenswerth, daß er, während er ungerecht sterben mag, es vorzöge, gerechter Weise zu sterben? Denn wenn ein Tod zu fürchten ist, so ist der zu fürchten, der gerechter Weise über uns kommt, da, wer ungerecht stirbt, eben hierin Gemeinschaft hat mit allen Heiligen. Denn die Mehrzahl derer, die Gott wohlgefielen und vor ihm leuchteten, haben ein ungerechtes Ende erlitten; und zwar Abel zuerst. Denn Nichts hatte er an seinem Bruder verbrochen und Kain in keinem Stücke betrübt, sondern weil er Gott ehrte, deßhalb ward er erschlagen. Gott aber ließ Dieses zu. Aus Liebe oder aus Haß gegen ihn? Es ist klar: aus Liebe, und weil er ihm durch den ungerechtesten Mord die Krone prächtigerzu machen gedachte. — Siehst du, daß wir weder den gewaltsamen noch den ungerechten Tod zu fürchten haben, sondern den Tod in Sünden? Abel starb ungerecht, und Kain lebte in Seufzen und Zittern! Wer war nun glücklicher? Sprich! der in Gerechtigkeit endete, oder der in Sünden lebte? Der ungerecht starb, oder der gerechte Strafe erlitt? —

Wollt ihr, daß ich eurer Liebe sage, woher wir den Tod fürchten? Die Liebe zum Himmelreiche hat uns nicht verwundet, und die Sehnsucht nach dem Zukünftigen hat uns nicht entzündet; denn sonst würden wir über alles Gegenwärtige hinwegsehen wie der selige Paulus. Und außerdem andererseits: wir fürchten das höllische Feuer nicht, deßwegen fürchten wir uns vor dem Tode! Wir kennen das Unerträgliche der dortigen Züchtigung nicht, deßhalb fürchten wir statt der Sünde den Tod! Denn wenn jene Furcht unsere Seele erfüllte, so könnte diese in ihr keinen Eingang gewinnen: Und Dieß will ich nicht anderswoher und aus Fernliegendem, sondern aus dem, was hier daheim in diesen Tagen sich mit uns zutrug, darzuthun unternehmen; denn als das Schreiben vom Kaiser ankam, welches jene unerschwinglich scheinende Steuer zu erlegen gebot, da [S. 125] geriethen Alle in Bewegung, da haderten Alle, waren schwierig, murrten, gingen zu einander hin und wieder und sprachen: „Das ist ein unerträgliches Leben, unsere Stadt ist zu Grunde gerichtet, Niemand kann die Höhe dieser Abgabe erschwingen!” Und es waren Alle außer sich, als ob sie die äusserste Gefahr liefen. Nachmals, als das Wagestück eintrat und einige verruchte und verfluchte Menschen die Gesetze mit Füßen traten und die Bildsäulen umstürzten und über Alle die äusserste Gefahr verhängten und wir jetzt selber für unser Leben vor des Kaisers Zorn besorgt sind: heißt uns der Verlust an Geld und Gut forthin nicht weiter, sondern statt dessen höre ich Alle ganz anders sprechen: „Mag der Kaiser unsere Habe wegnehmen; wir wollten Äcker und Vermögen mit Freuden abtreten, wenn uns nur Jemand verspräche, daß wir den nackten Leib heil davon bringen!” Wie nun, ehe die Todesfurcht über uns kam, der Verlust der Güter uns schmerzte, darauf aber, nachdem die gesetzwidrige Frevelthat gewagt war, die Todesfurcht uns übermannte und den Schmerz über jenen Verlust verdrängte: so würde uns auch, wenn die Furcht vor der Hölle unsere Seelen erfüllte, keine Furcht vor dem Tode erfüllen. Vielmehr, wie wenn uns am Leibe ein doppelter Schmerz erfaßt hat, der heftigere den gelindern zu übertäuben pflegt, so würde es auch jetzt geschehen. Wenn die Furcht vor der künftigen Strafe in der Seele weilte, so würde diese alle menschliche Furcht übertäuben. Also, wenn sich Jemand bemüht, der Hölle immerwährend zu gedenken, so wird er jeglichen Tod verlachen, und das wird ihn nicht allein vor der gegenwärtigen Angst sicher stellen, sondern auch von jener Flamme erretten. Denn wer sich jederzeit vor der Hölle fürchtet, der wird nimmermehr in das höllische Feuer fallen, da diese immerwährende Furcht ihn besonnen erhält. Erlaubet mir jetzt das zeitgemäße Wort: „Geliebte Brüder, werdet nicht Kinder am Verständniß, sondern an der Bosheit seid Kinder!” 1 Wahrlich, wir hegen eine [S. 126] kindische Furcht, wenn wir den Tod scheuen, die Sünde aber nicht fürchten. Denn die kleinen Kinder fürchten sich vor Larven, das Feuer fürchten sie nicht, sondern wenn man sie etwa zu einer Leuchte mit brennendem Lichte hinträgt, so strecken sie unüberlegt die Hand in die Leuchte und in die Flamme — und zittern vor der verächtlichen Larve, aber das in Wahrheit furchtbare Feuer fürchten sie nicht. So fürchten auch wir den Tod, der eine verächtliche Larve ist; die Sünde aber fürchten wir nicht, die in Wahrheit furchtbar ist und dem Feuer gleich das Gewissen verzehrt. Und zwar ist daran nicht das Wesen der Dinge Schuld, sondern meistentheils unsere Thorheit; denn wenn wir überlegten, was der Tod ist, so würden wir uns vor ihm nimmer fürchten. Was ist denn der Tod? Dasselbe, was ein Kleid ausziehen. Denn gleich einem Kleide umgibt der Leib die Seele; und nachdem wir dieses für eine Weile durch unsern Hintritt abgelegt haben, werden wir es glänzender wieder empfangen. Was ist der Tod? Ein kurzes Verreisen, ein längerer Schlaf als der gewöhnliche. Darum, wenn du den Tod fürchtest, so fürchte dich auch vor dem Schlafe. Wenn du um die Dahingeschiedenen trauerst, so trauere auch um die, welche essen und trinken; denn so natürlich Dieses ist, ist es auch Jenes. Trage nicht Leid um das, was natürlich ist, trage vielmehr Leid um den bösen Willensgebrauch; klage nicht um den Dahingeschiedenen, sondern klage um den, der in Sünden dahinlebt. —

1: I. Kor. 14, 20.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung in die Säulenhomilien

Navigation
. Erste Homilie.
. Zweite Homilie.
. Dritte Homilie.
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. Achte Homlie.
. Neunte Homilie.
. Zehnte Homilie.
. Elfte Homilie.
. Zwölfte Homilie.
. Dreizehnte Homilie
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger