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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Fünfte Homilie.

2.

Dieß alles laßt uns überlegen und auftauchen aus der Traurigkeit, die uns umfangen hält; denn nicht darum lege ich euch diese Geschichten vor, daß ihr das Gesagte loben sollt, sondern damit ihr nachahmet die Tugend, die Geduld jener adeligen Männer, damit ihr durch die That selber lernet, daß die menschlichen Übel keine Übel sind, sondern die Sünde allein: nicht Armuth, nicht Krankheit, nicht Hohn, nicht Verläumdung, nicht Ünehre, nicht was das höchste Unglück unter Allem zu sein scheint, der Tod. Wahrlich, bloße Namen sind das für die Weisen, Unglücksnamen ohne Kraft und Gehalt. Das wahre Unglück aber ist, gegen Gott sich verstoßen und Etwas thun, was Diesem mißfällt. Denn sage mir, was hat der Tod Schlimmes? Daß er dich geschwinder in den heitern Hafen hinüberführt und in die ungetrübte Ruhe jenes Lebens? Und wenn auch kein Mensch (dir) den Tod gibt: tritt das Gesetz der Natur nicht selbst hinzu und löset den Leib von der Seele? Denn wenn es nicht jetzt geschieht, so wird es ein wenig später eintreten, was wir jetzt fürchten. Und das sage ich nicht, als ob ich etwas Ungeheures und Trauriges erwartete — das sei ferne! sondern weil ich mich wegen Derjenigen schäme, die den Tod fürchten. Du, der du so großen Gütern ent- [S. 121] gegen gehst, „die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, und die in keines Menschen Herz gekommen sind”1 — sprich! Du ziehst dich vor ihrem Genusse zurück und bist träg und verdrossen? Und nicht verdrossen allein, sondern fürchtest dich auch und schauderst? Und wie wäre es nicht schimpflich, daß du über den Tod wehklagst, während Paulus über das gegenwärtige Leben seufzte, und in seinem Briefe an die Römer sagte: 2 „Auch die Kreatur sehnt sich mit uns, und auch wir selbst sehnen uns, die wir des Geistes Erstlinge haben!” Und das sagte er nicht aus Mißkenntniß der gegenwärtigen, sondern aus Begierde nach den zukünftigen Dingen. Ich habe, sagt er, die Gnade verkostet und ertrage den Aufschub nicht; ich habe die Erstlinge des Geistes und eile nach dem Ganzen. Ich war in den dritten Himmel entrückt, sah jene unaussprechliche Herrlichkeit, sah den Glanz des königlichen Hauses, erfuhr, was ich entbehre, während ich hienieden verweile, und darum seufze ich. Denn sage mir, wenn dich Jemand in die königlichen Hallen führte und dir das Gold zeigte, das allenthalben von den Wänden blitzt, und die ganze übrige Pracht — sodann dich von dort in die Hütte eines Armen geleitete und verspräche, dich nach kurzer Frist wieder jenes Königsschloß abzuholen und dir daselbst eine Wohnung zu geben: würdest du da nicht bangen und heraus wollen auch nur bei wenigen Tagen? So denke nun von dem Himmel und von der Erde und seufze mit Paulus nicht über den Tod, sondern über das gegenwärtige Leben. — „So mache, daß ich werde wie Paulus,” sagst du, „und ich werde den Tod nimmermehr fürchten!” Und was hindert dich, wie Paulus zu werden, o Mensch? War er nicht arm? Nicht ein Zeltmacher? Nicht ein gemeiner Mann? Denn wäre er reich gewesen und von edler Geburt, so hatten die Armen vielleicht Grund, ihre Armuth vorzuschützen, wenn sie zu demselben Eifer angeregt würden; jetzt aber vermagst du Nichts dergleichen zu sagen. Denn der Mann war ein [S. 122] Handwerker und ernährte sich mit seiner täglichen Arbeit. Ferner hast du von Anbeginn den Glauben von den Vätern überkommen und bist vom ersten Alter an mit dem heiligen Worte genährt worden. Jener aber war ein Gotteslästerer, ein Verfolger und Spötter, und verwüstete die Kirche; unddennoch wurde er so völlig umgewandelt, daß er Alle an glühendem Eifer übertraf und laut ruft: „Seid meine Nachfolger, gleichwie ich Christi!” 3 Jener ahmte dem Herrn nach, und du willst dem Knechte nicht nachahmen? Du, von Anfang in Gottesfurcht erzogen, nicht dem, der sich erst später bekehrte und zum Glauben gelangte? Weißt du nicht, daß die, welche in Sünden sind, todt sind, ob sie auch leben? daß aber die, welche in Gerechtigkeit sind, leben, ob sie auch stürben? Und das ist nicht mein Wort, es ist ein Ausspruch Christi, der zur Martha sagt: „Jeder, der an mich glaubt, wird leben, ob er gleich stürbe.” 4 Ist denn unser Glaube ein Märchen? Wenn du ein Christ bist, so glaube Christo! Wenn du Christo glaubst, so zeige mir den Glauben durch die Werke! Wie aber zeigst du den Glauben durch die Werke? Wenn du den Tod verachtest! Denn auch darin unterscheiden wir uns von den Ungläubigen. Diese fürchten nämlich den Tod mit Recht, denn sie haben keine Hoffnung der Auferstehung. Aber du, der du auf einem bessern Wege wandelst und von der Hoffnung droben Wissenschaft hast, wie willst du dich entschuldigen, wenn du auf die Auferstehung nicht trauest und den Tod fürchtest gleich denen, die an die Auferstehung nicht glauben? „Aber ich fürchte den Tod und das Sterben nicht,” sagst du, „sondern daß ich böse sterbe und mir der Kopf abgeschnitten wird.” Wie? starb Johannes nicht böse? Denn er ward enthauptet. Starb Stephanus nicht böse? Denn er wurde gesteinigt. Und die Märtyrer allesammt hatten nach eurer Ansicht ein klägliches Ende. Denn Einige verloren ihr Leben durch Feuer. Andere durchs Schwert. Einige wurden ins Meer, Andere [S. 123] in den Abgrund, Andere den Zähnen wilder Thiere vorgeworfen und litten so den Tod. Böse sterben, o Mensch, heißt nicht, einen gewaltsamen Tod erleiden, sondern in Sünden sterben. Denn höre, was der Prophet spricht, indem er sich über denselben Gegenstand ausläßt: „Der Tod der Sünder ist böse.” 5 Er sagt nicht: ein gewaltsamer Tod ist böse, sondern was? Der Tod der Sünder ist böse. Mit Recht! Denn nach dem Hintritt von hier wartet ihrer unerträgliche Strafe, unsterbliche Züchtigungen, der giftspeiende Wurm, das nicht erlöschende Feuer, die äußerste Finsterniß, die unauflöslichen Fesseln, das Zähneknirschen, die Trübsal, die Angst und die ewige Verdammniß.

1: I. Kor. 2, 9.
2: Röm. 8, 22. 23.
3: I. Kor. 11, 1.
4: Joh. 11, 25.
5: Ps. 33, 22.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger