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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Fünfte Homilie.

1.

Die Erzählung von den drei Jünglingen und dem babylonischen Ofen hat eure Liebe, wie es scheint, gestern nicht wenig getröstet; nicht minder auch das Beispiel des Job und sein Düngerhaufen, der ehrwürdiger ist als jeglicher Königsthron; denn der Anblick eines königlichen Thrones bringt den Beschauern keinen Gewinn, sondern nur ein augenblickliches Vergnügen, das keinen Nutzen gewährt; aber vom Anblick von Jobs Düngerhaufen hat Jeder gar großen Vortheil, weil er seine Weisheit vermehrt und zur Tugend der Geduld ermuntert. Darum stellen jetzt so Viele so lange Wallfahrten an übers Meer von den Enden der Erde und eilen nach Arabien, um jenen Düngerhaufen zu sehen, und wenn sie ihn schauen, so küssen sie die Erde, welche zum Kampfplatze jenes gekrönten Helden auserwählt war und dessen Blut, das köstlicher als alles Gold war, auffing. Denn kein Purpurkleid ist so prächtig, wie jener Leib damals strahlte, als er nicht mit fremdem, sondern mit dem eigenen Blute getauft war. Und jene Wunden waren köstlicher als alle Steine; 1 denn die Perlen an sich bringen unserm Leben keinerlei Nutzen, auch steuern sie keiner Nothdurft ihrer Besitzer: allein jene Wunden sind ein Trost in jeglicher Trübsal. Und damit du einsehest, daß Dieses wahr sei, so zeige doch dem, der seinen einzigen, eheleiblichen Sohn verloren, Tausende von Perlen, und du wirst seine Trauer nicht lindern und seinem Schmerze nicht abhelfen. Erinnerst du ihn aber an die Wunden des Job, so wirst du ihn leicht zu heilen vermögen, wenn du also sprichst: „Was trauerst [S. 118] du, o Mensch? Du hast nur ein Kind verloren, aber jener Selige wurde, nachdem ihm der ganze Chor seiner Kinder entrissen worden, auch noch an seinem eigenen Leibe geschlagen und saß nackt auf dem Miste, allenthalben mit blutigem Eiter beflossen, und sah sein Fleisch sich nach und nach aufzehren — er, der Gerechte, der Wahrhaftige, der Gottesfürchtige, der sich jeglichen bösen Dinges enthalten, dessen Tugend Gott selber bezeugt hat.” — Gewiß, wenn du solche Worte redest, so löschest du allen Mißmuth in dem Traurigen aus, benimmst ihm jeglichen Schmerz; und so werden die Wunden des Gerechten heilbringender als Perlen. So malet nun auch ihr euch jenen Kämpfer vor Augen ünd stellet euch vor, als ob ihr jenen Düngerhaufen erblicktet und Ihn sitzen sähet mitten im Miste — ihn, die goldene Bildsäule, den Diamantgeschmückten, den — ich weiß nicht wie ich mich ausdrücken soll; denn ich weiß keinen so kostbaren Stoff zu entdecken, den ich jenem blutigen Leibe an die Seite zu setzen vermöchte. So viel kostbarer über allen Vergleich als der gepriesenste Stoff, war das Wesen jenes Leibes, und seine Wunden glänzender als die Strahlen der Sonne. Denn diese erhellen das leibliche Gesicht, jene aber erleuchten die Augen unseres Verstandes: jene machten den Teufel mit einem Male erblinden. Darum entfloh er auch nach Empfang dieses Schlages und ließ sich nicht weiter mehr sehen. Du aber, Geliebter, lerne mir auch hieraus, wie groß der Gewinn aus dem Unglücke sei! Denn als der Gerechte noch reich war und der Ruhe genoß, so hatte Jener Stoff, ihn zu verläumden, und wenn auch lügenhaft, konnte er dennoch sagen: „Ehrt dich Job denn umsonst?” 2 Nachdem er ihn aber ausgezogen und arm gemacht, wagte er weiter keinen Laut. Und als er noch reich war, versprach Satan mit ihm zu ringen und drohte ihn zu Boden zu werfen; nachdem er ihn aber arm gemacht und aller Dinge beraubt und ihn dem äussersten Schmerze preisgegeben [S. 119] hatte, — da entwich er. Und als sein Leib noch gesund war, legte er die Hände an ihn; als er aber sein Fleisch zerschlagen hatte, da entfloh er als Überwundener. Siehst du, um wie viel den Nüchternen die Armuth gut und nützlich ist vor Reichthum, und Schwäche und Krankheit vor Gesundheit, und Anfechtung vor Ruhe, und daß sie die Streiter herrlicher und kräftiger macht? Wer sah, wer hörte je von so wunderbaren Kämpfen? Denn wenn in den weltlichen Wettspielen die Faustkämpfer die Köpfe der Widerparte zerschlagen, so sind sie dann Sieger und werden gekrönt. Als aber Jener den Leib des Gerechten zerschlagen, ihn mit vielerlei Wunden durchbohrt und aufs Höchste geschwächt hatte: da war er selber besiegt und wich von dannen. Und als er ihm allenthalben die Seiten durchlöchert, half es ihm doch weiter Nichts; denn den inwendig verborgenen Schatz raubte er nicht; uns aber machte er ihn offenbarer und gab mittels jener Durchlöcherung Allen Gelegenheit, in Jobs Inneres zu blicken und seinen ganzen Reichthum kennen zu lernen. Und als er eben zu siegen vermeinte, da wich er mit Schimpf und Schande davon und ließ keinen Laut weiter vernehmen. Was ist geschehen, o Teufel? Weßhalb weichst du von hinnen? Ist nicht Alles geschehen, was du gewollt? Hast du ihm nicht die Schafheerden, die Rinderheerden, die Schaaren der Pferde, der Maulesel entrissen? Hast du nicht auch den Chor seiner Kinder zu Grunde gerichtet und all sein Fleisch zerschlagen? Weßhalb weichst du von hinnen? „Es ist Alles geschehen,” sagt er, „was ich begehrte; wovon ich aber am meisten wünschte, daß es geschehe, und weßwegen ich Das alles gethan, das ist nicht geschehen; denn er hat Gott nicht gelästert. Denn deßhalb habe ich Das alles gethan,” sagt er, „damit dieses herauskäme; da Dieß aber nicht geschah, so habe ich durch den Raub der Güter und den Untergang der Kinder und die Verwundung seines Leibes Nichts gewonnen, sondern es geschah das Gegentheil von dem, was ich wollte: ich habe den Feind verherrlicht und seinen Glanz erhöht.”

Erkennest du, Geliebter, wie groß der Gewinn aus dem [S. 120] Unglück ist? Jobs Leib war auch in gesunden Tagen schön, aber er wurde um Vieles ehrwürdiger, als er von jenen Wunden zerfleischt war. Denn auch vor der Färbung ist die Wolle schön, aber in Purpur getaucht erhält sie noch unsägliche Schönheit und reichliche Zierde dazu. HätteSatan ihn nicht entkleidet, so würden wir den herrlichen Bau des gekrönten Siegers nicht erkannt haben: hätte er seinen Leib nicht mit Wunden durchbohrt, so hätten die Strahlen aus dem Innern nicht hervorleuchten können; hätte er ihn nicht auf den Dünger gesetzt, so hätten wir seinen Reichthum nicht erkannt. Denn nicht der König ist so glänzend, wenn er auf dem Throne sitzt, als Jener auf dem Miste sitzend hervorstach und ringsum leuchtete. Denn auf den Königsthron folgt der Tod, auf jenen Dünger das Himmelreich.

1: Zu denen, wie wir gleich sehen, Chrysostomus auch die Perlen rechnet.
2: Job 1, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger