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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Vierte Homilie.

4.

Und siehe, wie Gott den Siegeskranz gerade aus den Ihm feindseligen Dingen zusammenflicht und seine Widersacher selber Zeugen seines Triumphes werden. „Denn der König Nabuchodonosor,” heißt es, „sandte nach den Fürsten, Feldherrn, Landpflegern, Richtern, Vögten, Räthen, Amtleuten und allen Machthabern im Lande, daß sie zusammenkämen zur Einweihung des Bildes; und Alle versammelten sich.” 1 Der Feind versammelt das Theater; er selbst ruft die Zuschauer herbei; er selbst errichtet die Schranken; und das kein Theater für gemeine Leute und aus niedrigem Stande, sondern für lauter Vornehme und Staatsbeamte, damit auch deren Zeugniß desto glaubwürdiger sei bei der Menge. Zu einem Schauspiele waren sie gekommen und gingen hinweg, nachdem sie alle ein ganz anderes gesehen. Sie waren gekommen, das Bild anzubeten, und gingen hinweg mit Verlachung des Bildes und voll Erstaunen über die Macht Gottes und die Zeichen, die an den besagten Jünglingen geschahen. Merke auch, wo dieses Kampfspiel eröffnet ward: nicht in der Stadt, nicht in einem Dorfe, sondern ein flaches, ödes Feld empfängt dieses Schauspiel [S. 108] des Erdkreises. In der Ebene Dera nämlich, außer der Stadt, stellte er das Bild auf, und der Herold ging vorüber und schrie: „Lasset euch gesagt sein, ihr Völker und Stämme und Leute und Zungen! Zu welcher Stunde ihr hören werdet den Schall der Posaune und Pfeife und Harfe und Sambuke und Psalter und Laute und allerlei Saitenspiel, so sollt ihr niederfallen und anbeten das goldene Bild (ja wahrlich ein Fallen war es, das Bild anzubeten): wer aber alsdann nicht niederfällt und anbetet, der soll von Stund' an in den glühenden Feuerofen geworfen werden.” 2 Siehst du, wie schwierig der Kampf gemacht wird, wie groß der Zwang der Hinterlist, wie tief der Abgrund und wie abschüssig er ist zu beiden Seiten?3 Aber fürchte Nichts! Denn je weiter der Feind seine Hinterlist treibt, desto mehr deckt er die Herzhaftigkeit der Jünglinge auf; denn deßhalb erschallt so laute Musik, deßwegen steht der Ofen in Brand, damit sowohl Freude als Furcht der Anwesenden Seelen belagere. Ist Jemand unter den Anwesenden gallsüchtig und hartnäckig? Es sänftigte ihn, spricht er (der König), die bezaubernde Macht der volltönenden Musik! Ist Jemand über diese Nachstellung erhaben? Es schrecke und schlage ihn der Anblick der Flamme darnieder! Und es war Furcht wie Freude: diese drang durch die Ohren, jene durch die Augen in die Seele. Aber der edle Muth jener Jünglinge wurde an keinem von beiden zu Schanden, sondern wie sie die Flamme bewältigten, als man sie ins Feuer warf, so spotteten sie alle Lust und Verlockung hinweg. Denn ihretwegen hatte der Teufel alle diese Zurüstungen gemacht. Denn über die Unterthanen stand er nicht im Zweifel; vielmehr vertraute er dreist darauf, daß sich Keiner wider des Königs Gesetz auflehnen werde. Nachdem aber alle gefallen und überwunden waren, da werden die Jünglinge allein in die [S. 109] Mitte geführt, damit auch dadurch ihr Sieg an Glanz gewinne, daß unter einer so großen Menge sie den Preis erringen und als Sieger verkündet werden. Denn nicht so wunderbar wär' es gewesen, wenn sie, als noch Keiner gefallen, zuerst vorühergegangen wären und sich tapfer gezeigt hätten. Das aber ist das Größte und Auffallendste, daß die Menge der Überwundenen sie nicht in Furcht setzte, noch wankend machte, noch etwa in dieser Art zu sich sprechen ließ, wie Viele oftmals zu sagen pflegen: „Wenn wir zuerst und allein vor dem Bilde niederfallen wollten, so wäre die That allerdings ein Vergehen; wenn wir Dieß aber nach so vielen Tausenden thun, wer wird uns nicht Nachsicht gewähren? wer nicht der Entschuldigung werth achten?” Aber Jene sprachen und dachten nicht also, obschon sie den Fall so vieler Fürsten gesehen. Betrachte mir aber auch die Bosheit Derjenigen, die sie (die drei Jünglinge) verläumden: wie unredlich und bitter sie diese verklagen! „Es sind,”' sagen sie, „jüdische Männer da, welche du über die Ämter im Lande zu Babel gesetzt hast.” 4 Denn nicht gedenken sie einfach des Volkes, sondern erinnern auch an die Würde, um den Zorn des Königs zu entzünden, als wollten sie sagen: „Gefangene Sklaven ohne Vaterland hast du über uns zu Herren gesetzt; sie aber spotten der so erhabenen Ehre und freveln wider den, der sie geehrt!” Deßwegen sagen sie: die Juden, welche du über die Ämter des Landes Babel gesetzt hast, dieselben haben deinem Gebote nicht gehorcht und dienen deinen Göttern nicht! Das höchste Lob ist solch eine Beschuldigung, und die Anklage wird zum Preise und zum unverdächtigen Zeugniß, da die Feinde es ablegen! Was thut nun der König? Er befahl sie vorzuführen in die Mitte, um sie von allen Seiten zu schrecken. Aber Nichts brachte sie aus ihrer Fassung: — nicht der Zorn des Königs, nicht daß sie allein inmitten so Vieler dastanden, nicht der Anblick des Feuers, nicht der Schall [S. 110] der Trompeten, nicht daß Alle mit feurigen Augen sie anblickten; sondern Dieß alles verlachend gingen sie, als ob sie in eine kühle Wasserquelle hineinsteigen sollten, zum Ofen und ließen jenes selige Wort ertönen: „Deinen Göttern dienen wir nicht, und vor dem goldenen Bilde, das du gesetzt hast, fallen wir nicht nieder.” 5

Und diese Geschichte habe ich nicht umsonst angeregt, sondern damit ihr einsehet, daß den Gerechten Nichts zu Schanden zu machen, Nichts zu schrecken vermag, ob auch ein König ihm zürne und Heere ihm nachstellen, 6 ob neidische Feinde, ob Gefangenschaft, ob Hilflosigkeit, ob Feuer, ob Glühofen, ob tausend Leiden ihm drohen. Denn wenn, wo der König ein Götzendiener war, die Jünglinge sich vor dem Zorn des Tyrannen nicht scheuten: wie viel mehr müssen wir, die wir einen menschenfreundlichen und sanftmüthigen Kaiser haben, voll guten Muthes sein, ja Gott Dank wissen für diese Trübsal, da wir aus dem Gesagten ersehen, daß die Trübsale Diejenigen vor Gott und vor Menschen verherrlichen, die sie edelmüthig zu tragen verstehen. Denn wären Jene nicht zu Sklaven geworden, 7 so hätten wir ihre (innere) Freiheit nicht erkannt; wären sie nicht zu Gefangenen geworden, so wüßten wir Nichts von dem Adel ihrer Seele; wären sie nicht ihres Vaterlandes hienieden verlustig gegangen, so hätten wir Nichts von ihrer Tugend erfahren, die sie als Himmelsbürger bekundet; hätte ihnen nicht der König auf Erden gezürnet, so hätten wir das Wohlgefallen nicht erkannt, das der himmlische König an ihnen gehabt. —

1: Dan. 3. 2.
2: Dan. 3, 4–6.
3: Nämlich auf der einen Seite Abgötterei, auf der andern der Feuertod.
4: Dan. 3, l2.
5: Dan. 3, 18.
6: Κἂν ἐπιβουλὴ στρατιωτῶν — mit offenbarem Bezug auf das in Antiochien verbreitete Gerücht, daß der Kaiser Theodosius gegen die verbrecherische Stadt marschiren lassen werde, um letztere zu plündern und zu zerstören.
7: Durch die Gefangenschaft.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger