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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Vierte Homilie.

2.

Lassen wir uns darum durch die gegenwärtige Noth nicht verwirren! Denn wenn du Sünden hast, so werden sie von der Trübsal ohne Mühe getilgt und verbrannt; besitzest du aber Tugend, so wird sie in ihr erglänzen und heller erscheinen. Wenn du ununterbrochen wachsam und nüchtern bist, so erhebst du dich über jeglichen Schaden; denn nicht die Versuchungen als solche, sondern der Leichtsinn der Versuchten ist Schuld, daß sie zu Falle gebracht werden. Willst du daher in Freude leben und der Ruhe und Lust genießen, so trachte nicht nach Ruhe und Lust, sondern trachte nach einer mit Geduld erfüllten und des Beweises der Ausdauer fähigen Seele, weil, wenn du das nicht besitzest, dich nicht allein die Versuchung zu Schanden machen, sondern auch die Ruhe dich in noch höherem Maaße verderben und zu Grunde richten wird; denn daß nicht die Anfälle des Unglücks, sondern der Leichtsinn des Herzens unsere Wohlfahrt zerstört, darüber höre, was Christus sagt:1 „Ein Jeder, der diese meine Worte hört und sie befolgt, wird einem weisen Manne gleich sein, der sein Haus auf [S. 102] einen Felsen gebaut. Und der Platzregen fiel herab; es kamen die Ströme; es wehten die Winde und stürmten auf dieses Haus los; und es stürzte nicht ein, denn es war auf Felsen gegründet.” Und wiederum: „Und Jeder, der diese meine Reden hört und sie nicht befolgt, wird einem thörichten Manne ähnlich sein, der sein Haus auf Sand gebaut hat. Und der Platzregen fiel herab: es kamen die Ströme; es wehten die Winde und stürmten auf dieses Haus los; und es stürzte ein, und sein Fall war groß.” Siehst du, daß nicht die Anfälle der Versuchungen, sondern die Thorheit der Bauleute den Fall bewirkt haben? Denn dort Platzregen und hier Platzregen, dort Ströme und hier Ströme, dort Windstöße, nicht minder auch hier. Ferner: Jener baute und Dieser baute. Gleicher Bau, gleiche Anfechtungen, aber der Ausgang war nicht der gleiche, weil die Grundlage nicht dieselbe gewesen. Denn nicht die Natur der Versuchungen, sondern die Thorheit des Bauherrn hat den Umsturz verursacht. Sonst hätte auch das auf den Fels gebaute Haus einfallen müssen; aber nun widerfuhr ihm nichts Dergleichen. Allein glaubet nicht, daß hier von einem Hause die Rede sei: von der Seele ist die Rede, welche die Anhörung des göttlichen Wortes durch die Werke bekräftigt oder vereitelt. So hatte Job seine Seele erbaut. Es fiel der Platzregen nieder; denn „Feuer fiel vom Himmel und verzehrte alle seine Heerden.” 2 Es kamen die Ströme — die zahlreichen und einander drängenden Boten der Unfälle, von denen der eine den Verlust der Ziegenheerden, ein anderer den der Kameele, ein dritter den der Kinder verkündet. Es wehten die Winde, des Weibes bittere Reden; denn sie sagte: „Sprich ein Wort wider den Herrn und stirb!” 3 Und das Haus fiel nicht; die Seele ward nicht niedergeworfen; der Gerechte lästerte nicht, sondern danksagte noch mit den Worten: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefiel, so ist es [S. 103] geschehen.” 4 Siehst du, daß nicht die Natur der Versuchungen, sondern die Nachläßigkeit der Leichtsinnigen Schuld ist am Falle? Ja, den Starken macht die Trübsal noch stärker. Wer sagt Dieses? Der selige, in der Trübsal erfahrene Paulus, der also spricht: „Die Trübsal bewirket Geduld, die Geduld Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung.” 5 Und gleichwie der Windsturm die Starken unter den Bäumen zwar anfällt und überall schüttelt, aber nicht umreißt, sondern durch solche Angriffe nur fester und stärker macht: so werfen auch eine heilige und in Gottesfurcht lebende Seele die Versuchungen und Trübsale, die über sie kommen, nicht zu Boden, sondern salben sie zu größerer Geduld, gleichwie sie auch den seligen Job glänzender und ehrwürdiger machten. Jetzt nun zürnet ein Mensch über uns, ein Mensch, der denselben Leiden (wie wir) unterworfen und derselben Seele theilhaftig ist; und wir fürchten uns! Auf Jenen (Job) war damals der wilde Geist der Bosheit ergrimmt, und nicht bloß ergrimmt, sondern er setzte alle Künste in Bewegung und zog alle Blendwerke herbei; aber dennoch hat er die Mannhaftigkeit des Gerechten nicht zu Schanden gemacht. Dieser aber ist ein Mensch, der bald zürnet, bald vergibt, und dessen ungeachtet sind wir vor Furcht des Todes. Damals war der Teufel der Gegner, der sich mit der menschlichen Natur nimmer versöhnt, sondern einen Krieg ohne Sühnung und einen Kampf ohne Schonung6 gegen unser Geschlecht erhoben hat; und dennoch lachte der Gerechte seiner Geschosse. Was hätten wir also für eine Entschul- [S. 104] digung, wenn wir, die wir so hoher Weisbeit im Gnadenbunde theilhaftig sind, eine so menschliche Versuchung nicht ertrügen, während jener vor der Gnade und dem alten Βunde 7 jenen übergewaltigen Streit mit edlem Muthe bestand?

Solche Reden, Geliebte, lasset uns stets unter einander führen und durch solche Worte uns selber ermuntern! Denn ihr selbst seid Zeugen und euer Gewissen, wie großen Gewinn wir bereits aus dieser Versuchung gezogen: der Zügellose ist jetzt züchtig geworden, der Trotzige sanftmüthiger, der Leichtsinnige gewissenhaft. Die sonst in keine Kirche hineinsahen, sondern in Theatern festsaßen, — sie bringen jetzt den Tag in der Kirche zu. Deßwegen also, sage mir, wärest du betrübt, daß dich Gott mittelst der Furcht zum Eifer getrieben? Daß er dich durch die Trübsal zur Erkenntniß deines Heiles gebracht? — Allein dein Gewissen ist geängstigt, und deine Seele wird täglich durch die Erwartung des Todes und die Drohung des Äußersten verwundet. Jedoch auch hieraus wird unsere Tugend einen großen Zuwachs gewinnen, weil sich im Kampf unsere Gottesfurcht steigert. Denn Gott kann zwar noch heute alles Ungemach lösen; aber so lange er uns nicht gereiniget sieht, so lange er keine Umkehr erblickt und eine feste, unerschütterliche Sinnesveränderung, macht er auch der Trübsal kein Ende. Denn auch der Goldschmied nimmt, wie ihr wißt, das Gold nicht eher aus dem Schmelzofen, als bis er es schön durchläutert erblickt. So läßt auch Gott diese Wolke nicht vorühergehen, als bis er uns hinreichend gewitziget hat. Denn der die Versuchung zugelassen, der weiß auch die rechte Zeit, die Versuchung zu enden. Wie der [S. 105] Zitherspieler die Saite weder zu hoch spannt, damit sie nicht reisse, noch sie über Gebühr nachläßt, damit er den Wohllaut des Zusammenklanges nicht störe: so handelt auch Gott. Weder versetzt er unsere Seele in beständige Ruhe noch in lang andauernde Trübsal; Beides thut er nach seiner Weisheit. Denn nicht läßt er uns beständig der Ruhe genießen, damit wir nicht zu leichtsinnig werden; wieder läßt er uns nicht ununterbrochen in Bedrängnissen sein, damit wir nicht verzagen und verzweifeln.

1: Matth. 7, 24-27.
2: Job 1, 16.
3: Job 2, 9.
4: Job 1, 21.
5: Röm. 5, 3. 4.
6: Πόλεμον ἄσπονδον καὶ μάχην ἀκήρυκτον — also einen Krieg ohne Opferspende, d. h. ohne Friedensschluß, weil dieser gewöhnlich mit Trankopfern begleitet war; also einen Krieg auf Tod und Leben; — und einen Kampf ohne Herold, d. h. ohne Antrag und Annahme eines Waffenstillstandes oder einer Friedensunterhandlung; also ebenfalls auf gegenseitige Vernichtung abzielend. —
7: Montfaucon: „et in veteri testamento”; — allein der Text lautet ausdrücklich: πρὸ τῆς χάριτης καὶ τῆς παλαιᾶς διαθήκης, d. h. offenbar im patriarchalischen Zeitalter — vom Sündenfall bis zur sinaitischen Gesetzgebung — und somit die Zeit ohne geschriebenes Gesetz.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger