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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Vierte Homilie.

1.

Gelobt sei Gott, der eure geängstigten Seelen getröstet, der eure wankenden Herzen gestärkt hat! Denn daß ihr hinlängliche Tröstung empfangen, beweiset ihr durch diesen euren Eifer und durch die Bereitwilligkeit zur Anhörung des Wortes; denn eine bekümmerte und von der Wolke des Trübsinns geängstigte Seele ist unmöglich im Stande, auf das, was gesagt wird, zu horchen. Euch aber sehe ich mit großer Geneigtheit und gewaltigem Eifer an uns hangen und alle Traurigkeit abschütteln und ob der Liebe zur Anhörung des Wortes den lastenden Schmerz bei Seite werfen. Darum danke ich Gott mit euch, daß das Unglück euere Weisheit nicht überwunden, die Furcht euer Streben nicht gebrochen, die Trübsal eure Liebe nicht verlöscht, die Gefahr euren Eifer nicht entnervt, die Menschenfurcht eure Freude an Gott nicht besiegt, die Bedrängniß der Zeit euren Fleiß nicht gelähmt, — ja nicht nur nicht gelähmt, sondern gekräftigt, nicht nur nicht gebrochen, sondern gespannt, nicht nur nicht ausgelöscht, sondern noch mehr entzündet hat. Zwar ist der Markt leer geworden, aber die Kirche hat sich gefüllt; gibt jener Stoff zur Klage, so diese Anlaß zur geistlichen Freude und Heiterkeit. Führt dich nun, Geliebter, dein Weg auf den Markt und mußt du beim Anblick seiner Oede aufseufzen, so fliehe zur Mutter, und sie wird dich bald trösten durch die Menge ihrer Kinder, wird dir den vollen Chor der Brüder zeigen und all deinen Unmuth verscheuchen. In der Stadt sehnen wir uns nach dem Anblick von Menschen, gleich denen, die in der Wüste wohnen; nehmen wir unsere Zuflucht zur Kirche, so finden wir vor der Menge kaum Platz. Und wie, wenn das Meer in Aufruhr ist und in heftigem Sturme rast, die Furcht Alle, welche draußen sind, in den Hafen zu fliehen zwingt: so treiben auch jetzt die Wogen des Marktes und das Ungewitter der Stadt Alle überall in die Kirche zusammen und verbinden die Glieder unter einander mit dem Bande der Liebe.

Auch darob also laßt uns Gott danken, daß die Trübsal uns solchen Gewinn gebracht und wir aus der Versuchung solchen Nutzen gezogen. Wo keine Versuchung, [S. 99] da keine Krone; wo keine Kämpfe, da keine Siegespreise; wo keine Schranken (zum Kampfe), da keine Ehren; wo keine Trübsal, da keine Erquickung; wo kein Winter, da kein Sommer. Und das ist nicht bloß an den Menschen, sondern auch selbst an den Saaten ersichtlich: denn auch dort muß viel Regen, viel Zusammenstoß von Wolken, viel Frost eintreten, soll sich die bärtige Ähre erheben. Wo es aber Zeit ist zur Saat, da ist es auch Zeit zum Regen. Da nun auch jetzt ein Winter, nicht der Natur, sondern der Seelen erschienen: so lasset auch uns säen in diesem Winter, damit wir im Sommer ernten mögen. Lasset uns Thränen aussäen, um Freudenjubel zu ernten. Dieß ist nicht mein Wort, es ist der Ausspruch eines Propheten: „Die in Thränen säen,” heißt es, „werden in Jubel ernten.“1 Nicht so sehr macht der vom Himmel fallende Regen die Saaten sprossen und wachsen, als der in den Thränen niederträufelnde Regen die Saat der Frömmigkeit in die Höhe treibt und zur Blüthe bringt. Er wäscht die Seele rein, bewässert das Gemüth, läßt den Unterricht schnell keimen und aufschießen. Darum ist es auch nöthig, eine tiefe Furche einzuschneiden; denn auch dazu ermahnt der Prophet, wenn er also spricht: „Pflüget euch einen neuen Acker, und säet nicht unter die Dörner.” 2 Sowie nun der, welcher den Pflug einsetzt, die Erde tief unten aufreißt, um den Samenkörnern einen sichern Gewahrsam vorzubereiten, auf daß sie, wenn sie ausgestreut werden, nicht droben auf der Oberfläche liegen bleiben, sondern in den Schooß der Erde selber hinabfallen und ihre Wurzeln in Sicherheit einsenken: so müssen auch wir thun und uns der Trübsal als eines Pfluges bedienen, die Tiefe des Herzens damit aufzureissen. Dazu ermahnt uns noch ein anderer Prophet, wenn er sagt: „Zerreisset eure Herzen und nicht eure Kleider.” 3 Zerreissen wir also die Herzen, damit, wenn etwa ein böses Kraut und ein Truggedanke in uns ist, wir ihn mit der Wurzel herausheben und dem [S. 100] Samen der Gottseligkeit ein reines Land bieten! Denn wenn wir jetzt nicht umackern, wenn wir jetzt nicht säen, wenn wir nicht weinen, da Trübsal und Fasten sind — wann werden wir sonst zur Zerknirschung gelangen? Etwa in Ruhe und Wollust? Das ist aber unmöglich! Denn Ruhe und Wollust pflegen zum Leichtsinn zu führen, während die Trübsal zum Fleiße antreibt und das draußen schweifende und nach vielerlei haschende Herz zu sich selber zurückführt.

Darum laßt uns nicht trauern über diesen Unfall, sondern wir wollen vielmehr Gott dafür danken; denn die Trübsal bringt großen Gewinn. Auch der Landmann, wenn er den mit vieler Mühe gesammelten Samen ausgesäet hat, betet um den Eintritt von Regen; und wer es nicht versteht, der wundert sich bei all dem, was geschieht, und spricht vielleicht bei sich selber: „Was macht denn der Mensch da? Das Gesammelte zerstreut er; ja er zerstreut es nicht nur, sondern vermengt es sorgsam mit Erde, so daß es nicht leicht wieder zusammengebracht werden kann. Ja, er vermengt es nicht bloß mit der Erde, sondern betet auch, es möge ein tüchtiger Regen eintreten, daß Alles, was er hingeworfen, verfaule und zu Koth werde.” Und wenn er die Donner losbrechen und die Blitze herabfahren sieht, so wird er unruhig werden. Der Ackersmann aber nicht also; denn er schaut nicht auf die Gegenwart, sondern harret der Zukunft. Er sieht nicht auf den Donner, sondern überrechnet die Garben; nicht auf die faulende Saat, sondern auf die bärtigen Ähren; nicht auf den prasselnden Regen, sondern auf das anmuthige Stäuben der Tenne. Schauen also auch wir nicht auf die gegenwärtige Trübsal und Trauer, sondern auf den Nutzen, der uns aus ihr kommt, und auf die Fruchte die sie gebiert; warten wir auf die Garben der Tenne. Denn sind wir vorsichtig, so werden wir von dieser Zeit reiche Frucht sammeln und die Speicher unseres Herzens damit anfüllen können. Sind wir vorsichtig, so werden wir nicht nur nichts Böses von dieser Trübsal erleiden, sondern auch unzähliges Gute als Frucht von ihr ernten. Wenn wir aber leichtsinnig sind, so wird uns auch die Ruhe ver- [S. 101] derben, denn dem Unachtsamen schadet Beides; wer aber mit Sorgfalt dahin lebt, dem nützet Beides. Und gleichwie das Gold, wenn es auch lange mit dem Wasser verkehrt, dennoch stets in der ihm eigenen Schönheit erscheint und, wenn man es in den Schmelzofen wirft, noch um so glänzender wird; wie im Gegentheil Lehm und Gras, wenn sie mit dem Wasser in Verbindung gerathen, jener sich auflöst, dieses verfault: gerade so auch der Gerechte und Sünder. Denn ob jener auch der Ruhe genieße, behält er dennoch den Glanz, wie das vom Wasser umspülte Gold; und wenn er in Versuchung geräth, wird er glänzender noch wie das vom Feuer gemarterte Gold. Aber der Sünder, auch wenn er in Ruhe ist, löset sich auf und verfault wie Gras und Thon, wenn sie im Wasser liegen; und leidet er Anfechtung, so verbrennt und verdirbt er wie Gras und Lehm im Feuer.

1: Ps. 125, 5.
2: Jerem. 4, 3.
3: Joel 2, 13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger