Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Dritte Homilie.

6.

Laßt uns also, Geliebte, laßt uns die Schmähreden fliehen und lernen, wie sich in dieser Hinterlist die ganze unergründliche Tiefe der Nachstellungen offenbart, die uns der Satan bereitet. Denn daß wir das Unsere vernachlässigen und uns die künftige Rechenschaft schwieriger machen, das ist es, warum uns der Teufel zu dieser Angewohnung verleitet! Ja, nicht das allein ist das Schlimme, daß wir werden Rechenschaft geben müssen von dem, was wir damals gesagt haben, sondern daß wir dadurch unsere Sünden bedeutend erschweren, indem wir uns auf solche Weise alle Entschuldigung abschneiden. Denn wer fremde Sünden mit Bitterkeit durchzieht, wird dereinst für seine eigenen Vergebungen keine Verzeihung erlangen. Denn nicht von der Natur unserer Sünden allein, sondern auch von deinem Gerichte über Andere wird Gott den Maaßstab für sein Urtheil entnehmen. Deßwegen ermahnt er uns mit den Worten: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.” 1 Denn fortan wird die Sünde dort nicht in der Größe erscheinen, wie sie geschehen ist, sondern sie wird einen großen und unabwendbaren Zuwachs erhalten durch das Gericht, welches von dir über deinen Mitknecht ergangen. Denn wie der Leutselige, Sanftmüthige und Versöhnliche die Bürde seiner Sünden um ein Großes verringert, so setzt der bittere, grausame und unerweichbare Mensch seinen eigenen Sünden ein Bedeutendes zu. Laßt uns daher alles Afterreden von unserm Munde verbannen, da wir wissen, daß, ob wir auch Asche äßen, uns diese harte Zucht Nichts nützen würde, woferne wir uns nicht des Afterredens enthalten; denn „was zum Munde eingeht, das verunreinigt den Menschen nicht, sondern [S. 90] was zum Munde herausgeht.” 2 Falls Jemand im Koth rührte, wenn du vorübergehst, sag' an, würdest du nicht schimpfen und schmähen auf den, der das thäte? So thue auch du dem Verläumder. Denn der Koth, wenn er aufgerührt wild, trifft das Gehirn derer, welche den üblen Geruch empfangen, nicht so stark als fremde Sünden, wenn sie aufgerührt werden, und die Enthüllung eines unreinen Lebens die Seele der Zuhörer verletzt und empört.

Enthalten wir uns also des Verklagens, des Verläumdens, des Verlästerns, und laßt uns weder von dem Nächsten Böses reden, noch auch von Gott. Denn viele Lästerer hat ihr toller Sinn so weit geführt, daß sie von den Mitknechten ihre Zunge wider den Herrn erheben! Ein wie großes Übel dieß aber sei, das lerne vom Schicksal, welches jetzt auf uns lastet. Schau doch, ein Mensch ist verhöhnt worden, und Alle sind wir in Furcht und Zittern, die den Hohn verübt haben und die sich Nichts der Art bewußt sind! Gott aber wird jeden Tag verhöhnt — was sage ich: jeden Tag? ja jede Stunde! von Reichen und Armen, in Wohlleben und Bedrängniß, von Verfolgern und Verfolgten, ohne daß es irgend Jemand beachtet. Darum ließ er es zu, daß der Mitknecht verhöhnt ward, damit an der aus diesem Hohne entsprungenen Gefahr diese Leutseligkeit des Herrn dir bemerkbar erschiene. Denn obwohl Dieß das erste und einzige Mal ist, daß Solches geschah, so dürfen wir doch nicht erwarten, deßhalb irgend einer Nachsicht und Entschuldigung zu genießen. Hingegen Gottes Zorn reizen wir jeden Tag und denken an keine Umkehr; und noch erträgt er uns mit aller Langmuth. Siehst du, wie groß die Leutseligkeit des Herrn ist? Obwohl ferner in Folge jenes Frevels die Verbrecher verhaftet und ins Gefängniß geworfen und bestraft worden sind — wir stehen deßungeachtet dennoch in Furcht. Noch hat der Verletzte die That nicht vernommen, noch kein Urtheil gesprochen, und Alle zittern wir: Gott aber vernimmt [S. 91] jeden Tag den Hohn, der wider ihn geschieht, und Keiner bekehrt sich, noch dazu, da Gott so mild und menschenfreundlich gesinnt ist. Denn dort (bei Gott) genügt es, die Sünde bloß zu bekennen, und die Anklage ist aufgehoben: bei Menschen aber gerade das Gegentheil. Wenn die Schuldigen das Bekenntniß ablegen, dann werden sie härter bestraft. Das ist auch jetzt geschehen: die Einen sind durchs Schwert, die Andern durchs Feuer getödtet worden; noch Andere hat man den wilden Thieren vorgeworfen, nicht Männer allein, sondern auch Kinder; und weder die Unreife des Alters noch der Alles mit sich fortreißende Volksstrom, noch daß, die Solches thaten, von bösen Geistern mit Wahnsinn erfüllt waren, noch daß die verfügte Abgabe unerschwinglich geschienen, noch Armuth, noch daß man gemeinschaftlich mit Allen gefehlt habe, noch das Versprechen, Dergleichen in Zukunft nicht wieder zu wagen, noch sonst etwas Anderes vermochte sie irgend zu retten, sondern ohne alle Gnade wurden sie nach dem Richtplatz geführt, auf allen Seiten von bewaffneten Soldaten geleiltet und bewacht, daß Niemand die Verurtheilten befreie; und die Mütter folgten von ferne und sahen sich ihre Kinder entreissen und wagten nicht einmal über ihr Unglück zu jammern; denn die Furcht besiegte das Muttergefühl, und der Schrecken überwand die Natur. Und wie die Leute, die vom Lande einem Schifsbruche zusehen, zwar wehklagen, aber unvermögend sind, heranzukommen und die Ertrinkenden zu retten, so wagten auch hier die Mütter, von der Furcht vor den Soldaten wie von Meereswogen zurückgehalten, nicht nur nicht sich zu nahen und sie (ihre Kinder) der Vollstreckung der Strafe zu entziehen, sondern scheuten sich selbst zu weinen. Erkennet ihr daraus Gottes Barmherzigkeit? wie unaussprechlich, wie unermeßlich sie ist? wie sie allen Begriff übersteigt? Denn hier ist der Verletzte theils gleichen Wesens mit uns, theils hat er nur einmal in aller Zeit Solches erlitten, und nicht ins Angesicht, nicht in seiner Gegenwart, und daß er es auch sah und hörte; und dennoch erlangte Keiner Verzeihung für sein Unterfangen. Von Gott aber ist Nichts der Art zu sagen; [S. 92] denn der Unterschied zwischen Gott und Menschen ist so groß, daß keine Sprache ihn darzustellen vermag; und täglich wird er verhöhnt, und er ist gegenwärtig und sieht und hört es, und noch sandte er keinen Wetterstrahl, noch gebot er nicht dem Meere das Land zu überfluthen und Alle zu ersaufen, noch befahl er nicht der Erde sich zu spalten und alle die Lästerer zu verschlingen, sondern er erträgt und ist langmüthig und verkündet den Lästerern Vergebung, falls sie sich nur bekehren und versprechen, Dergleichen nicht wieder zu thun. In der That ist es hier an der Zeit auszurufen: „Wer wird die Großthaten des Herrn aussprechen und all seinen Preis verkünden?” 3 Wie viele haben die Bildnisse Gottes nicht nur niedergeworfen, sondern auch mit Füßen getreten! Denn so oft du den Schuldner würgst, so oft du ihn ausziehst, so oft du ihn fortschleppst, trittst du das Bildniß Gottes mit Füßen. Höre nur, was Paulus sagt: „Der Mann soll das Haupt nicht bedecken; denn er ist Gottes Bild und Ehre,” 4 und wiederum, wie Gott selber sagt: „Lasset uns einen Menschen machen nach unserm Bilde und Gleichniß.” 5 Erwiderst du aber, der Mensch sei nicht desselben Wesens mit Gott; was folgt daraus? Auch das Erz der Bildsäule war mit dem Könige nicht desselben Wesens, und doch sind die Frevler bestraft worden. So verhält es sich auch mit den Menschen; sind sie — die Menschen — auch nicht gleichen Wesens mit Gott, wie sie es in der That nicht sind, so werden sie doch sein Bildniß genannt, und um der Benennung willen gebührt ihnen Ehre; du aber trittst sie um geringen Goldes willen mit Füßen, peinigest sie, zerrest sie von hinnen6 und hast dafür noch immer keine Strafe erlitten. —

1: Matth. 7, 1.
2: Matth. 15, 11.
3: Ps. 105, 2.
4: I. Kor. 11, 7.
5: Gen. 1, 26.
6: Bekanntlich war es Sitte, die Schuldner beim Ohre zu nehmen und so vor Gericht zu ziehen.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung in die Säulenhomilien

Navigation
. Erste Homilie.
. Zweite Homilie.
. Dritte Homilie.
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. Vierte Homilie.
. Fünfte Homilie.
. Sechste Homilie.
. Siebente Homilie.
. Achte Homlie.
. Neunte Homilie.
. Zehnte Homilie.
. Elfte Homilie.
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger