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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Dritte Homilie.

1.

Wenn ich auf diesen öden und vom Lehrer verlassenen Thron Hinblicke, so freue ich mich zugleich und weine ich. Ich weine, daß ich unsern Vater nicht anwesend sehe; ich freue mich aber, daß er um unserer Rettung willen abge- [S. 73] reist und hingegangen ist, ein so großes Volk dem kaiserlichen Zorn zu entreissen. Das gereicht wie euch zur Zierde, so jenem zur Krone. Euch zur Zierde, weil euer Loos auf solch einen Vater gefallen; jenem zur Krone, weil er für seine Kinder so liebevoll sorgt und das Wort Christi durch die That selber bekräftiget hat. Denn weil er vernommen: „Ein guter Hirt läßt sein Leben für die Schafe,” 1 so ging er hin, sein Leben einzusetzen für uns alle, obschon Vieles war, was sich seiner Abreise in den Weg stellte und ihn zu bleiben nöthigte. Und zwar zuerst seine Jahre, die das höchste Greisenalter erreicht haben; sodann die Schwachheit seines Leibes und die Jahreszeit und die Nothwendigkeit seiner Gegenwart bei dem heiligen Feste; 2 zudem die einzige Schwester, die er hat, und die todtkrank darniederliegt. Aber nichts desto weniger setzte er sich sowohl über die Bande des Blutes als über Alter und Schwachheit, über Ungunst der Zeit und die Mühe der Reise hinweg; und indem er euch und eure Rettung Allem vorzog, hat er diese Fesseln alle zerrissen, und von Eifer beflügelt eilt jetzt der Greis gleich einem Jünglinge vorwärts. Denn wenn Christus, sagt er, sich selbst für uns hingegeben, welcher Entschuldigung und Verzeihung wären wir werth, denen die Vorsteherschaft eines so großen Volkes anvertraut ist. wenn wir nicht bereit ständen, für die Sicherheit der uns Anvertrauten Alles zu thun und zu leiden! Wenn der Patriarch Jakob, 3 sagt er, der doch nur über Zuchtvieh gesetzt war und unvernünftige Schafe weidete und einem Menschen Rechenschaft abzulegen hatte, dennoch schlaflose Nächte zubrachte und Hitze und Kälte und jeglichen Witterungswechsel ertrug, um kein Stück von jenem Vieh zu verlieren: wie viel weniger darf uns, die wir nicht vernunftlosen, sondern geistlichen Schafen vor- [S. 74] gesetzt sind und nicht einem Menschen, sondern Gott über unser Vorsteheramt Rechenschaft ablegen werden, Etwas verdrießen und abstoßen, was der Heerde nützlich sein kann! Im Gegentheil, wieviel diese Heerde besser ist als jene, und Menschen besser als Vieh, und Gott besser als Menschen, um soviel größern und feurigern Eifer und Willen müssen wir zeigen. Er weiß gar wohl, daß er jetzt Sachwalter ist nicht einer Stadt, sondern des ganzen Morgenlandes; denn von allen Städten, die gen Morgen liegen, ist unsere Stadt Mutter und Haupt. Deßhalb unterzog er sich jeder Gefahr, und nichts vermochte ihn hier zurückzuhalten.

Darum hoffe ich unsere Erwartungen verwirklicht zu sehen; denn Gott wird einen solchen Eifer, eine solche Bereitwilligkeit nicht unbelohnt lassen noch dulden, daß sein Diener unverrichteter Sache wieder zurückkomme. Ich weiß, daß Jener, auch wenn er sich nur sehen ließe und den frommen Kaiser anblickte, durch seine Erscheinung allein dessen Zorn alsbald zu unterdrücken vermöchte. Denn nicht nur die Rede, sondern auch das Antlitz heiliger Menschen ist voll geistlicher Gnade. Dieser aber ist noch dazu mit viel Weisheit erfüllt: und da er die göttlichen Satzungen kennt, so wird er zu ihm sagen, was einst auch Moses zu Gott (gesagt hat): „Willst du ihnen die Sünde vergeben, so vergib; wo nicht, so tödte mit ihnen auch mich;” 4 denn solch ein Gemüth haben die Heiligen; den Tod mit ihren Kindern halten sie für süßer als das Leben ohne sie. Auch wird er den gelegenen Zeitpunkt benutzen und das heilige Osterfest vorführen und an die Zeit erinnern, in welcher Christus dem ganzen Erdkreis die Sünden erlassen. Er wird ihn auffordern, den Herrn nachzuahmen. Er wird den Fürsten auch erinnern an jenes Gleichniß von den zehntausend Talenten und den hundert Denaren. Ich kenne die Freimüthigkeit unseres Vaters; er wird kein Bedenken tragen, ihn durch [S. 75] dieses Gleichniß zu schrecken und zu sagen: Siehe zu, daß nicht auch du an jenem Tage vernehmest: „Du schalkhafter Knecht, alle Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich batest; so mußtest auch du (sie) deinen Mitknechten erlassen.” 5 Dir nützest du mehr als Jenen durch die Nachlassung der wenigen Sünden, indem du dafür Vergessenheit der größern empfängst. — Hinzufügen wird er zu dem Gesagten auch jenes Gebet, welches ihn die, von denen er in die heiligen Geheimnisse eingeweiht worden, beten und sagen gelehrt: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.” 6 Ferner wird er ihm bemerklich machen, daß das Vergehen nicht der ganzen Stadt zur Last falle, sondern etlichen fremden Menschen und Ausländern, die Nichts mit Überlegung thun, sondern wie ihre Tollheit und Zügellosigkeit sie treibt. Nun wäre es ja nicht recht, um der Rohheit Weniger willen eine so große Stadt zu zertrümmern und an Menschen, die Nichts verbrochen, Strafe zu nehmen. Und ob sie auch alle gefehlt hätten, so haben sie schon hinreichende Strafe gelitten, da sie so viele Tage von Furcht verzehrt werden und jeden Tag zu sterben gewärtig sind und vertrieben und flüchtig ein kläglicheres Leben führen als verurtheilte Verbrecher und ihr Blut in den Händen tragen 7 und auf ihr Leben nicht trauen. Sei zufrieden mit dieser Strafe; gehe nicht weiter im Zorn; mache den Richter droben milde gegen dich durch Menschenfreundlichkeit gegen deine Mitknechte! Bedenke die Größe der Stadt, und daß es sich unter uns jetzt nicht um eine und zwei oder drei und um zehn Seelen handelt, sondern um unermeßlich viele Tausende, um die Hauptstadt des ganzen Erdkreises. 8 Dieß ist die Stadt, in der die Christen [S. 76] zuerst ihren Namen erhielten. Ehre Christum, achte die erste Heroldin dieses Namens, der Allem süß und theuer ist! Sie war die Herberge der Apostel, die Behausung der Gerechten. Auch ist dieß jetzt das erste und einzige Wagniß, das in ihr gegen die Machthaber geschah, und die ganze Vergangenheit gibt dem Charakter der Stadt Zeugniß. Denn wenn sie (die Antiochener) oft hinter einander sich empört hätten, müßte man sie der Bosheit beschuldigen. Da Dieß aber in der ganzen Zeit nur einmal geschehen, so ist wohl klar, daß nicht der Charakter der Stadt des Vergehens Quelle, sondern daß es die frevelhafte That derer ist, die ohne Fug und Recht in sie eingedrungen sind zu ihrem (der Stadt) Verderben.

1: Joh. 10, 11.
2: Beim Osterfeste. Das Original lautet kürzer: τῆς ἁγίας ἑορτῆς ἡ ἀνάγκη.
3: Gen. 29.
4: Exod. 32, 31. 32.
5: Matth. 18, 32. 33.
6: Ebend. 6, 12.
7: Τὸ αἷμα εν ταῖς χερσὶ βαστάζοντες — eine sprüchwörtliche Redensart bei einem, der jeden Augenblick sein gewaltsames Ende erwartet.
8: Dies Prädikat hat allerdings nur relative Geltung, wird aber in den folgenden Sätzen sofort motivirt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger