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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zweite Homilie.

8.

Dasselbe kann man auch in Bezug auf den Schlaf beobachten; denn weder weiche Pfühle, noch ein mit Silber umrändertes Bett, noch die im Hause herrschende Stille, noch irgend etwas Anderes der Art hat jeden Schlaf sanft und süß gemacht, wie Dieses geschieht, wenn uns nach Arbeit und Mühe das dringende Bedürfniß schlaftrunken hinstreckt. Und auch Dieß bezeugt nicht nur die Erfahrungder Sache, sondern bezeugt vor aller Erfahrung auch die Aussage der Schrift. Denn eben das will der im Wohlleben aufgewachsene Salomon ausdrücken, wenn er spricht:, „Dem Knechte ist der Schlaf süß, er habe wenig oder viel gegessen.” 1 Warum setzt er hinzu: „Er habe wenig oder [S. 67] viel gegessen?” Dieß Beides — Hunger und Völlerei — pflegt Schlaflosigkeit zu erzeugen. Jener dörret den Leib 2 aus und verknöchert die Augenlider und hindert sie sich zu schließen; diese zwängt und preßt den Athem zusammen und bereitet vielerlei Schmerzen. Aber dennoch ist die wohlthätige Kraft der Arbeit so groß, daß, ob auch Beides vorhanden wäre, der Knecht dennoch schlafen kann. Denn nachdem sie den ganzen Tag aller Orten umhergelaufen sind, ihre Herren bedienend, — zerschlagen, zerplagt, ohne die geringste Erholung: so empfangen sie für diese ihre Leiden und ihre Mühen in der Wollust des Schlafes hinreichende Vergeltung. Und zwar ist Dieß ein Werk der Menschenfreundlichkeit Gottes, daß das Vergnügen nicht käuflich ist für Gold und Silber, sondern für Mühe und Drangsal und Noth und jedwede Weisheit. 3 Aber nicht also die Reichen; vielmehr bleiben sie auf ihren Pfühlen oft die ganze Nacht schlaflos und kommen, soviel Künste sie auch anwenden, dennoch nicht zum Genusse eines solchen Vergnügens. Der Arme aber hat, wenn er von seinem harten Tagewerk abläßt, ermüdete Glieder, und kaum daß er sich niederlegt, überkömmt er einen vollständigen, süßen und tiefen Schlaf und empfängt auch darin einen nicht kleinen Lohn für seine rechtschaffenen Mühen. — [S. 68]

Wenn also der Arme mit größerem Vergnügen sowohl schläft als trinkt als ißt: welcher Werth bleibt dann dem Reichthum noch übrig? Selbst der Vorzug, den er vor der Armuth zu haben schien, ist ihm entrissen. Darum hat auch Gott von Anbeginn die Arbeit dem Menschen beigesellt, nicht aus Rache und zur Strafe, vielmehr um ihn weise zu machen und zu erziehen. Als Adam ein müheloses Leben führte, wurde er des Paradieses verlustig; als hingegen der Apostel ein mühseliges und drangvolles führte und sagte: „Tag und Nacht ringe ich mit Jammer und Drangsal,” 4 enteilte er ins Paradies und stieg in den dritten Himmel empor. Darum laßt uns die Mühe nicht schlecht machen und die Werkthätigkeit nicht herabsetzen; denn noch vor dem himmlischen Reiche empfangen wir dafür schon hienieden die reichste Vergeltung, indem wir das Vergnügen als Frucht des Werkes genießen, und nicht das Vergnügen allein, sondern, was viel höher ist als das Vergnügen, auch die reinste Gesundheit. Denn über die Reichen brechen außer der Unlust auch viele Krankheiten herein; die Armen sind den ärztlichen Händen entnommen. Und wenn sie auch je in Schwachheit verfallen, so sind sie schnell von selbst wieder hergestellt, da sie frei sind von Weichlichkeit und starke Körper besitzen. —

Ein großes Gut ist die Armuth für die, welche sie mit Weisheit ertragen, 5 ein unverlierbarer Schatz, der kräftigste Stab, das ungekränkteste Besitzthum, eine unangefochtne Behausung. „Aber,” sagt man, „der Arme wird übervortheilt!” Allein dem Reichen wird viel heftiger nachgestellt. „Der Arme,” sagt man, „wird verachtet und verhöhnt!” Allein der Wohlhabende wird beneidet. Nicht so leicht wird der Arme niedergeworfen, als Dieß beim Reichen leicht- [S. 69] lich der Fall ist, da er allenthalben wie dem Teufel, so den Widersachern zahllose Blößen darbietet und Aller Sklave ist durch den großen Umfang seiner Geschäfte. Wer auf den Dienst Vieler gestellt ist, der ist gezwungen, Vielen zu schmeicheln und mit knechtischer Unterthänigkeit aufzuwarten. Der Arme hingegen, wenn er Weisheit zu üben versteht, kann auch von dem Teufel selber nicht überwältiget werden. So war Job zwar vorher schon stark; als er aber Alles verlor, da ward er noch stärker und trug den glänzendsten Sieg über den Teufel davon. Übrigens kann der Arme auch nicht einmal verhöhnt werden, wenn er Weisheit zu üben versteht. Denn was ich von dem Vergnügen gesagt, daß es nicht auf der Kostbarkeit der Speisen, sondern auf der Verfassung der Gäste beruhe: Dasselbe sag' ich von der Verhöhnung, daß nämlich diese nicht von dem Willen der Höhnenden abhängt, sondern durch die Verfassung derer, die sie erdulden, je Kraft gewinnt oder vereitelt wird. Ich gebe ein Beispiel. Gesetzt, es habe dich Jemand aufs höchste und gröbste verhöhnt. Verlachst du seinen Hohn und greifst die Worte nicht auf und bleibst so über die Verwundung erhaben, so bist du gar nicht verhöhnt. Und wie wir, hätten wir einen diamantenen Leib, keine Wunden empfingen, ob auch von allen Seiten zahllose Geschoße auf uns fielen, — denn nicht die Hand, welche die Geschoße absendet, sondern die Leiber, welche sie auffangen, sind an den Wunden schuld —-: gerade so gewinnt auch hier die Verhöhnung und die Schmach derselben ihre Kraft nicht durch die Wuth der Verhöhner, sondern durch die Schwachheit der Verhöhnten. Denn wüßten wir Weisheit zu üben, so würden wir weder verhöhnt, noch sonst von einem Unglück getroffen werden können. D e r Mensch da hat dich verhöhnt; — aber es hat dich nicht gerührt noch geschmerzt: und so bist du auch nicht verhöhnt; ja viel eher hast du verwundet, als daß du verwundet bist. Denn wenn der Beleidiger sieht, daß sein Schlag die Seele der Geschmähten nicht trifft, so beißt es ihn selbst um so heftiger: und wenn die Verhöhnten in ruhigem [S. 70] Schweigen verharren, so wendet sich des Hohnes Geschoß von selber und trifft den, der es entsendet. 6

1: Pred. 5, 11.
2: Σῶμα — Andere lesen: πνεῦμα ═ Athem
3: Φιλοσοφία — ein bei Chrysostomυs oft und in gar mannigfacher Beziehung vorkommendes Wort. Im Allgemeinen begreift es zuweilen das Christenthum nach seinem ganzen Umfange; oft bedeutet es die Erkenntniß des wahren Verhältnisses der irdischen Dinge zu den göttlichen; zuweilen die praktische Seite des Christenthums oder die Darstellung des Glaubens im Leben, d. h. die Herrschaft des Geistes über die ihm verbundene Natur nnd die Unterwerfung des erstern unter Gott im vollkommenen Gehorsam gegen dessen Willen; am häufigsten bezeichnet es, wie hier, die Tugend der Entsagunq und Enthaltsamkeit. Die Mönche heißen darum vorzugsweise φιλόσοφοι und ihre strenge Lebensweise φιλοσοφία.
4: II. Kor. 11, 27.
5: Von der gezwungenen Armuth sagt unser Heiliger (Vom Priesterthume III. 16): „Sie ist ein unersättliches Übel, hat immer zu klagen und kennt keinen Dank.”
6: Tertulllan de patientia Kap. 8 sagt in dieser Beziehung: „Nämlich darum beleidigt man dich, daß es dich schmerze; denn der Gewinn des Beleidigers besteht im Schmerze des Gekränkten. Wenn du ihm also seinen Gewinn dadurch vereitelst, daß du keinen Schmerz fühlst, so muß er nothwendig selbst Schmerz empfinden über den Verlust seines Gewinnes.”

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger