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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zweite Homilie.

7.

Also damit wir kummerlos leben können, sind uns des Lebens Grundquellen gemeinsam; wiederum, auf daß wir Gelegenheit haben zu Kronen und Auszeichnungen, sind Geld und Gut nichts Gemeinsames geworden, damit wir den Geiz hassend und der Gerechtigkeit nachjagend, den Dürftigen mit dem Unsrigen beispringen und auf diesem Wege für unsere Sünden einiges Labsal empfangen. Hat Gott dich reich gemacht, was machst du selber dich arm? Er hat dich reich gemacht, daß du den Dürftigen helfest, daß du deine Sünden durch die Freigebigkeit gegen Andere tilgest. Er hat dir Schätze gegeben, nicht daß du sie zu deinem Verderben verschließest, sondern sie zu deinem Heile ausstreuest. Darum hat er auch ihren Besitz unsicher gemacht und nicht bleibend, um auch dadurch die tolle Gier nach ihnen zu brechen. Denn wenn jetzt, da die Besitzer nicht auf sie bauen können, sondern überdieß noch viele Fallstricke aus der Sache erwachsen sehen, sie dennoch von solcher Begierde nach ihnen entbrennen, — wenn noch Dieses beim Reichthum wäre, nämlich Festigkeit und Unwandelbarkeit, — was würden sie verschonen? wessen sich enthalten? welcher Wittwen, welcher Waisen? welcher Armen? Laßt uns also nicht dafür halten, daß der Reichthum ein großes Gut sei. Ein großes Gut ist nicht, Schätze besitzen, sondern Furcht Gottes und Frömmigkeit haben. Siehe, wenn jetzt Einer gerecht wäre und feste Zuversicht hätte zu Gott — und ob er unter allen Menschen der ärmste wäre, — es reichte hin, dem vorhandenen Mißgeschick ein Ende zu machen. Es reichte hin, daß er nur die Hände zum Himmel ausstreckte und Gott anriefe, und diese Wolke würde vorübergehen. So viel Gold liegt verwahrt und es nützt weniger als Koth zur Abwendung der Übel, die auf uns lasten. Nicht in dieser Fährlichkeit allein, sondern wenn uns Krankheit befällt oder der Tod oder etwas Anderes der Art, so zeigt sich die Macht der Schätze als Ohnmacht und kann uns an sich selber keine Linderung in den Unfällen bringen. Eines ist es, was der Reichthum vor der Armuth voraus zu haben scheint, nämlich Tag für Tag schwelgen und bei [S. 65] den Gelagen mit einer Fülle von Vergnügen sich mästen zu können. Jedoch das kann man auch an dem Tische der Armen sich ereignen, ja Letztere noch größeren Vergnügens genießen sehen, als alle Reichen zusammen. Und wundert euch nicht und haltet nicht für unglaublich, was ich da sage! Denn ich werde es durch die Darstellung der Sache selber klar machen. Denn ohne Zweifel wißt ihr und gesteht es alle selbst zu, daß bei den Gelagen das Vergnügen gewöhnlich nicht von der Beschaffenheit der Gerichte, sondern von der Stimmung der Gäste abhängt. Ich gebe ein Beispiel. Wenn Jemand mit Hunger zu Tisch geht, so wird ihm die Nahrung, und wäre sie die allerärmlichste, süßer schmecken als alle Zukost und Würze und zahllose Leckerbissen; wer aber das Bedürfniß nicht abwartet und bis zum Hunger ausharrt — was die Reichen thun — und dann erst zu Tische geht, der wird, ob er auch Kuchen darauf liegen fände, kein Vergnügen empfinden, weil seine Begierde nicht aufgeregt ist. Und damit du erkennest, daß die Sache sich auf diese Weise verhalte, so seid zunächst ihr alle deß Zeugen. Lasset uns aber auch die Schrift hören, welche eben Dasselbe sagt: „Denn eine gesättigte Seele,” heißt es, 1 „verspottet Honigwaben; aber einer hungrigen Seele dünkt auch das Bittere süß.” Und doch, was könnte es Süßeres geben als Waben und Honigseim ? Aber er erscheint dem nicht süß, den nicht hungert, heißt es. Was ist widriger als das Bittere? Allein es ist für Diejenigen süß, die in Hunger versetzt sind. Daß nun die Armen mit Noth und Hunger an die Sache gehen, die Reichen aber diesen nicht abwarten, ist männiglich bekannt. Darum werden letztere auch keines ächten und unverfälschten Vergnügens theilhaftig. Und nicht allein hinsichtlich der Speisen, sondern auch der Getränke kann man Dieß zutreffen sehen. Wie nämlich dort der Hunger statt der Beschaffenheit der Speisen das Vergnügen bewirkt, so pflegt auch hier der Durst [S. 66] das Getränk am süßesten zu machen, und ob es auch nur Wasser ist, was man trinkt. Gerade darauf deutet der Prophet hin, wenn er sagt: „Es sättigte sie Honig aus einem Felsen.” 2 Und doch lesen wir nirgends, daß Moses Honig aus einem Felsen hervorgelockt habe, sondern überall lesen wir von Strömen und Wassern und frischen Quellen. Wie verhält es sich denn mit diesem Ausspruch? Denn die Schrift lügt nimmer. Dieweil sie (die Israeliten) durstig und aufgerieben vor Mangel über das frische Wasser herfielen, so nennt die Schrift, indem sie die den Trunk begleitende Wollust bezeichnen will, das Wasser Honig, nicht als ob Dessen Natur in Honig verwandelt worden, sondern weil die Verfassung der Trinkenden Diesen jene Flüßigkeit süßer machte, denn Honig. Hast du gelernt, wie die Verfassung der Durstigen auch den Trank süß zu machen pflegt? Viele Arme haben nun, ermüdet und erschöpft und brennend vor Durst, oft mit der erwähnten Lust dergleichen Getränke genommen; die Reichen aber haben bei dem Genusse süßen Weines voll Blüthenduft und aller Tugend, die der Wein besitzen mag, das gleiche Vergnügen wohl nicht empfunden.

1: Sprüchw. 27, 7.
2: Ἐκ πέτρας μέλι ἐχόρτασεν αὐτοὺς. Montfaucon übersetzt nach der Vulgata: „de petra melle saturavit eos” — er sättigte sie mit Honig aus dem Felsen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger