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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zweite Homilie.

3.

Ich wollte meine Rede an dieser Stelle beschließen; denn die Seelen der Traurigen sind nicht geneigt, lange Reden auszuführen; sondern wie ein verdichteter Nebel, der das Sonnenlicht unterläuft, allen Glanz hinter sich zurückwirft: so gönnt auch die Wolke des Trübsinns, weil sie vor unserer Seele steht, dem Worte nicht freien Durchgang, sondern erstickt es und hält es mit mächtigem Zwang innen zurück. Und Dieß widerfährt nicht bloß denen, welche reden, sondern auch denen, welche hören; denn wie sie (die Wolke des Trübsinns) dasselbe (das Wort) verhindert, mit Leichtigkeit aus der Seele des Redenden herauszutreten, so gestattet sie ihm auch nicht, mit ganzer Gewalt in das Verständniß der Hörer einzufallen. Deßhalb vermochten auch einst die Juden, als sie in Lehmgruben und Ziegelhütten Frohndienste thaten, den Moses nicht anzuhören, so oft er von ihrer Errettung in hohen Worten sprach, weil der Trübsinn ihre Seele dem Worte unzugänglich machte und ihre Ohren verstopft hielt. So wollte ich denn auch selber meine Rede hier abbrechen: allein ich bedachte, daß die Wolke ihrer Natur nach nicht bloß dem Strahle den Flug nach vorwärts absperrt, sondern daß ihr oft gerade das Umgekehrte begegnet. Denn wenn die Sonne sehr warm herabfällt und lange an der Wolke zehrt, so reißt sie dieselbe oft mitten entzwei und fällt den Zuschauern blendend mit vollem Glanz in die Augen. Dieß hoffe auch ich heute zu thun. Ich erwarte, daß das Wort in anhaltendem Verkehre mit eueren Seelen und bei längerem Verweilen darin die Wolke des Trübsinns durchbrechen und euren Verstand wie sonst unterweisen und erleuchten werde. Aber übergebt mir [S. 52] euere Seele und schenket mir ein kurzes Gehör. Schüttelt die Traurigkeit ab; laßt uns zur frühern Sitte zurückkehren, und wie wir sonst immer mit frohem Sinn hieher zu kommen pflegten, so laßt auch jetzt uns thun und Alles auf Gott werfen! Dieß wird selbst die Lösung unseres Mißgeschicks fördern. Denn sobald der Herr sieht, daß wir sein Wort mit Sorgfalt anhören, und daß unsere Weisheit an der Ungunst der Zeiten nicht zu Schanden wird1, so wird er sich gleich unser annehmen und eine Windstille machen statt des jetzigen Sturmes und die guten Tage wiederkehren lassen. Denn der Christ muß sich auch darin von den Ungläubigen unterscheiden, daß er Alles edelmüthig erträgt und von der Hoffnung auf die zukünftigen Dinge beflügelt höher ist, als die Brandung der menschlichen Übel. Auf dem Felsen steht der Gläubige; deßhalb ist er den Brandungen der Wellen unbezwinglich; denn wenn sich die Wogen der Versuchungen heben, gelangen sie nicht zu seinen Füßen: er steht über alle solche Anfechtungen erhaben. Lasset uns also nicht verzagen, Geliebte! Wir selbst sind lange nicht so um unsere Rettung besorgt als Gott, der uns gemacht hat; wir selbst kümmern uns nicht so sehr, das Schmerzliche von uns abzuwenden, als der, welcher uns das Leben geschenkt, und dazu so große Güter verliehen! Von solchen Hoffnungen beflügelt laßt uns die nachfolgende Betrachtung mit dem gewohnten Eifer anhören!

Ich stellte neulich vor euerer Liebe eine längere Erörterung an und sah, daß Alle mir folgten und Keiner im Laufe derselben sich abwandte. Für diesen Eifer weiß ich euch Dank und habe darin den Lohn für meine Bemühung empfangen. Aber außerdem begehrte ich damals von euch [S. 53] noch einen andern Lohn. Vielleicht wißt ihr es und erinnert euch noch. Was war das für ein Lohn? Die Gotteslästerer in der Stadt solltet ihr strafen und zur Vernunft bringen, die Frevler wider Gott und sein Gesetz im Zaume halten. Ich glaube nicht, daß ich Dieß aus mir selbst gesagt, sondern daß Gott, der die Zukunft vorher kennt, die Worte unserem Geiste eingeflößt habe. Denn hätten wir diese Frevler gestraft, so würde jetzt, was geschehen ist, wohl nicht geschehen sein; wie viel besser wäre es gewesen, diese zu bestrafen und zur Ordnung zu bringen, auch auf die Gefahr hin, darob zu leiden — Dieß hätte uns überdieß die Krone des Martyrthums zu Wege gebracht, — als daß wir ietzt zagen und zittern und den Tod gewärtigen müssen! Siehe, das Verbrechen ist die That Weniger, die Anklage trifft das Ganze. Siehe, ihretwegen sind wir jetzt alle in Furcht, und für das, was sie gewagt, erleiden wir die Strafe. Wären wir ihnen zuvorgekommen und hätten sie aus der Stadt verbannt, hätten wir sie zur Vernunft gebracht und das erkrankte Glied wieder hergestellt, so würde uns die gegenwärtige Furcht nicht drücken. Ich weiß, daß edle Sitte von Alters her in dieser Stadt herrscht; aber fremde und zusammengelaufene Menschen, verworfenes Gesindel, das seiner Seelen Seligkeit längst aufgegeben, — sie haben das Mögliche gewagt. Darum habe ich nicht aufgehört, immer zu rufen und euch zu beschwören: „Laßt uns die tollen Lästerer strafen, laßt uns ihre Gesinnung bessern, laßt uns Sorge tragen für das Heil ihrer Seele, und sollten wir auch sterben müssen ob dieser That! Großen Gewinn wird diese Sache uns bringen. Lasset uns unsern gemeinsamen Herrn nicht vernachlässigen, wenn er verspottet wird. Großes Unheil muß es der Stadt gebären, wo man auf Dergleichen nicht achtet.”

1: „καὶ (ἂν ἴδῃ ὁ θεὸς) τὴν φιλοσοφίαν ἡμῖν οὐκ ἐλεγχομένην τῇ τοῦ καιροῦ δυσχολίᾳ“ — Montf. übetsetzt: et et disciplinam a nobis ... non respui. Es wäre somit „disciplina” eine Züchtigung von Seite Gottes. Der Sinn wäre sehr annehmbar, aber φιλοσοφία ═ disciplina?

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger