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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Zweite Homilie.

2.

Aber nicht darüber erröthe ich und schäme ich mich. Möge Allen das Mißgeschick unserer Stadt kund werden, auf daß sie mittrauernd mit ihrer Mutter im ganzen Lande Alle insgemein die Stimme zu Gott erheben und einmüthig die gemeinschaftliche Mutter und Ernährerin1 Aller vom Könige des Himmels erflehen. Neulich erbebte die Stadt 2, aber jetzt zittern selbst die Seelen ihrer Bewohner; damals erbebten die Grundfesten der Gebäude; jetzt wankt der Grund eines jeglichen Herzens und Alle sehen wir jedweden Tag den Tod vor Augen und beben beständig vor Furcht und leiden die Strafe des Kain; wir sind in einer beklagenswerthern Lage als Alle, die je den Kerker bewohnten und erleiden eine Belagerung besonderer und neuer Art, die viel schrecklicher ist als eine gewöhnliche; denn die, welche dieß von den Feinden erleiden, sind doch nur innerhalb der Mauern verschlossen; uns aber ist auch der Markt unzugänglich geworden und Jeder ist in die Wände seines Hauses gebannt. Und wie es für die Belagerten nicht sicher ist, die Ringmauer zu überschreiten, weil draußen die Feinde sie rundum besetzt halten: so ist es auch für viele Bewoh- [S. 49] ner unserer Stadt nicht gerathen, auszugehen und sich öffentlich sehen zu lassen, wegen Derjenigen, die von allen Seiten auf Unschuldige und Schuldige Jagd machen und die Leute mitten auf dem Markte festnehmen und sie ohne Umstände, und wie es kommt, vor den Richterstuhl schleppen. Deßhalb sitzen die Herren sammt ihren Sklaven wie mit geschlossenen Füßen darin; — wen hat man ergriffen? wen abgeführt? wer ist heute bestraft worden? wie und auf welche Art? — das sind ihre Sorgen und Fragen an die, von denen sie Dergleichen sicher erfahren können, und das Leben, welches sie führen, ist elender als jeglicher Tod; denn Tag für Tag sind sie genöthiget, über fremdes Unglück zu klagen, zitternd für ihr eigenes Heil; ja sie sind in keiner bessern Lage als die Todten, da sie schon lange vor Furcht gestorben sind. Und ist etwa Jemand von dieser Furcht und Todesangst frei und möchte den Markt besuchen, so treibt ihn der unerfreuliche Anblick desselben flugs in seine Wohnung zurück; denn kaum sieht er Einen oder Zwei gebückt und niedergeschlagen einherschleichen, wo vor wenigen Tagen die Menschenmenge Wasserströme überbot; aber nun sind sie uns Alle verscheucht. Und wie ein (früher) dichter Wald, wenn aller Orten eine Menge Bäume herausgehauen sind, einen unergötzlichen Anblick gewährt, gleich einem mit vielen Glatzen übersäeten Kopf: gerade so ist auch das Pflaster der Stadt, jetzt wo die Menschen spärlich sind und nur Wenige zerstreut sich blicken lassen, unerquicklich geworden und breitet über Alle, die es sehen, eine dunkle Wolke des Unmuthes aus. Und nicht das Pflaster allein, sondern auch die Natur der Luft und die strahlende Sonnenscheide selber scheint mir jetzt zu trauern und düsterer zu schauen; nicht als hätte sich die Natur der Elemente verwandelt, sondern weil unsere vom Nebel der Betrübniß verfinsterten Augen das Licht der Sonnenstrahlen nicht rein und unbefangen wie sonst aufzufangen vermögen. Das ist es, was der Prophet vor Alters klagte, wenn er sprach: „Die Sonne wird ihnen am Mitiag untergehen und der Tag dunkel [S. 50] werden.” 3 Dieses sagte er aber, nicht als ob das Gestirn sich verbergen oder der Tag selbst erblassen sollte, sondern weil die Entmuthigten auch am Mittag das Licht vor dem Dunkel des Schmerzes nicht zu sehen vermögen. Das nun ist auch jetzt der Fall: und wohin man immer blickt, ob auf das Pflaster, ob nach den Wänden, ob nach den Säulen der Stadt, ob auf die Nachbarn, — man glaubt in Nacht und tiefes Dunkel zu schauen; so voll schwerer Trauer ist Alles: überall eine schreckliche Stille und Öde; verhallt ist jenes erwünschte Getümmel der Menge, und wie wenn Alle von der Erde verschlungen wären, so lautlos steht jetzt unsere Stadt; Alle gleichen den Steinen und beobachten das dumpfeste Schweigen, als hätte das Unglück ihre Zunge gefesselt: so dumpf, wie es zu sein pflegt, wenn die Feinde eindringen und Alles zumal mit Feuer und Schwert verwüsten. Nun ist es an der Zeit zu sagen: „Sendet nach den Klageweibern, daß sie kommen, und nach den klugen Frauen, daß sie ihr Lied anstimmen,” 4 Euere Augen sollen Thränen vergießen und euere Wimpern Wasser träufeln. Ihr Hügel erhebet Geheul, und Wehegeschrei, ihr Berge! Laßt uns die ganze Schöpfung aufrufen zur Mittrauer über unser Mißgeschick! Eine Stadt von solcher Größe und das Haupt derer, die gen Morgen liegen, 5läuft Gefahr, mitten vom Erdboden ausgerottet zu werden. Nun ist die Kinderreiche plötzlich kinderlos geworden, und es kann Keiner ihr helfen; denn der Beleidigte hat auf Erden nicht Seinesgleichen. Der König (Kaiser) ist es, Gipfel und Haupt aller Menschen auf Erden. 6 Ebendeßhalb laßt uns [S. 51] zu dem Könige droben unsere Zuflucht nehmen; ihn laßt uns zu Hilfe rufen! Wird uns nicht Gnade von oben zu Theil, so bleibt uns über das Geschehene weiter kein Trost.

1: „Mutter” und „Ernährerin” war Antiochia als Hauptsttadt von Syrien und sehr wichtiger Handelsplatz, sowie als Sitz des Patriarchen in geistlicher Hinsicht.
2: Kurz vorher hatte ein Erdbeben Statt gefunden.
3: Amos 8, 9.
4: Jerem. 9, 17.
5: Auch bei Eusebius (Vit. Constant. 3, 50) heißt Antiochien „die Hauptstadt des Orients” (ἡ ἀνατολικἡ μετρόπολις).
6: Nämlich in politischer und irdischer Beziehung, nicht aber in kirchlicher Hinsicht. Denn in letzterer sagt Chrysostomus (Hom. de stat. III., 2) ausdrücklich: „Er selber (der Bischof Flavian) ist ein Fürst und ein ehrwürdigerer Fürst als Jener (der Kaiser Theodosius); denn das königliche Haupt selber haben die heiligen Gesetze durch ihr Gebot den Händen desselben untergeordnet; und so oft ein Gut von oben zu erlangen steht, pflegt der König zum Priester, nicht der Priester zum Könige seine Zuflucht zu nehmen.”

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger