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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Erste Homilie.

7.

Daß aber gerade sie (die Leiden) sehr viel dazu beitragen, die Macht Gottes zu offenbaren: auch das vernimm von demselben Apostel, der Dieß früher gesagt hat. Auf [S. 27] daß du nämlich nicht sagest, was die Ungläubigen wähnen, daß Gott, der Solches zuläßt, ein Schwächling sei und darum, weil er die Seinen den Gefahren nicht zu entreissen vermag, gestatte, daß sie unaufhörlich geplagt werden: so gib auch darauf Acht, wie Paulus durch jene Stelle beweist, daß Fälle solcher Art Gott nicht allein der Schwäche nicht zeihen, vielmehr die Macht desselben Allen herrlicher kund thun. Denn, nachdem er gesagt: „Mir ist ein Stachel in's Fleisch gegeben, ein Engel des Satan, daß er mir Faustschläge gebe,” womit er seine beständigen Versuchungen bezeichnet, setzt er hinzu: „Um deßwillen habe ich dreimal den Herrn gebeten, daß er von mir weiche.” Und er sagte zu mir: „Meine Gnade genügt dir; denn meine Kraft wird in der Schwachheit vollkommen.” 1 Dann offenbart sich meine Kraft, sagt er, wenn ihr in Schwachheit seid und durch euch, die ihr schwach zu sein scheinet, das Wort des Evangeliums gemehrt und überall hin ausgesäet wird. So hat der Apostel, nachdem er zahllose Schläge empfangen hatte und in den Kerker geworfen worden war, den Kerkermeister gefesselt. Seine Füße lagen im Block, seine Hände in Ketten; und das Gefängniß erbebte mitten in der Nacht, als sie Gott lobten. 2Siehst du, wie die Kraft Gottes in den Schwachen sich mächtig erwies? Wäre Paulus, als jenes Haus erbebte, nicht gebunden gewesen, so wäre die Begebenheit nicht in dem Grade wunderbar. Deßhalb sagt Gott: Bleibe in den Banden, und die Mauern sollen allenthalben erschüttert und die Gefangenen los werden, damit meine Macht um so herrlicher kund werde, wenn durch dich, der selbst an Händen und Füßen gefesselt ist, alle Gefangenen frei werden. Gerade Dieses nun versetzte auch dazumal den Kerkermeister in Staunen, daß der Apostel, obwohl so schwerem Zwang unterliegend, durch bloßes Gebet die Grundvesten zu erschüttern, die Thüren des Kerkers zu öffnen und die Gefesselten allesammt zu lösen vermochte. Aber nicht [S. 28] hier allein, sondern auch bei Petrus, und bei Paulus noch sonst, und bei allen andern Aposteln kann man Dieses immerfort zutreffen sehen, daß Gottes Gnade in den Verfolgungen immer emporblüht und sich in den Trübsalen zeigt und so dessen Obmacht verkündet. Deßhalb sagt er: „Meine Gnade genügt dir; denn meine Kraft wird in der Schwachheit vollkommen.”

Ferner daß auch Viele oft Höheres hinter ihnen gesucht haben würden, als menschliche Natur verträgt, wenn sie dieselben nicht so schwer hätten leiden sehen, höre wie Paulus selbst Dergleichen befürchtet: „Denn wenn ich mich auch rühmen wollte,” spricht er, „wäre ich darum nicht thöricht. Ich enthalte mich aber dessen, auf daß mich Niemand höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.” 3 Was will er damit sagen? Ich könnte, meint er, noch viel größere Wunder erzählen; aber ich will nicht, damit die Größe der Zeichen keine zu hohe Meinung von mir in den Menschen erwecke. Als deßhalb Petrus den Lahmen aufgerichtet hatte und Alle ihn anstaunten, beschwichtigt er sie, indem er sie belehrt, wie er Nichts von sich selber noch aus eigenen Mitteln vollbracht, und sagt: „Was sehet ihr auf uns, als hätten wir Diesen wandeln gemacht durch eigene Kraft oder Frömmigkeit?” 4 Und in Lystra waren die Leute abermals nicht bloß voll Verwunderung, sondern brachten auch Ochsen mit Kränzen und unterfingen sich, dem Paulus und dem Barnabas zu opfern. Siehe da des Teufels Tücke! Durch welche der Herr den Erdkreis vom Götzendienste zu reinigen suchte, durch eben Diese trachtete Jener ihn einzuführen und wollte aufs Neue dazu verleiten, Menschen für Götter zu halten, was er auch in den frühern Zeiten gethan hatte. Und Dieß ist es vorzüglich, was dem Götzendienste den Anfang und die Wurzel gegeben. Denn Viele, welche glückliche Kriege geführt und Siegesdenkmäler errichtet und Städte erbaut und den Zeitgenossen andere der- [S. 29] gleichen Wohlthaten erwiesen hatten, wurden von der Menge für Götter gehalten und mit Tempeln und Altären geehrt, und das ganze Register der heidnischen Götter besteht aus solchen Menschen. Damit nun Dieß nicht auch mit den Heiligen geschähe, ließ Gott es zu, daß sie unaufhörlich gejagt und gegeißelt wurden und in Krankheiten fielen, daß das Übermaß des körperlichen Leidens und die Menge der Versuchungen die damals Lebenden überzeugte, daß es auch nur Menschen seien, die solcherlei Wunder verrichteten, und sie Nichts aus sich selber beibrächten, sondern die Gnade Gottes allein Alles durch sie bewirkte. Denn wenn sie Diejenigen, welche so Geringes und Unbedeutendes thaten, für Götter hielten: um wie viel höher würden sie Diejenigen — wäre ihnen nichts Menschliches begegnet — gestellt haben, welche Dinge verrichteten, die bisher Niemand weder gesehen noch gehört hatte? Denn da, obschon sie (die heiligen Apostel) gegeißelt, von Felsen gestürzt, in Fesseln geschlagen, hin und her gejagt wurden und täglich in Gefahr schwebten, dennoch Einige auf diesen gottlosen Gedanken verfielen; wie viel mehr wären sie darauf verfallen, wenn denselben nichts Menschliches begegnet wäre!

1: II. Kor. 12, 8. 9.
2: Apostelg. 16.
3: II. Kor. 12, 6.
4: Apostelg. 3, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger