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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Erste Homilie.

3.

Aber bevor ich die Lösung zu diesen Zweifeln bringe, erlaubet mir, Etwas über die Tugend des Timotheus und die Sorgsamkeit des Paulus zu sagen; denn was kann es wohl Liebevolleres geben, als, daß dieser in so großer Entfernung verweilend und mitten in so vielen Geschäften für die Gesundheit des Magens seines Schülers eine solche Vorsorge trägt und mit Genauigkeit über die Hebung der Krankheit an ihn schreibt? Was kömmt andrerseits der Tugend des Timotheus gleich? So sehr verachtete er das Wohlleben und verlachte er einen kostbaren Tisch, daß er aus zu harter Zucht und zu weit getriebenem Fasten sogar in Krankheit verfiel. Denn daß er nicht von Natur aus so war, sondern die Kraft seines Magens durch Fasten und Wassertrinken gelähmt hatte, höret das den Paulus selbst mit Bestimmtheit angeben; denn er sagt nicht schlechthin: „Genieße ein wenig Wein,” sondern sagt zuvor: „Trink nicht mehr Wasser,” 1und dann fügt er erst den Rath zum Weintrinken bei. Dieses „nicht mehr” zeigt aber an, daß er bis dahin Wasser getrunken und sich dadurch geschwächt habe. Wer sollte nun seine Weisheit und Sorgfalt nicht anstaunen? Er hatte den Himmel selber errungen und den Gipfel der Vollkommenheit erstiegen. Dieß bezeugt ihm auch sein Lehrer, indem er also spricht: „Ich habe den Timotheus zu euch gesandt, welcher ist mein lieber und ge- [S. 18] treuer Sohn im Herrn.” 2 Wenn aber Paulus ihn seinen Sohn nennt und seinen lieben und getreuen Sohn, so reichen diese Worte hin, seine ganze Tugend zu zeigen. Denn die Richtersprüche der Heiligen geschehen nicht nach Gunst, noch aus Feindschaft, sondern sind von aller Parteilichkeit frei. Timotheus stünde nicht so zu beneiden, wäre er des Paulus leiblicher Sohn, als er jetzt bewundert zu werden verdient, daß er, der dem Fleische nach nichts mit ihm gemein hatte, durch eine demselben verwandte Wachsamkeit und durch sorgfältige, allseitige Bewährung der von ihm empfangenen Lehren der christlichen Weisheit sich bei ihm Sohnesstelle erworben. Denn gleichwie ein dem Stiere beigeselltes Kalb, so zog er mit ihm das Joch überall auf dem Erdkreise und ward in Nichts gehindert durch seine Jugend, sondern sein Eifer machte ihn tauglich, wetteifernd die Mühen seines Lehrers zu theilen. Und dessen ist wieder Paulus selbst, der also spricht, Zeuge: „Daß ihn nun Niemand verachte; denn er treibt das Werk des Herrn, gleichwie ich.” 3Siehst du, daß er ihm einen gleichen Eifer zuspricht? Sodann stellt er, damit man nicht glaube, er sage Dieses aus Gunst, die Leser selbst über die Tugend seines Sohnes als Zeugen mit folgenden Worten: „Ihr aber wisset, daß er bewährt. ist; denn wie ein Kind dem Vater, so hat er mir gedient im Evangelium.”4Ihr habt von seiner Tugend und seinem erprobten Herzen Beweise erhalten. Aber obschon er zu einer solchen Höhe der Vollkommenheit gelangt war, überließ er sich doch nicht der Sicherheit, sondern verharrte im Kampf und in der Furcht. Deßhalb fuhr er fort, mit Strenge zu fasten, und ließ sich nicht zu Schulden kommen, was so Viele, die, wenn sie nur zehn oder zwanzig Monde gefastet, alsbald Allem ein Ende machen. Er aber ließ sich nichts Dergleichen zu Schulden kommen, sagte auch nicht so Etwas bei sich selber: „Was nützt mir das weitere Fasten? Ich habe gesiegt, habe die Lüste bezwungen, meinen Leib [S. 19] abgetödtet, habe böse Geister verscheucht, den Teufel verjagt, habe Todte erweckt, Aussätzige gereinigt und bin den feindseligen Gewalten furchtbar. Was brauche ich weiter zu fasten und mich von dieser Seite sicher zu stellen?” Nichts Dergleichen sagte noch dachte er bei sich, sondern je größer die Fülle seiner Verdienste war, um so mehr fürchtete und zitterte er. Und diese Weisheit hatte er von seinem Meister erlernt. Denn auch dieser, der in den dritten Himmel entrückt und ins Paradies entführt worden ist, der unaussprechliche Worte gehört und solcher Geheimnisse theilhaftig geworden, der den ganzen Erdkreis wie geflügelt durcheilt hat, sagt in einem Briefe an die Korinther: „Ich fürchte, während ich Andern predige, selbst verwerflich zu werden.” 5 Wenn aber Paulus nach so vielen und großen Erfolgen sich fürchtet — er, der sagen konnte: „Mir ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt;” 6um wie viel mehr müssen wir in Sorgen sein, und um so mehr, je zahlreichere Vollkommenheiten wir errungen haben! Denn auch der Teufel wird alsdann wilder; dann mehrt sich seine Wuth, wenn er sieht, daß wir über unser Leben sorgfältig haushalten. Wenn er sieht, daß die Lasten guter Werke bereit liegen und die Ladung voll ist, dann sucht er uns einen um so schwerern Schiffbruch zu bereiten. Denn wenn auch ein Nichtswürdiger und Verworfener zum Straucheln und Falle gebracht wird, so bringt das dem Gemeinwesen keinen bedeutenden Schaden. Wenn aber Jemand, der auf dem Gipfel der Tugend wie auf einer Anhöhe steht und weit umher sichtbar ist, den Alle im Auge und im Munde haben, und den Alle bewundern — wenn ein Solcher verlockt wird und fällt, so ist sein Fall groß und verderblich; nicht allein, weil er von der Höhe gefallen, sondern weil er auch Viele, die auf ihn schauen, sorgloser macht. Und gleichwie, wenn irgend ein anderes Glied am Leibe verdirbt, der Nachtheil nicht so groß ist; aber sobald die Augen verletzt oder der Kopf beschädigt [S. 20] worden, der ganze Leib unbrauchbar wird: ganz Dasselbe läßt sich auch von den Heiligen und Tugendhelden behaupten. Wenn ihr Licht erlischt, wenn sie mit irgend einem Schandfleck sich besudeln, so verursachen sie dem übrigen Leibe einen durchgreifenden und unerträglichen Schaden.

1: I. Tim. 5, 23.
2: I. Kor. 4, 17.
3: I. Kor. 16, 10 —11.
4: Phil. 2, 22.
5: I. Kor. 9, 27.
6: Gal. 6, 41.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger