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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Erste Homilie.

2.

Da nun der Reichthum so groß ist, so wollen wir uns selber ermuntern und das, was gesagt wird, wachen Geistes aufnehmen. Denn ich bin gesonnen, mit der Predigt zu einer beträchtlichen Tiefe hinabzusteigen. Vielen nämlich schien diese Ermahnung (des Apostels) sich so nebenhin zu schleppen und etwas Überflüssiges zu sein; und sie sagen nun so: „Konnte denn Timotheus nicht von selber einsehen, was ihm zweckdienlich wäre? Warum wartete er, es von seinem Lehrer zu erfahren? Ferner, warum gab ihm der Lehrer nicht bloß einen Rath, sondern legte ihn auch in Schriften nieder und grub ihn wie auf einer ehernen Säule in dem Briefe an ihn ein? Und warum erröthete er nicht, über dergleichen dem Schüler in einem öffentlichen Briefe zu schreiben? — Damit du nun lernest, wie jene Ermahnung nicht nur nicht sich nebenher schleppt, sondern nothwendig und höchst heilsam war, und wie es nicht Pauli [S. 15] Werk, sondern das der Gnade des Geistes ist, daß sie nicht bloß ausgesprochen, sondern auch schriftlich verfaßt und allen künftigen Geschlechtern durch diesen Brief überliefert wurde: so will ich mich sofort daran machen, Dieses zu zeigen. Denn außer den angeführten Bedenken haben Manche noch einen andern, nicht geringern Zweifel, indem sie bei sich fragen, warum es Gott zuließ, daß ein Mann, der so große Zuversicht hatte, dessen Gebeine und Überreste Teufel austrieben, in ein solches Siechthum verfiel. Denn nicht einmal war er krank, sondern immer und ununterbrochen und an auf einander folgenden und fortdauernden Anfällen, die ihm auch nicht im Geringsten aufzuathmen vergönnten. Woraus erhellt das? Aus Pauli Worten selbst. Denn er sagt nicht: „deiner Krankheit wegen,” sondern: „deiner Krankheiten wegen,” und nicht bloß „Krankheiten,” sondern „deiner häufigen Krankheiten wegen” sagt er, um ihre anhaltende Wiederkehr zu bezeichnen. Das mögen Alle hören, welche, einem langen Siechthume hingegeben, darüber mißmuthig und verzagt werden. Aber nicht das allein, daß er, obwohl ein Heiliger, krankte und so anhaltend krankte, ist es, was Bedenken erregt, sondern daß ihm überdieß die gemeinsamen Angelegenheiten der ganzen Welt anvertraut waren. Denn wäre er Einer von Jenen gewesen, die auf den Gipfeln der Berge als Einsiedler lebten und ihre Zelle in der Wüste aufschlugen und ein geschäftloses Leben 1führten, so wäre die Frage nicht so bedenklich. Daß aber ein Mann, der mitten in die Welt geworfen, dessen Händen die Sorge für so viele Kirchen anvertraut war, und der mit solchem [S. 16] Eifer und Fleiß seine Wirksamkeit über ganze Städte und Völker, ja über den ganzen Erdkreis ausdehnte, der Noth der Krankheit preisgegeben worden: dieß ist es vornehmlich, was den Unachtsamen vor Allem zu beunruhigen vermag; denn Timotheus hätte, wenn auch nicht seinetwegen, doch um der Andern willen gesund sein sollen. Er war ein höchst ausgezeichneter Feldherr. In Krieg war er verwickelt, heißt es, nicht nur mit den Ungläubigen, sondern auch mit den bösen Geistern und mit dem Teufel selber. Mit großem Ungestüm brachen die sämmtlichen Feinde herein, zerstörten das Heereslager und machten Gefangene. Dieser konnte viele Tausende zur Wahrheit zurückführen, und lag krank! Und wenn auch, heißt es, von diesem Siechthum den Dingen kein anderer Schaden erwuchs, so war Dieses allein doch schon hinreichend, die Gläubigen verdrossener und leichtsinniger zu machen. Denn wenn Krieger, die ihren Führer an das Bett gefesselt sehen, verdrossener und zum Kampfe saumseliger werden: wie viel natürlicher war es, daß auch den Gläubigen, die ihren Lehrer, der so viele Zeichen gethan, unaufhörlich kränkeln und körperlich leiden sahen, damals etwas Menschliches widerfuhr? Aber nicht das allein finden die Zweifler bedenklich; denn warum hat ferner weder er sich selber, noch sein Lehrer den so schwerkranken geheilt? Weckten sie ja sogar Verstorbene auf, trieben Teufel aus und bestanden ohne Mühe den Tod; aber einen einzigen siechen Leib richteten sie nicht auf; ja sie, welche im Leben und nach dem Tode an fremden Leibern eine solche Macht an den Tag legten, stellten sogar nicht einmal einen geschwächten Magen wieder her! Und was mehr ist, Paulus schämt sich nicht und erröthet nicht, nach so vielen und gewaltigen Zeichen, die er oft durch ein bloßes Wort gethan hatte, dem Timotheus zu schreiben, daß er zum Genusse des Weines als einem Heilmittel seine Zuflucht nehme. Nicht als ob das Weintrinken schimpflich wäre — das sei ferne; denn das ist eine Satzung der Ketzer, 2sondern daß er es nicht für eine Schmach [S. 17] hielt, ohne Hilfe jenes Mittels nicht ein einziges krankes Glied herstellen zu können! Ja soweit war er entfernt, sich dessen zu schämen, daß er es sogar der ganzen Nachwelt zur Kenntniß kommen ließ. Seht ihr, bis zu welcher Tiefe wir mit dem Texte hinabgekommen sind? — Wie das, was unbedeutend erscheint, strotzet von zahllosen Fragen? Wohlan, bringen wir nun auch die Lösung. Denn darum sind wir in eine so beträchtliche Tiefe gestiegen, um, nachdem wir euer Nachdenken erregt, euren Sinn sicher zu machen und zu befestigen.

1: „τὸν ἀπράγμονα βίον. Die Einsiedler führten insofern ein geschäftsloses Leben, als sie ein öffentliches Amt (im Staat oder in der Kirche) nicht bekleideten. Aber daß sie dessen ungeachtet auf mannigfache Weise in die öffentlichen Angelegenheiten eingriffen, lehrt z. B. gleich die Geschichte des antiochenischen Aufstandes, der ungeheuern Macht zu geschweigen, welche ihr religiöses Beispiel auf die gesammte christliche Welt ausübte.” Wagner.
2: Der Enkratiten und Manichäer,

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger