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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Erste Homilie.

12.

Indessen weil jetzt die Rede auf die Lästerung kam, so will ich von euch Allen Einen Dank fordern für diese Predigt und Auseinandersetzung, nämlich: daß ihr mir die Lästerer in der Stadt zur Ordnung bringt. Hörst du Jemand auf der Straße oder mitten auf dem Markte Gott lästern, so tritt hinzu, schelte ihn; und wenn du ihm Schläge geben müßtest, weigere dich dessen nicht; haue ihm in's Gesicht, zerschmettere ihm den Mund, heilige deine Hand durch den Schlag; und wenn Jemand dich verklagt und dich vor Gericht zieht, so folge ihm; und wenn der Richter auf dem [S. 42] Stuhle Rechenschaft fordert, so sage mit Freimuth, daß er den König der Engel gelästert. Denn wenn die, welche den König auf Erden lästern, bestraft werden müssen, wie viel mehr die, welche jenen verhöhnen! Es ist ein allgemeiner Verstoß, ein öffentliches Unrecht; jedem, der will, gebührt es, darüber Klage zu führen. Mögen sowohl Juden als Heiden erfahren, daß die Christen die Retter der Stadt sind, ihre Beschützer, Vormünder und Lehrer! Mögen ebenso die Zuchtlosen und Frevler erfahren, daß sie auch die Knechte Gottes zu fürchten haben, auf daß sie, wenn es ihnen einfällt, dergleichen Dinge auszustossen, sich nach allen Seiten umsehen, und vor den Schatten zittern, voll Angst, ob auch etwa ein Christ sie höre, und herzuspringe und sie kräftig bestrafe. Hast du nicht vernommen, was Johannes gethan? Er sah einen Tyrannen die Gesetze der Ehe umstossen und sprach mit Freimuth vor allem Volk: „Es ist dir nicht erlaubt, das Weib deines Bruders Philipp zu haben!” 1 Ich aber sende dich nicht gegen einen Tyrannen, nicht gegen einen Richter, nicht gegen eine ungesetzliche Ehe, auch nicht zum Besten mißhandelter Mitknechte, sondern gegen den Frevelmuth wider deinen Herrn, und nur den Gleichgestellten wünsche ich von dir gezüchtigt zu sehen. Wenn ich dir sagte: „Strafe die Könige und weise sie zurecht, und die Richter, die wider das Gesetz handeln,” — würdest du nicht unfehlbar erwidern: ich rase? Und doch hat dieß Johannes gethan; so ist auch das nicht über unsere Kräfte. Nun aber, ob du auch nur den Mitknecht und Deinesgleichen zurechtweisest und dich selbst mit Todesgefahr nicht sträubst, den Bruder zur Vernunft zu bringen, so ist dieses dein Martyrthum. Denn auch Johannes war ein Martyrer; und doch wurde ihm nicht befohlen zu opfern, oder einen Götzen anzubeten, sondern für das heilige, geschändete Gesetz gab er sein Haupt hin. Darum kämpfe auch du bis zum Tode für die Wahrheit, dann wird der [S. 43] Herr auch für dich streiten. Und sage mir nicht jenes kalte Wort: „Was kümmert's mich? Ich habe Nichts mit ihm gemein.” Nur mit dem Teufel haben wir Nichts gemein; mit den Menschen allen haben wir gar Vieles gemein. Denn sie sind mit uns derselben Natur theilhaftig, bewohnen dieselbe Erde, nähren sich mit derselben Nahrung, haben denselben Herrn, haben dieselben Gesetze empfangen, sind mit uns zu denselben Gütern berufen. Laßt uns also nicht sprechen, als hätten wir Nichts mit ihnen gemein! Denn das ist des Satans Stimme, ist teuflische Unmenschlichkeit! Darum lasset uns nicht so sprechen, sondern die geziemende Sorgfalt für die Brüder an den Tag legen. Ich verspreche mit voller Sicherheit und bin euch Allen Bürge, daß wenn nur ihr Alle, die ihr hier zugegen seid, die Sorge für das Heil der Einwohner dieser Stadt unter euch theilen wollt, sie uns bald vollständig gebessert sein soll. Und doch ist nur der kleinste Theil der Stadt zur Stelle — der kleinste an Zahl, der hauptsächlichste in Rücksicht der Frömmigkeit! Laßt uns also bemüht sein um das Heil unserer Brüder! Ein von Eifer entflammter Mensch reicht hin, ein ganzes Volk aufzurichten! Da es nun nicht Einer, noch zwei oder drei, sondern eine so große Menge ist, die sich mit der Sorge für die Verwahrlosten abgeben kann, so geht aus keinem andern Grunde, sondern allein durch unsern Leichtsinn, und nicht ob unserer Schwäche, die Masse verloren und fällt in's Verderben. Denn ist es nicht ungereimt? wenn wir einen Streit auf dem Markte sehen, treten wir hinzu und bringen die Streitenden auseinander — was sage ich einen Streit? wenn wir einen Esel niederstürzen sehen, eilen wir Alle, die Hände zu bieten und ihm aufzuhelfen — und die Brüder, die in's Verderben eilen, vernachläßigen wir? Der Lästerer ist ein Esel, der die Last des Zornes nicht zu tragen vermochte und niederfiel. Geh hinzu und hilf ihm auf durch Wort und That, mit Sanftmuth und Strenge. Die Heilmittel seien mannigfaltig! Und wenn wir so über uns haushalten und so uns des Seelenheils unserer Nächsten annehmen, so werden sehr bald [S. 44] auch diese, wenn sie die Früchte der Besserung verkosten, uns in Liebe aufsuchen; und, was höher als Alles ist, wir gelangen dereinst zum Genusse der Güter, die im Himmel aufgehoben sind, deren wir Alle theilhaftig werden mögen durch die Gnade und Barmherzigkeit unsers Herrn Jesu Christi, durch welchen und mit welchem dem Vater sammt dem heiligen Geiste sei Preis, Kraft, Ehre, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

1: Mark. 6, 18.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger